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Nachhaltigkeit im Gepäck

Nachhaltigkeit im Gepäck
Interview mit Andreas Schechinger, CEO von Tatonka in Dasing. Der Rucksackhersteller Tatonka geht in Sachen faire Arbeitsbedingungen in seinem Werk in Vietnam vorbildliche Wege.
Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH in Dasing. Foto Tatonka

 

 

"Mein persönliche Motivation ist, es als mittelständisches Unternehmen durch andere Herangehensweisen langfristig gleich oder sogar besser machen zu können als die Branchenriesen." Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH

Für viele Menschen wird es immer wichtiger, Produkte zu erwerben, die unter sozial verträglichen, fairen Bedingungen hergestellt werden. Der Dasinger Rucksackhersteller Tatonka geht in Vietnam vorbildliche Wege.

 

Das schwäbische Unternehmen Tatonka unterhält in Vietnam ein 100 prozentiges Tochterunternehmen, die Mountech Co.Ltd., in deren eigenen Fabriken in Ho Chi Minh City und Anh Nhon in Vietnam Outdoor-Produkte hergestellt werden. Tatonka hat das Werk in Ho Chi Minh City Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnet das Werk in Ho Chi Minh City seine Tore und jeder kann sich persönlich vom nachhaltigen und sozialen Engagement der Firma Tatonka überzeugen. Die Lifeguide-Reportage "Ein Tag bei Tatonka in Vietnam" finden Sie hier. Annabell Hummel sprach mit Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH.

 

Herr Schechinger, Sie sind der Geschäftsführer der Tatonka GmbH in zweiter Generation. Was bedeutet Unternehmertum in Ihrer Familie und für Sie selbst?Andreas Schechinger: Unternehmertum bedeutet für mich und meine Familie in erster Linie Verantwortung zu übernehmen. Das gilt besonders für die weitere Entwicklung des Unternehmens, sowohl in Bezug auf einen sicheren Arbeitsplatz für unsere Mitarbeiter, aber auch in Sachen Umweltschutz und Sozialstandards.

 

Gibt es konkrete Ziele und Werte in Bezug auf Nachhaltigkeit, die Sie als Unternehmer verfolgen? Wie sind diese entstanden? Konkret gibt es keinen globalen, geradlinigen Plan – wir handeln in allem was wir tun nach der Abwägung zwischen ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll. Sprich wir verfolgen nicht blind nur ökologische Ziele, wenn sich diese nicht auch ökonomisch sinnvoll erachten. Wir geben nicht nur soziale Versprechen ab, wenn wir diese nicht langfristig ökonomisch verantworten und beibehalten können.

Ein Beispiel: Vor knapp 5 Jahren sind wir auch stark unter Druck geraten, unsere Sozialstandards in unserer Fabrik in Vietnam öffentlich zu machen. Viele unserer Konkurrenten haben sich damals entschieden Mitglied der „Fair Wear Foundation“ aus den Niederlanden zu werden, um Sozialstandards in ihren Fertigungen in Fernost darstellen zu können. Wir haben uns damals jedoch dazu entschlossen, diesen Weg nicht zu gehen, weil wir ihn langfristig nicht als ökonomisch betrachten. Wir haben uns entschieden unsere Produktion einerseits nach dem Sozialstandard SA8000 zu zertifizieren (also Sozialstandards fest im Unternehmen zu implementieren, anstatt in jährlichen Audits nur zu kontrollieren) und andererseits haben wir an Stelle von jährlichen Berichten unsere Produktion durch unser „OPEN FACTORY“ Projekt komplett für Besucher geöffnet.

 

Was würden Sie als Ihre größten Erfolge mit dem Unternehmen Tatonka bezeichnen? Welche Barrieren mussten Sie dabei überwinden? Unser größter Erfolg liegt sicherlich in unserer eigenen Produktion in Vietnam. Die Barrieren, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen müssen, waren und sind heute riesig. Seien es rechtliche oder gesetzliche Barrieren, finanzielle Hürden wie z.B. Inflation und Wechselkurse oder mehr und mehr Naturkatastrophen wie Unwetter oder Überschwemmungen an unserem Produktionsstandort.

 

Wie wichtig ist für Sie der Austausch innerhalb der Outdoor-Branche und darüber hinaus? Welche Rolle spielt Konkurrenz beim Thema Nachhaltigkeit/CSR? Den Austausch innerhalb der Outdoor-Branche betreiben wir mit unseren Konkurrenten in Arbeitsgruppen sowohl im Bundesverband der Deutschen Sportartikelindustrie (BSI) als auch in Arbeitsgruppen der European Outdoor Group (EOG). Die gesunde Konkurrenz untereinander motiviert uns, da auch selbst immer wieder am Ball zu bleiben und unseren aktiven Beitrag zu leisten, um jeden Tag die Welt ein Stück weit besser zu machen. Wir sind zwar Konkurrenten zueinander, aber in den Arbeitsgruppen haben wir teilweise so komplexe und umfangreiche Themen, die keiner von uns, egal wie groß er ist, alleine bearbeiten oder lösen kann. Deshalb gibt es dort nur ein gemeinsames Denken und Handeln.

