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Kultur & Bildung

Erasmus Austausch: A Vision Shared

Udo Legner, ehemaliger Lehrer am MTG in Augsburg, betreut auch im Ruhestand das Erasmus-Projekt "A Vision Shared". Interkulturelles Wissen gepaart mit Klimaschutz soll aus den jungen Augsburger*innen verantwortungsvolle Europäer machen.
Wandgemälde A Vision Shared im Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg

Was steckt hinter dem Erasmus Programm „A Vision shared“? 

Udo Legner: Unser Erasmus Projekt A Vision Shared ist eine Fortsetzungsgeschichte, die auf früheren europäischen Kooperationsprojekten des María-Theresia-Gymnasiumsbasiert. Lediglich die französische Partnerschule kam neu in unser Erasmus Boot, während wir mit allen anderen Schulen schon früher zusammengearbeitet haben. Mit den Schulen aus Cornwall und Apulien erstmals im Jahr 2008 in einem Projekt zu den GMOs (Gentechnisch Modifizierten Organismen).   

 

Der Titel “A Vision Shared“ geht auf das gleichnamige Folkways Album zurück, auf dem die Leuchttürme der amerikanischen Musikszene Woody Guthrie und Leadbelly ihre Referenz erweisen. Wie die Songs auf diesem Album sollte auch unser Projekt dazu anregen, sich für die gute Sache zu engagieren, in diesem Fall für die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Und so ist "Promoting the UN Sustainable Development Goals in and beyond Schools" der ehrgeizige Untertitel unseres auf drei Jahre angelegten Projekts, das wir zusammen mit unseren Partnerschulen in Putignano (Italien), Murcia, (Spanien), Rodez (Frankreich) und Fowey (England) in Angriff nahmen.
 

Warum gibt es diese Erasmus Programme?

 

Udo Legner: Das Erasmus Programm verdankt seinen Namen dem holländischen Humanisten Desiderius Erasmus (1469-1536) , der zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung zählt. Als Nachfolger des Comenius-Programms, das bereits 1995 etabliert wurde, fördert Erasmus+ seit 2014 persönliche Begegnungen, digitalen Austausch und gemeinsame Projekte für Schulen aus ganz Europa.

 

 

Was lernen die Schüler*innen bei dem Programm?

 

Udo Legner: Wie bei einem regulären Schüleraustausch werden durch Erasmus Projekte interkulturelles und soziales Lernen gefördert. Der Aufenthalt in Gastfamilien, die Schulbesuche und die Projektaktivitäten verschaffen intensive Einblicke in die Lebenswelt der europäischen Nachbarn. Darüberhinaus kommt der Projektarbeit zwischen den einzelnen Begegnungen große Bedeutung zu, durch die die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen machen, die der Schulalltag in diesem Maße in aller Regel nicht bietet.

 

 

Warum habt ihr euch für das Thema Nachhaltigkeit entschieden?

 

Udo Legner: Bereits bei unserem letzten Erasmus Projekt “Owning the Future“ (an dem neben dem MTG auch das Holbein Gymnasium teilnahm) rückten Aktionen und Aktivitäten gegen den Klimawandel in den Mittelpunkt. So veranstalten wir das erste Augsburger Schulbaumfest, führten mit der Augsburger Umweltstation ein Fahrrad-Kino-Filmfest durch und organisierten im Rahmen des Just Kids Festivals unter dem Motto “Global denken, lokal handeln“ den Benefizlauf „Plant for the Planet“.

Durch die Friday for Future Bewegung lag das Thema Nachhaltigkeit im Vorfeld der Antragstellung geradezu in der Luft. Was bei diesem Projekt neu war: Schon vorab legten wir die Nachhaltigkeitsziele fest, auf die sich die beteiligten Partnerschulen in ihrer Projektarbeit konzentrierten.

 

 

Was waren die Highlights beim aktuellen Programm?

