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foodsharing in Augsburg

foodsharing in Augsburg
Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen! In Augsburg gibt es 230 aktive Foodsaver*innen. Von 2015 bis 2020 retteten sie in 23.000 Einsätzen rund 280 Tonnen Lebensmittel.
foodsharing: Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!

„Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“ Das ist das Motto der Initiative foodsharing, die sich seit 2012 dafür einsetzt, dass Lebensmittel eine höhere Wertschätzung erfahren und nicht verschwendet werden. Die Internet-Plattform www.foodsharing.de ermöglicht es Privatleuten, zu viel gekaufte Lebensmittel in Form sogenannter „Essenskörbe“ anzubieten, die andere abholen und verbrauchen können.

 

Gastbeitrag von Elke Thiergärtner, foodsharing-Botschafterin von Augsburg

 

In Augsburg hat sich im Februar 2015 eine Gruppe von Engagierten gefunden, die sich über das private Teilen von Lebensmitteln hinaus dafür einsetzen, Essen auch im Handel, bei Gastronomiebetrieben oder auf Veranstaltungen abzuholen und weiterzuverteilen. Was damals als sehr kleine Gruppe begonnen hat, ist in den letzten Jahren zu einer beachtlichen Größe angewachsen: Aktuell retten 230 aktive Foodsaver*innen Lebensmittel bei etwa 45 Kooperationsbetrieben – vom kleinen Gemüsestand bis zum Supermarkt. Dazu kommen regelmäßige Abholungen bei Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Augsburger Plärrer oder dem Christkindlesmarkt.

 

Von 2015 - 2020: 23.000 Rettungseinsätze für 280 Tonnen Lebensmittel

Das Engagement der Foodsaver*innen und das große Netzwerk an Abnehmer*innen machen es möglich, dass wir auch ungewöhnliche Aktionen wie etwa die Rettung und Verteilung von 11.000 Litern Erbsenmilch im Februar 2020 stemmen können. Insgesamt konnten wir so bei über 23.000 Rettungseinsätzen schon fast 280 Tonnen Lebensmittel vor der Tonne retten.

foodsharing betreibt in Augsburg mehrere „Fairteiler“ – öffentlich zugängliche Stellen mit Kühlschrank und Regal, an denen alle Augsburger*innen übrig gebliebene Lebensmittel abgeben bzw. dort abgelieferte Lebensmittel mitnehmen können. Die meisten Augsburger Fairteiler sind aktuell aufgrund des Lockdowns geschlossen. Geöffnet sind die Standorte im Grandhotel Cosmopolis, Springergasse 5,  sowie im Hof der Alten Gasse 7 (hinter dem Kulturcafé Neruda ).

Seit Mai 2020 ist foodsharing in Augsburg Teil der Lokalen Agenda. Damit haben wir noch mehr Gelegenheit, uns mit anderen Initiativen zu vernetzen und gemeinsam über das Thema Lebensmittelverschwendung aufzuklären und zu informieren. Sei es online über soziale Netzwerke  oder – sobald dies wieder möglich ist – mit Aktionen wie Schnibbelpartys oder Infoständen bei Veranstaltungen.

 

100 Prozent Ehrenamt

Die Plattform foodsharing.de wie auch das Engagement der Foodsaver ist zu 100 Prozent ehrenamtlich. Das Retten und Teilen der Lebensmittel findet komplett geldfrei statt. Wir sehen uns dabei nicht als Konkurrenz zur Tafel oder anderen Organisationen, die Bedürftige mit Lebensmitteln versorgen. Vielmehr arbeiten wir als Ergänzung, indem wir z. B. Lebensmittel retten, die die Tafeln nicht annehmen dürfen, oder auch Kleinstmengen mitnehmen.

Wer Foodsaver werden möchte, registriert sich auf www.foodsharing.de. Nachdem man dort ein Quiz bestanden hat, absolviert man drei Einführungsabholungen mit erfahrenen Foodsavern. Danach erhalten die neuen Foodsaver einen foodsharing-Ausweis und können im Rahmen unserer Betriebsteams Lebensmittel bei kooperierenden Betrieben abholen.

Kontakt: augsburg@foodsharing.network

 

Die Fairteiler-Standorte in Augsburg:

  • Keller des Grandhotel Cosmopolis (Springergässchen 5)
  • Hof hinter dem Kulturcafé Neruda (Alte Gasse 7)
  • Sozialkaufhaus contact (Im Tal 8, Haunstetten)
  • Kinder- und Jugendhaus Lehmbau in Hochzoll (Mittenwalder Straße 31, Mo-Fr 10-19 Uhr)
  • im City Café (Konrad-Adenauer Alllee 9, Di-Sa ab 14 Uhr)

Kontakt: augsburg@foodsharing.network

Foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
Foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
Foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
Foodsharing, Augsburg, Lebensmittel retten, Foto: Foodsharing Augsburg
Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel. Foto: Foodsharing Augsburg
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Der Weg in eine verschwendungsfreie Zukunft!

Der Weg in eine verschwendungsfreie Zukunft!
Projekttag Teller statt Tonne in Germering. Foto: Lotte Heerschop

Der Markt für Lebensmittel versagt. Fehlanreize für Verbraucher*innen und Erzeuger*innen führen zu Verschwendung,  Artensterben und Vergiftung unserer Umwelt – Folgen eines erbarmungslosen Preiskampfes, der die wahren Kosten der Nahrungsmittelerzeugung ignoriert.