 

Welche Bedeutung hat der Standort Dasing für Sie und welche Vor-und Nachteile sehen Sie? Mit dem Standort in Dasing haben wir unsere volle Eigenständigkeit erreicht – wir hatten bis zum Neubau und Umzug 1989 immer nur ein gemeinsam genutztes Lager und waren ab dann auf einmal eigenständig. Ab da mussten wir alles selbst erwirtschaften und selbst finanzieren, egal ob es die Lagerräume, die Lagereinrichtung oder die EDV war – alles musste auf einmal nur durch unser eigenes Handeln funktionieren und erwirtschaftet werden. Der Vorteil von Dasing liegt natürlich in der guten Erreichbarkeit über die voll ausgebaute A8 oder die B300 und der guten Lage von Dasing/Bayern innerhalb Europas. Nachteile waren bisher eine schwache Online-Anbindung (seit letztem Jahr durch M-net deutlich verbessert) und ein recht wackeliges Stromnetz mit E.ON Bayern.

 

Wie leben Sie Nachhaltigkeit in Ihrem persönlichen Umfeld? Ich versuche in meinem Unternehmen alle Mitarbeiter langfristig für das Unternehmen zu gewinnen und zu halten. Sei es durch einen attraktiven und sicheren Arbeitsplatz, gute Werkzeuge, Maschinen, EDV usw., mittel- und langfristige Entwicklungsperspektiven im Unternehmen und gute und angemessene Bezahlung. Jeder Mitarbeiter bringt erst langfristig für das Unternehmen einen nachhaltigen Erfolg.

 

Ihre Freizeit ist sicherlich knapp bemessen? Wie verbringen Sie diese am liebsten? Ja, in der Outdoor- und Freizeitbranche zu arbeiten bedeutet leider nicht automatisch auch Freizeit zu haben, insbesondere mit einer eigenen Marke und einer Produktion in Vietnam muss man mindestens in drei Saisonen gleichzeitig denken, handeln und entscheiden. Wenn ich dann mal freie Zeit finde, verbringe ich diese gerne Zuhause, aber auch irgendwo unterwegs, Hauptsache zusammen mit meiner Familie.

 

Hand aufs Herz: Haben Sie ein Lieblingsprodukt bei Tatonka? Ja - meinen täglichen Begleiter - den Team Tatonka Tagesrucksack „NEW HAVEN“ in welchem ich alles mit dabei habe, was ich wo auch immer benötige – von Laptop über Handy bis hin zu Pflaster oder Kopfschmerztabletten.  

 

INFO: Tatonka

Tatonka ist ein junges bayerisches Familienunternehmen – mittlerweile in der zweiten Generation. Der Firmengründer Winfried Schechinger erkannte frühzeitig in Deutschland und Europa einen wachsenden Markt für Outdoor-Produkte und gründete bereits 1980 die Mountain Sport GmbH zum Vertrieb von Sportartikeln. Im Jahr 1993 entstand die Marke Tatonka und die Firma wurde in TATONKA GmbH umbenannt.

  • Gründung 1981
  • Sitz Dasing, Bayern
  • Leitung Andreas Schechinger (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter*innen 65 in Dasing, 800 in Vietnam
  • Branche Outdoor-Textilien und Ausrüstung

Open Factory Open Factory heißt „Offene Fertigung“: Einmal in der Woche öffnet Mountech Co.Ltd., die Produktionsstätte von Tatonka in Vietnam, ihre Türen. Alle, die es interessiert – Verbraucher, Händler, Journalisten, Wirtschaftsfachleute, NGO-Vertreter, können die Fertigung bei laufendem Produktionsbetrieb besichtigen.

Innerbetriebliche Regelungen Die innerbetrieblichen Regelungen orientieren sich an den Gesetzen der Volksrepublik Vietnam, an den Gewerkschaftsbestimmungen des Landes und an der betrieblichen Mitbestimmung. Die Regelungen betreffen:

  • Arbeitszeit
  • Pausen
  • Urlaub
  • Lohnsystem
  • Überstundenregelung
  • Mittagessen / Abendessen
  • Sozialversicherung
  • Kinderarbeit und Mutterschutz
  • Ausbildung/Weiterbildung
  • Arbeitssicherheit, Brandschutz, Hygiene

www.tatonka.com

Die kostenlosen Führungen finden jeden Freitag um 10 Uhr vormittags in englischer Sprache in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam statt. Eine Anmeldung für die Führung ist auf der Seite der Open Factory online notwendig. Anmeldung und weitere Informationen hier.