 

Udo Legner: Highlights waren sicherlich die Teilnahme am Karneval in Putignano, bei dem erstmalig vorrangig nachhaltige Materialien zum Einsatz kamen, der Besuch des Eden Project und der Kajak Workshop in Cornwall. Auch unser Einsatz im Schulgarten in Rodez im Verbund mit mit der  Präsentation unserer MT Schulbienen und der Premiere des hierfür eigens kreierten "Let it Bee Songs" sind uns in bester Erinnerung! .

Welche Programmpunkte standen in Augsburg auf der Agenda?

 

Udo Legner: Gemäß der von uns gewählten Nachhaltigkeitsziele (Nachhaltige Kommunen / Partnerschaften zum Erreichen der Ziele) für das Auftakttreffen in Augsburg im November 2019 stellten wir unseren Gästen unsere Kooperationspartner vor. So hielten Dr. Norbert Stamm (Lokale Agenda) und George Pennington (siehe Foto) Vorträge. Weitere Workshops und Führungen in der Werkstatt Solidarische Welt sowie mit der Augsburger Umweltstation rundeten das Programm ab. Grosses Kino und grosse Oper gab es auch bei den Besuchen weiterer MTG Kooperationspartner. Sie besuchten das Augsburger Kino-Dreieck und das Staatstheater. Mehr dazu auf der Internetseite von A Vision Shared.

 

Wie hat Corona das Projekt beeinflusst?

Udo Legner: Ganze 18 Monate konnten wegen des Corona-Lockdowns keine Treffen stattfinden! Dies stellte die Projekt-Koordination vor grosse Herausforderungen, die wir nicht zuletzt dank unseres guten Netzwerks meisterten. Während viele Erasmus Schulen die Segel strichen und ihre Projekte für beendet erklärten, nahmen wir uns die Weisheiten des Philosophen Aristoteles zu Herzen: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzten“. 

So überbrückten wir den Corona-Lockdown durch die Kooperation mit dem Münchner Lyrik Kabinett und den Rising Voices, Rising Waters - Eco-Poetry Workshop durch die Lyrikerinnen Lisa Jeschke aus München und María-Daria Cojocaru aus London sowie mit der Produktion von Podcasts (über die Situation in den Augsburger Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie sowie die Zustände in Indien und Honduras) in Kooperation mit der Werkstatt Solidarische Welt.

 

Die ersten Lockerungen der Corona Restriktionen nutzten wir in den letzten Schulwochen 2020 zur Präsentation des Poetry Workshops im Rahmen des Just Kids Festivals und des Augsburger Friedensfests. Weitere Kooperationen: Im Herbst führten wir zusammen mit dem Augsburger Forstamt eine Baumpflanzaktion in der Hammerschmiede und beim Augsburger Begabungstag (sowohl 2020 als auch 2021) beteiligten wir uns mit Videokonferenzen zum Thema „Visionen einer Schule der Zukunft“, bevor es dann endlich zum nächsten Erasmus Treffen nach Rodez ging!

Wie stellt ihr sicher, dass die Reise klimafreundlich stattfindet?

 

Udo Legner: Bei unserem Planungstreffen in Brüssel stand ein Vortrag über die Zukunft der europäischen Zugnetzes auf dem Programm. Abgesehen von dem Treffen im spanischen Murcia führte unsere MT-Erasmus Crew sämtliche Reisen mit der Bahn durch: in Nachtzügen nach Putignano und Rodez.

 

 

Was haben die  Schüler*innen durch den Austausch gelernt?

 

Udo Legner: Einblicke in das (Schul-)Leben unserer Partnerländer - interkulturelle Kompetenz - Potentialentfaltung und Teamfähigkeit durch Teilnahme an internationalen Workshops und Kooperationsprojekten - Selbständigkeit und gesellschaftliches Engagement - Übernahme von Verantwortung zum Erreichen der Klimaziele.

 

 

Was treibt dich an, auch nach deinem Ruhestand das Projekt weiter zu betreuen? 