Ein Kommentar von Ursula Hudson

Am Rande der Olympischen Spiele in Rio fand eine bemerkenswerte Aktion statt: Der brasilianische Gastronom und Slow-Food-Aktivist David Hertz bekochte ein Woche lang die Einwohner eines Armenviertels von Rio – ausschließlich aus den Lebensmittelresten des Olympischen Dorfes. Dabei halfen Hertz die Mitglieder seiner Organisation "Gastromotiva", die sich um benachteiligte Jugendliche aus den Favelas kümmert und sie zu Köchen ausbildet, sowie der italienische Stargastronom Massimo Bottura. Dies kluge und sehr medienwirksame Projekt machte weltweit Menschen auf das Problem des achtlosen Umgangs mit Lebensmitteln und deren ungerechte Verteilung aufmerksam.

 

Die EU diskutiert erstmals die Kreislaufwirtschaft

Die ersten Slow-Food-Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung in Deutschland fanden im Jahr 2010 statt. Seither ist im Verein viel aus der Beschäftigung mit diesem Thema entstanden: die Teller- statt-Tonne-Veranstaltungen und andere Aktionstage, die weltweit laufenden Schnippeldiskos von Slow Food Youth, die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das Schulprojekt Teller statt Tonne und viele Partnerschaften mit Landwirten, Schulen, politischen Entscheidungsträgern und anderen Nichtregierungsorganisationen. Ein großes, lebendiges Netzwerk wurde geschaffen. Unsere Aktionen waren Inspirationsquell für kreative junge Leute, sie haben Restaurants und Start-ups gegründet und die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung zum unternehmerischen Leitbild gemacht. Auch politisch hat sich viel getan. Besonders deutlich bei der EU-Kommission: Sie diskutiert Kreislaufwirtschaft, die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums, setzt Ziele zur Reduzierung des Lebensmittelmülls und formuliert Vorschläge für Maßnahmen gegen die ungeheure Verschwendung von Lebensmitteln.

Auch auf Länderebene tut sich etwas. Nach Frankreich hat sich nun Italien für eine Änderung im Lebensmittelrecht entschieden: Während die Franzosen ihren Supermärkten vorschreiben, unverkaufte oder abgelaufene Lebensmittel künftig kostenlos abzugeben, setzen die Italiener auf steuerliche Anreize. In Deutschland macht der Lebensmitteleinzelhandel durch Rettungsaktionen für Erzeuger auf sich aufmerksam. So nahm der Discounter Penny die Ernte französischer Aprikosenbauern ins Sortiment, deren Obst durch Wetterschäden unansehnlich und daher schlecht verkäuflich war. Die französische Supermarktkette Intermarché wiederum sammelt übriggebliebenes Gemüse und Obst ihrer Märkte und nimmt es, zu Suppen und Kompott verwertet, noch einmal ins Angebot. Deutsche Gastronomen reduzieren erfolgreich Portionsgrößen, vor allem beim Fleisch. Dies gelingt, weil sich das Bewusstsein vieler Verbraucher geändert hat.

 

Tierleid und Vergüllung haben leider keinen Preis

In der Summe sind dies alles zweifellos Erfolge. Befinden wir uns als Gesellschaft also auf dem besten Weg in eine verschwendungsfreie Zukunft? Nein, meine ich. All diese genannten Maßnahmen und Aktionen sind wichtig, aber im Grunde zielen sie lediglich auf die Bekämpfung von Symptomen. Ursache der Verschwendung im Globalen Norden ist ein Wirtschaftssystem, das die wahren Kosten der Lebensmittelerzeugung erfolgreich auf Dritte abschiebt. Das ständige Überangebot, der grotesk rasante Warenumschlag und die damit einhergehenden ausbeuterisch niedrigen Erzeugerpreise sind nur deswegen möglich, weil das Marktgeschehen nicht die sozialen und ökologischen Folgekosten reflektiert. Ein konkretes Beispiel: Das tellergroße Riesenschnitzel mit Kartoffelsalat zum Kampfangebot von 4,50 Euro kann das Gasthaus um die Ecke nur solange anbieten, wie Tierleid und Vergüllung der Umwelt keinen Preis haben. Und da wir als Gäste so billig davonkommen, können wir es uns natürlich auch leisten, die Hälfte auf dem Teller übrig zu lassen.

In Deutschland kommen jährlich knapp 2 000 neue Lebensmittelprodukte in den Handel, davon verschwinden innerhalb eines Jahres bis zu 90 Prozent wieder – was bedeutet, dass der Markt eigentlich gesättigt ist. Was die landwirtschaftliche Produktion angeht, immer noch die Basis für einen Großteil unserer Lebensmittel, beginnt die Verschwendung bevor der Bauer seine Äcker bestellt: Denn er muss stets so großzügig planen, dass er seine Lieferverträge auch dann einhalten kann, wenn ihm etwa das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht. Das Zuviel entsteht also bereits ganz am Anfang der Lebensmittelkette. Wenn es nach der Politik geht, dann soll der Verbraucher am Ende alles wieder richten – möglichst, indem er den ganzen Überschuss restlos verputzt. Mutet das nicht beinahe kabarettistisch an? Wir Verbraucher sollen schlucken, was das System an Überproduktion auftischt? Nein, das können wir gar nicht!

 

Gerechte Bezahlung bedeutet Einrechnung aller Kosten!

Unser Beitrag sollte ein anderer sein. Wir können lernen, mit unseren Lebensmitteln klug, wertschätzend, genießend und im Schulterschluss mit Erzeugern und handwerklichen Weiterverarbeitern umzugehen. Wir können unser Essen aus den bestehenden Alternativen zum dominanten System beziehen. Und wir können darauf achten, einen gerechten Preis für unsere Lebensmittel zu bezahlen – erst dann machen wir uns auf den Weg in eine verschwendungsfreie Zukunft!

 

Diese Kolumne stammt aus dem Slow-Food Magazin und wurde am 28.2.2017 im Lifeguide veröffentlicht.

 

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