Erstveröffentlichung dieses Interviews im Lifeguide am 27.7.2018

Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Firmengelände von Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka bei seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Mitarbeiter von Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Rucksackfertigung bei Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Mitarbeiterin von Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Mitarbeiter von Mountech Co.Ltd. in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim seinem 100 prozentigem Tochterunternehmen nach europäischen Standards fertigen. Foto: Tatonka
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Open Factory: Ein Tag bei Tatonka in Vietnam

Open Factory: Ein Tag bei Tatonka in Vietnam
Der Rucksackhersteller aus Dasing öffnet in HoChi Minh Stadt jede Woche seine Fabriktore. Stefan Heller war vor Ort und berichtet von seinem Besuch.
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller

Das Schwäbische Unternehmen hat das Werk Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnen sich für Interessierte die Fabriktore: Reportage von Stefan Heller 

 

Frühjahr 2018, die Boom-Metropole Ho Chi Minh Stadt im Süden Vietnams: Es ist tropisch heiß und ich bin mit einem Mototaxi auf dem Weg zu der Rucksackfabrik von Tatonka aus Dasing bei Augsburg. Die deutsche Tatonka GmbH unterhält in Vietnam ein 100 prozentiges Tochterunternehmen – die Mountech Co.Ltd. -  in deren eigenen Fabriken in Ho Chi Minh City und Anh Nhon in Vietnam Outdoor-Produkte hergestellt werden. Das Schwäbische Unternehmen hat das Werk in Ho Chi Minh City Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnet das Werk in Ho Chi Minh City seine Tore und jeder kann sich persönlich vom nachhaltigen und sozialen Engagement der Firma Tatonka überzeugen. Open Factory heißt das Konzept und ich bin nun hier, um mir davon selbst ein Bild machen zu können.

 

Freundlich werde ich am Empfang begrüßt und man weiß sofort, weswegen ich hier bin: Als Europäer falle ich auf. Außerdem bin ich heute der einzige Gast. Ich werde Herrn Nguyễn Thái Dương übergeben und gehe mit ihm in einen Besprechungsraum. Der Nachname wird in Vietnam immer vor den Vornamen gestellt. Nguyễn ist ein gebräuchlicher Nachname, den zirka 40 Prozent aller Vietnamesen tragen. Bevor es losgeht wird ein offizielles Foto von uns beiden geschossen.

 

 

Barfuß in die Ideenzentrale

Vom kühlen Treppenhaus geht es sofort in die „Ideenzentrale“ des Werkes. Doch bevor wir den Raum betreten, werde ich von Herrn Nguyễn freundlich darauf hingewiesen, meine Schuhe auszuziehen. In Vietnam betritt man jeden privaten Raum ohne Schuhe. Diese kleine Geste zeigt mir, welchen Stellenwert die Fabrik für ihre Angestellten hat. Barfuß betrete ich eine kleine Halle. Hier kommen neue Ideen, Designs und Informationen aus Dasing an und werden in die Realität umgesetzt. Im kleinen Stil werden in der Mustermacherei die sogenannten Samples hergestellt, die für die nächste Saison vielleicht in die Serienproduktion gehen sollen.

 

Die heutige Tatonka GmbH mit Sitz in Dasing wurde 1981 durch Winfried Schechinger gegründet und befindet sich seither im Familienbesitz. Sein Sohn Andreas Schechinger ist heute Geschäftsführer und mehrmals im Jahr für einige Wochen in Vietnam. Das Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. wurde 1989 komplett in Eigenregie errichtet und wird seitdem auch in Eigenregie geführt. Mountech stellt für Tatonka nicht nur die Eigenmarken Tatonka mit den verschiedensten Rucksäcken, Zelten und Taschen her. Hier werden auch die Rucksäcke für deutschen Rettungskräfte mit der Marke PAX hergestellt oder die Rucksäcke für die Eisenbahner der Deutsche Bahn, welche man des Öfteren an hiesigen Bahnhöfen bei Schichtwechsel zu Gesicht bekommt. Sogar für Militär und Polizei werden bei Mountech Rucksäcke und Ausrüstung unter dem Markennamen Tasmanian Tiger produziert. Herr Nguyễn führt mich durch den Raum mit den fertigen Samples für die nächste Saison, wo ich alle Marken entdecken kann.

 

Nachdem ich meine Schuhe wieder angezogen habe gehen wir runter in die Lagerhalle. Hier ist reichlich Platz in den Gängen und alles blitzsauber. Gut so, denn die Schuhe bleiben wieder vor der Tür. Ein großes Regal mir Stoffrollen tut sich vor mir auf. Um die Rollen körperschonend aus dem Regal holen zu können, lagern die schweren unten und die leichten oben, daneben ein Behältnis mit vielen Metern blauen und roten Reißverschlüssen. Die Materialien selbst werden nicht in Vietnam produziert, sondern aus anderen asiatischen Ländern importiert. So kommen 80 Prozent der Waren aus Südkorea, der Rest aus Indien, China und Malaysia. Ein Arbeiter holt gerade Nachschub für seine Kollegen.