 

Udo Legner: Die Übergabe des Staffelstabs an jüngere Kollegen und Kolleginnen klappte nicht, weil sich - nicht zuletzt wegen all der zusätzlichen Belastung, die die Corona-Pandemie mit sich brachte - niemand fand, der sich die mit der Projektkoordination verbundenen Verpflichtungen (Erstellung von Projektberichten, Netzwerkarbeit) aufbürden wollte. Folglich betreute ich das Projekt auch nach meiner Pensionierung ehrenamtlich weiter.

 

 

Wird es ein weiteres Projekt geben?

Udo Legner: Wie viele andere Schulen hat sich auch das Maria-Theresia-Gymnasium für das neue Erasmus Akkreditierungsformat beworben. Dieses Format hat den Vorteil, dass es weit weniger administrativen Aufwand erfordert. Einmal akkreditiert, können einmal im Jahr Mittel für Schüleraustausch, Fortbildungen im Ausland oder Begegnungen mit Partnereinrichtungen beantragt werden. Die Akkreditierung ist bis Ende der Programmlaufzeit, das heißt bis 2027 gültig.

Im Schulterschluss mit der Werkstatt Solidarische Welt versuche ich ein sogenanntes Erasmus Kooperationsprojekt auf den Weg zu bringen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

 

 

Was wirst du in Zukunft machen?

 

Udo Legner: Als früherer Marathon- und Langstreckenläufer drehe ich erst einmal weiter meine Runden und achte darauf, dass die Entschleunigungsphasen dabei nicht zu kurz kommen. Neu ist meine Rolle im Vorstand des Augsburger Integrationsbeirats – hier haben wir schon viele neue Ideen entwickelt, auf deren Umsetzung ich mich freue und die uns bestimmt auf Trab halten werden. Zur Zeit bin ich auch dabei, ein Artist in Residence Projekt voranzutreiben, das in meinem Heimatort Ballmertshofen, in Augsburg und in meiner dritten Heimat in Paris angesiedelt sein soll. Ansonsten Business as usual, das bedeutet Fortsetzung des Just Kids Festivals (www.pop-poetry.de), das sich diesmal vor allem als Begleitprogramm zur Anne Frank Ausstellung versteht und des Filmfests Ballmertshofen (www.filmfestkuh.de).

 

Warum mir diese Festivals wichtig sind? Zum einen schaffen sie Begegnungsorte und bringen - wie einst die Stammtische in den Dorfkneipen - unterschiedlichste Leute zusammen. Zum anderen helfen sie, festgefahrene Verhaltensmuster zu überdenken und in Frage zu stellen - ganz im Sinne dieses Zitats aus den Sixties:  

„Revolutionen sind die Festivals der Unterdrückten und Festivals sind die kleinen Revolutionen der Bourgeoisie.“

Vita

Udo Legner war bis August 2020 Deutsch- und Englischlehrer am Maria-Theresia-Gymnasium. Dabei hat er vier Erasmus-Projekte koordiniert und kann – trotz der mit der Beantragung und Verwaltung verbundenen Bürokratie – als großer Fan europäischer Kooperationen bezeichnet werden. Mit dem Projekt "Ideen als Landkarten" hat er verschiedene Schüleraustausche (Paris, Manchester und Augsburgs schottischer Partnerstadt Inverness) initiiert und durchgeführt. Am MTG und an der Universität Augsburg hat er Seminare zur zeitgenössischen US-amerikanischen Literatur und Populärkultur geleitet. 

Seit 2006 arbeitet er für das Bildungsreferat der Stadt Augsburg, wo er kooperative und interdisziplinäre Projekte zwischen Schulen und anderen Institutionen mit den Schwerpunkten Theater, Musik, Literatur und interkulturelles Lernen organisiert. In diesem Zusammenhang hat er auch das erfolgreiche Just Kids Festival ins Leben gerufen. Als leidenschaftlicher Kinofan ist er Mitbegründer des Filmfestes Ballmertshofen in seinem Heimatdorf, das seit 1978 floriert.

Erasmus Koordinator Udo Legner in Paris

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