 

 

Hohe Sicherheitsstandards

Wir betreten jetzt eine weitläufige Halle mit angenehmem Tageslicht. Hier werden mehrere Stoffbahnen auf einmal zugeschnitten. Als ich mir das genauer anschauen will, zieht mich Herr Nguyễn schnell zurück, denn beinahe hätte ich eine gut sichtbare gelbe Linie am Boden überschritten. Dahinter fährt ein Mitarbeiter auf dem Schlitten einer automatischen Stofflegemaschine schnell hin und her. Die bis zu 50 Lagen hohen Stoffbahnen werden anschließend präzise mit Schablone und elektrischem Stoßmesser zugeschnitten. Hier sind Sicherheitshandschuhe Vorschrift, damit kein Finger im späteren Rucksack landet. Stolz wird mir die Stanzmaschine für kleinteilige Stoffteile gezeigt.

Im Treppenhaus schlüpfe ich wieder in meine Schuhe. Während ich die Treppe hochgehe, muss ich unwillkürlich an das Rana-Plaza-Unglück in Bangladesch denken, wo 2013 über 1.000 Näherinnen starben, weil sie sich nicht rechtzeitig aus einem neunstöckigen Hochhaus retten konnten, das in sich zusammenfiel. Das Produktionsgebäude von Mountech hat nur zwei Stockwerke, die Treppenhäuser sind breit, die Fluchtwege gut gekennzeichnet. Wieder barfuß betrete ich das Herzstück der Produktion, die Nähhalle. Auch hier breite, saubere Gänge, helle Beleuchtung, reichlich Platz.

 

Per Knopfdruck bitten die Näherinnen um Hilfe

Die Arbeiterinnen sitzen hintereinander aufgereiht an ihren Tischen und fügen aus unzähligen Teilen einen Rucksack zusammen.  Sie haben verschiedenfarbige Shirts an, die ihre Funktion im Team aufzeigen. Die Näherinnen und Näher sind Grün, die Zuarbeiter*innen hell-orange und die höher gestellten Produktionshelfer*innen lila gekleidet. Über jedem Arbeitsplatz hängen zudem drei Glühlampen in rot, gelb und grün, die von den Näherinnen betätigt werden können, wenn ihnen die Ware ausgeht, sie technischen Support brauchen oder einfach einmal zwischendurch auf Toilette müssen.

 

 

Der TÜV Rheinland war hier

Obwohl es hier wie in einem Bienenstock zugeht, wirken die Mitarbeiter*innen allesamt auf ihre Arbeit fokussiert, aber nicht gehetzt. Tatonka hat seine Produktionstätten der Mountech Co. Ltd. 2011 durch den TÜV Rheinland nach mit dem Sozialstandard SA-8000 zertifizieren lassen. Dieser garantiert die Einhaltung sämtlicher Menschenrechte und sozialen Standards nach internationalen Kriterien im Produktionsablauf und wird alle drei Jahre kontrolliert, zuletzt 2017. So sind die Kernarbeitszeiten für die rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Vietnam von 7:30 bis 16:30 Uhr. Es gibt drei Pausen, normal ist in Vietnam nur eine Pause. Außerdem steht den Mitarbeiter*innen eine Kantine zur Verfügung. Für die vielen weiblichen Arbeiterinnen existiert zudem Schwangerschaftsschutz. Alle Angestellten sind über 17 Jahren alt, die meisten Angestellten haben ein Alter zwischen 24 und 35 Jahren.

 

 

Der finale Rucksack

Jetzt kommt eine besonders wichtige Station. Aber erstmal: Schuhe an, Treppenhaus, Schuhe aus. Nun befinden wir uns in der Endmontage und der Qualitätskontrolle. In kleinen Gruppen sitzen Männer auf dem Fußboden und arbeiten konzentriert. Jeder Riemen und jede Öse wird per Hand in die Rucksack- Halterung gezogen. Bänder werden festgezurrt oder Reißverschlüsse zugezogen. Am Schluss sehen die Rucksäcke wie im Laden aus – alles Handarbeit. Die Qualitätssicherung überprüft jeden einzelnen Rucksack oder jedes Zelt auf Fehler. Erst wenn alles in Ordnung ist, wird die fertige Ware nach Deutschland gebracht. Einen Rucksack kann ich mir hier nicht kaufen, denn einen Werksverkauf gibt es nicht. Alle Rucksäcke werden nach Deutschland transportiert, Überproduktionen werden so also nicht vor Ort zu Dumpingpreisen angeboten um Bonus oder Zuverdienst für die Mitarbeiter zu generieren, wie es häufiger mit anderen Markenprodukten geschieht.

 

Ich nehme meine Schuhe und gehe mit Herrn Nguyễn zurück in das Verwaltungsgebäude. Das war für mich ein wirklich interessanter und aufschlussreicher Vormittag in den Produktionshallen Tatonkas in Südost-Asien. Die erfolgreiche Produktion hat Tatonka und Mountech dazu verlasst in Anh Nhon in der Province Binh Dinh etwa 650 Kilometer nördlich von Ho Chi Minh City eine zweite Fabrik in Vietnam zu errichten. Das Unternehmen zeigt also, dass Waren aus der Textilbranche entgegen der landläufigen Meinung sehr wohl fair hergestellt werden können, ohne auf den notwendigen Profit als Wirtschaftsunternehmen verzichten zu müssen.

 

 

INFO: Tatonka

Ein Interview mit Tatonka-Geschäftsführer Andreas Schechinger findet ihr hier.

Tatonka ist ein junges bayerisches Familienunternehmen – mittlerweile in der zweiten Generation. Der Firmengründer Winfried Schechinger erkannte frühzeitig in Deutschland und Europa einen wachsenden Markt für Outdoor-Produkte und gründete bereits 1980 die Mountain Sport GmbH zum Vertrieb von Sportartikeln. Im Jahr 1993 entstand die Marke Tatonka und die Firma wurde in TATONKA GmbH umbenannt.

  • Gründung 1981
  • Sitz Dasing, Bayern
  • Leitung Andreas Schechinger (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter*innen 65 in Dasing, 800 in Vietnam
  • Branche Outdoor-Textilien und Ausrüstung

Open Factory Open Factory heißt „Offene Fertigung“: Einmal in der Woche öffnet Mountech Co.Ltd., die Produktionsstätte von Tatonka in Vietnam, ihre Türen. Alle, die es interessiert – Verbraucher, Händler, Journalisten, Wirtschaftsfachleute, NGO-Vertreter, können die Fertigung bei laufendem Produktionsbetrieb besichtigen.

Innerbetriebliche Regelungen Die innerbetrieblichen Regelungen orientieren sich an den Gesetzen der Volksrepublik Vietnam, an den Gewerkschaftsbestimmungen des Landes und an der betrieblichen Mitbestimmung. Die Regelungen betreffen:

  • Arbeitszeit
  • Pausen
  • Urlaub
  • Lohnsystem
  • Überstundenregelung
  • Mittagessen / Abendessen
  • Sozialversicherung
  • Kinderarbeit und Mutterschutz
  • Ausbildung/Weiterbildung
  • Arbeitssicherheit, Brandschutz, Hygiene

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Die kostenlosen Führungen finden jeden Freitag um 10 Uhr vormittags in englischer Sprache in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam statt. Eine Anmeldung für die Führung ist auf der Seite der Open Factory online notwendig. Anmeldung und weitere Informationen hier.

Erstveröffentlichung dieser Reportage im Lifeguide am 27.7.2018

Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Stefan Heller, Nguyễn Thái Dương
Nguyễn Thái Dương und Stefan Heller beim Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack,
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller
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St. Ursula war die erste Fairtrade School in Augsburg

St. Ursula war die erste Fairtrade School in Augsburg
Seit über drei Jahren engagieren sich Schülerinnen und Lehrerinnen für eine gerechte Welt
St. Ursula Augsburg, Fairtrade School, Augsburg, Eine Welt, gerechte Welt, fairer Handel, Foto: St. Ursula

Vor über drei Jahren hat die Mädchen-Realschule-St. Ursula in Augsburg als erste Schule in Augsburg den Titel Fairtrade School errungen. Seitdem setzen die Schülerinnen und Lehrkräfte mit großem Engagement die Ziele einer Fairtrade-School um. Dazu gehören zum Beispiel der Verkauf und Verzehr von fair gehandelten Produkten, eine fairtrade-Schulaktion oder die Behandlung des Themas im Unterricht. Die Fairtrade Gruppe von St. Ursula besteht inzwischen aus 30 aktiven Schülerinnen, die zusammen mit ihrer Lehrerin, Monica Pfiffner, für den Fairen Handel werben – an der Schule, bei Eltern und in der Öffentlichkeit.

Faire Schokobananen

Bei einer ihrer Aktionen ging es um Bananen. Im Augsburger Weltladen wurden über 100 fair gehandelte Bananen gekauft. Ein Teil wurde am Tag zuvor halbiert und in Zartbitter Kuvertüre getaucht. Beim Pausenverkauf  fanden die Schoko-Bananen bei Schülerinnen und Lehrkräften reißenden Absatz. Der andere Teil wurde so verkauft – einfach pur. Die Schülerinnen informierten bei der Gelegenheit über die katastrophalen Arbeitsbedingungen im konventionellen Bananenanbau und warum es den Kleinbauern hilft, wenn wir fair gehandelte Bananen kaufen. Am wichtigsten ist: Die Kleinbauern stehen nicht unter dem gnadenlosen Preisdruck der internationalen Lebensmittelkonzerne. Sie können sich darauf verlassen, dass sie faire Löhne bekommen. Sie sind keinen giftigen Pestiziden ausgesetzt und ihre Kinder können die Schule besuchen. Was den Schülerinnen bei ihrer Aktion auch wichtig war: Es wurde überhaupt kein Müll produziert!Auch zum Valentinstag ließen sich die Schülerinnen etwas einfallen: In der Pause wurden 150 fair gehandelte Rosen verkauft. Denn auch für Blumen gilt: Wer sie mit dem Fair-Trade-Siegel kauft sorgt für faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern, verhindert Kinderarbeit und fördert soziale Projekte. Nachdem die Schülerinnen auch mit dieser Aktion so erfolgreich waren und so viel Spaß hatten, haben sie sich für nächstes Jahr vorgenommen, doppelt so viele Blumen zu verkaufen.

 

Augsburg hat drei Fairtrade Schools

In Augsburg gibt es drei Fairtrade Schools: Die Mädchen Realschule St. Ursula, das Gymnasium bei St. Anna und ganz das Gymnasium Maria Ward.

Wer Fairtrade School werden möchte, muss fünf Kriterien erfüllen:

  • Gründung eines Fairtrade-Schulteams bestehend aus Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen, Schülern, Eltern sowie weiteren Interessierten.
  • Erstellen eines Fairtrade-Kompasses an der Schule, die vom Rektor/der Rektorin unterzeichnet sein muss.
  • Verkauf und Verzehr von fair gehandelten Produkten an der Schule.
  • In mindestens zwei verschiedenen Klassenstufen/Jahrgängen muss in mindestens zwei unterschiedlichen Fächern Fairtrade im Unterricht behandelt werden.
  • Mindestens einmal im Schuljahr muss es eine Schulaktion zum Thema Fairtrade geben.

pm/cm

 

 

St. Ursula Augsburg, Fairtrade School, Augsburg, Eine Welt, gerechte Welt, fairer Handel, Foto: St. Ursula
Die Mädchenrealschule St. Ursula in Augsburg ist Fairtrade School. Hier verkaufen die Schülerinnen fair gehandelte Rosen am Valentinstag. Foto: St. Ursula
St. Ursula Augsburg, Fairtrade School, Augsburg, Eine Welt, gerechte Welt, fairer Handel, Foto: St. Ursula
Die Mädchenrealschule St. Ursula in Augsburg ist Fairtrade School. Hier verkaufen die Schülerinnen fair gehandelte Bannanen. Foto: St. Ursula
St. Ursula Augsburg, Fairtrade School, Augsburg, Eine Welt, gerechte Welt, fairer Handel, Foto: St. Ursula
Die Mädchenrealschule St. Ursula in Augsburg ist Fairtrade School. Hier verkaufen die Schülerinnen fair gehandelte Bannanen. Foto: St. Ursula
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Reich an Rohstoffen und dennoch arm

Reich an Rohstoffen und dennoch arm
Sie sind die reichsten Länder der Welt. In ihren Böden lagert Gold in Hülle und Fülle. Sie verfügen über Öl, Gas und Seltene Erden. Und trotzdem sind die Menschen hier bitterarm. Der Ressourcenfluch betrifft vor allem Afrika, Asien und Lateinamerika.
fairtraide, faires Gold, Foto: Fairtrade

70 Prozent der Bevölkerung in rohstoffreichen Ländern müssen mit weniger als 1,90 US-Dollar am Tag überleben. Der Fachausdruck für diesen inakzeptablen Zustand ist Ressourcenfluch. In Afrika sind über 20 Länder betroffen und auch in Lateinamerika und Asien trifft es viele ressourcenreiche Länder.

 

Bekannte Beispiele sind Nigeria, Venezuela und Indonesien. Besonders drastisch trifft der Ressourcenfluch die Demokratische Republik Kongo mit seinen Goldvorkommen. Das wertvolle Gold aus der roten Erde des zentralafrikanischen Staates findet sich in nahezu allen Smartphones oder Laptops dieser Welt. Häufig stammt das kongolesische Gold aus illegalen Geschäften.

 

In Afrika lagern 40% der weltweiten Goldvorkommen, aber trotz dieser und anderer  enormer Rohstoffvorkommen produziert der Kontinent nur 3% des Wertes aller weltweit hergestellten Waren und Dienstleistungen. Auf dem Weltmarkt sind afrikanische Produkte kaum zu finden, noch nicht mal ein Kugelschreiber oder eine Luftpumpe! Das Schicksal des Kontinentes ist beispielhaft für den fatalen Zusammenhang von reichen Bodenschätzen und einer schleppenden wirtschaftlichen Entwicklung. Das Gold aus dem Kongo steht in diesem Artikel exemplarisch für zahlreiche andere Rohstoffe, die weltweit von der Industrie verarbeitet werden - wie Kobalt , Seltene Erden oder Seltene Metalle.

 

 

Mit dem Gold wird die Verantwortung verkauft

Angefangen mit dem Kolonialismus sind seit jeher internationale Großunternehmen an den Goldvorkommen der Länder interessiert. Sie schlachten in großen Minen systematisch die Bodenschätze aus, exportieren die Rohstoffe und bringen die Länder politisch und wirtschaftlich aus dem Gleichgewicht. 

 

Denn der Handel mit Rohstoffen ist oft die größte und einzige Einnahmequelle der Regierungen. Die Steuern der Einwohner*innen spielen keine wichtige Rolle, entsprechend gering ist der Einfluss der Bevölkerung auf ihre Staatsoberhäupter. Das nutzen viele Regierungen aus, um sich persönlich zu bereichern. Und auch durch Bestechungsgelder verschwindet viel Geld in privaten Taschen.

 

Das Wohl der Allgemeinheit, Bildung und soziale Maßnahmen hingegen werden kaum gefördert. Auch eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft wird vernachlässigt. Besonders gravierend ist dies in Bezug auf die Landwirtschaft: Die Bevölkerung ist dadurch immer weniger in der Lage, sich selbst mit einheimischen Nahrungsmitteln zu versorgen.

 

Folgen für Mensch und Natur

Die Arbeitsbedingungen in den großen industriellen Minen aber auch in kleineren, familiären Bergbaubetrieben in Ländern des globalen Südens (Entwicklungsländern) sind in vielen Fällen miserabel. Die Arbeiter und Arbeiterinnen verdienen mit ihrer körperlich anstrengenden Arbeit nicht genug Geld, um ihre Familien zu ernähren. Kinderarbeit ist deshalb weit verbreitet. Zehntausende Kinder suchen weltweit in Minen nach dem begehrten Edelmetall. Viele können dadurch die Schule nicht besuchen. Sich eine bessere Zukunft aufzubauen und damit dem Ressourcenfluch zu entkommen, bleibt ihnen verwehrt.

  Die 100 Millionen Erwachsene und Kinder, die weltweit im Rohstoffabbau arbeiten, gefährden dabei ihre Gesundheit. Rund zehn Prozent des geförderten Goldes kommt aus kleinen, nicht offiziell zugelassenen Minen. Gerade in diesen Minen bekommen die Schürfer*innen keine Schutzausrüstung, sie atmen tagtäglich viele Stunden Staub und teilweise giftige Substanzen ein. Lungenerkrankungen wie Asthma sind weit verbreitet. Viele Minen sind nicht ausreichend gesichert. Von Hand gegrabene Schächte und Tunnel drohen einzustürzen und führen zu schweren Unfällen mit tödlichen Folgen.

 

Tödlich kann auch der ungeschützte Kontakt mit giftigen Substanzen enden. Gold zu gewinnen ist sehr aufwendig, es kommt im Boden nur in geringen Konzentrationen und als feine Partikel vor. Um es abzubauen wird das hochgiftige Zyanid oder Quecksilber verwendet. Ohne Schutzausrüstung sind Hautentzündungen und Vergiftungen die Folge. Und auch die Umwelt leidet unter diesen Substanzen. Das Grundwasser wird vergiftet, Tiere und Pflanzen streben.

 

Zertifiziertes, faires Gold erkennen

Seit einigen Jahren rückt die Herkunft des Goldes immer mehr in den Fokus. Vom einfachen Minenarbeiter zum Zwischenhändler, weiter an die internationalen Umschlagplätze bis zur Verarbeitung von Gold - von der Abbaumine bis zum Endverbraucher -  ist es ein weiter Weg.  In den letzten Jahren haben sich mehrere freiwillige Initiativen und auch internationale Standards und Regularien entwickelt, die das Goldgeschäft nachhaltiger gestalten sollen. Neben besseren Arbeitsbedingungen für die Goldschürfer*innen weltweit, ermöglichen diese Standards den Verbraucher*innen, zurückzuverfolgen, woher das Gold kommt und unter welchen Bedingungen es gewonnen wurde.

 

Die „Alliance for Responsible Mining“ ist ein Pionier im Bereich des verantwortungsvollen Goldbergbaus. Das Netzwerk aus Organisationen, Umweltschützer*innen und Unternehmen zeichnet mit dem Siegel „Fairmined“ Goldminen aus, die beim Abbau soziale und ökologische Standards einhalten. Die Arbeitsplätze und der Arbeitsprozess sind sicher. Sie verzichten auf Kinderarbeit und setzen Chemikalien sicher und reduziert ein. Das Siegel garantiert den Minen einen Mindestpreis und zusätzliche Prämien, wenn sie die Standards einhalten. Die Alliance for Responsible Mining betreut und unterstützt zertifizierte Minen außerdem bei der Einhaltung der Standards.

 

Auch der Verein TransFair vergibt ein Fair Trade Siegel für Gold und Edelmetalle. Das Siegel steht für besseren Schutz von Mensch und Umwelt im Goldabbau, damit die Minenarbeiter ihre Lebenssituation und die ihrer Familie aus eigener Kraft langfristig verbessern können. Für zertifiziertes Gold bekommen die Minen einen stabilen Mindestpreis und eine zusätzliche Fairtrade-Prämie. Bestimmungen für Arbeits- und Umweltschutz werden eingehalten, die Minenarbeiter*innen können vom Goldabbau leben und ihre Kinder eine Schule besuchen. Wer mit dem Kauf von Schmuck fairen Handel unterstützen möchte, findet Händler*innen und Goldschmiede, die mit zertifiziertem Gold arbeiten, im fairtrade-Produktfinder.

 

Das nachhaltigste Gold ist recyceltes Gold

Wer in Deutschland Schmuck bei einem Goldschmied kauft, muss sich nicht allzu große Sorgen um die Herkunft des Goldes machen. " Wir sind die ältesten Recycler der Welt", sagt  Reiner Fein vom Zentralverband der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere.

 

Mehr als 90 Prozent des Goldes, das deutsche Goldschmiede verarbeiten, ist recyceltes Gold. "Die größten, unstillbaren „Hungerer“ nach Gold sind nicht die Juweliere, sondern die Anleger, die Gold als Kapitalanlage kaufen und die Industrie, die den Rohstoff für Handys, Katalysatoren in PKWs oder für Computer benötigen“, so  Sophia Singer, Augsburger Goldschmiedemeisterin.

 

Sophia Singer verwendet hauptsächlich recyceltes Gold für ihre Werke. Das hat in ihrem Handwerk seit Jahrtausenden Tradition. Für die Schmuckdesignerin ist das nicht nur eine Frage der Wertschätzung des teuren Materials, sondern auch eine Frage der Nachhaltigkeit:  „Jedes Material, das wir recyceln können ist besser und nachhaltiger, als frisch abgebautes Material“, so Sophia Singer. Bei Schmuck ist es also relativ einfach, nachhaltig zu handeln. Altes Gold einschmelzen und daraus neue Lieblingsstücke zu machen, verbraucht keine neuen Ressourcen. Die Geschichte des alten Schmuckstücks lebt im Neuen weiter. Dafür werden keine Menschenrechte verletzt und der Ressourcenfluch wird nicht weiter befeuert.

 

Den Ressourcenfluch zu lösen, ist komplex

Um ein Umdenken zu initiieren ist es beim Kauf von Smartphones, Handys oder Laptops  wichtig, nachzufragen, woher das Material stammt und unter welchen Bedingungen es abgebaut wurde. Eine Liste mit fairen Handys und Smartphones stellt Utopia zur Verfügung. Auch wer Gold als Geldanlage verwendet, sollte die Herkunft klären.

 

Zertifizierungen von Gold beziehungsweise von Rohstoffen allein lösen aber nicht das Problem des Ressourcenfluchs. Die Zertifizierungen erhöhen zwar die Transparenz in der Lieferkette und können zu einer Verbesserung der Lebensumstände der Minenarbeiter beitragen, die Konflikte rund um die Minen und die sich selbst bereichernden Regierungen bleiben jedoch bestehen. Den Ressourcenfluch zu lösen, ist komplex. Es braucht dafür sowohl ein Umdenken in der Politik der rohstofffördernden Länder als auch im Konsumverhalten der Länder, deren Industrie von den Rohstoffen profitiert.

 

Wie können Wissenschaft und Gesellschaft voneinander profitieren?

Dieser Artikel ist ein Ergebnis des zweiten Lifeguide-Seminares an der Universität Augsburg, das unsere Redakteurinnen Cynthia Matuszewski und Sylvia Schaab im Wintersemester 2018/ 2019 im Fachbereich Geographie anboten. Die Kernfrage lautete: Wie können Wissenschaft und Gesellschaft voneinander profitieren? Indem sie so oft wie möglich miteinander sprechen und sich austauschen. Indem also beispielsweise junge Wissenschaftler*innen in allgemein verständlicher Sprache von ihren Forschungsprojekten, ihren Forschungsfragen oder ihren Zukunftsmodellen berichten. Im Laufe des Seminars wurde über Verständlichkeit gesprochen, über Recherche, Gegenrecherche, Überschriften, Teaser, Fotos und vieles mehr. „Das war eine inspirierende Zeit für uns von der Lifeguide-Redaktion mit sehr engagierten Studentinnen und Studenten des Fachbereichs Geographie. Es hat Spaß gemacht,  mit ihnen in einer Uni-Redaktion zusammenzuarbeiten!“, berichten Cynthia Matuszewski und Sylvia Schaab.

 

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Eco Gold
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Das Fairtrade-Siegel garantiert faire Arbeitsbedingungen und fair gehandeltes Gold. Foto: Fairtrade
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Das Fairtrade-Siegel garantiert faire Arbeitsbedingungen und fair gehandeltes Gold. Foto: Fairtrade
Das Fairmined Logo garantiert faire Arbeitsbedingungen in den Minen. Logo: Faimined
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Das Fairtrade-Siegel garantiert faire Arbeitsbedingungen und fair gehandeltes Gold. Foto: Fairtrade
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