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Tue Gutes und rede darüber

Tue Gutes und rede darüber
Interview mit Rica Friedl, Geschäftsführerin des Biohotels Bayerischer Wirt
Rica Friedl, Biohotel Bayerischer Wirt, Augsburg, Gemeinwohlökonomie, Biohotel, Foto: Sylvia Schaab

Rica Friedl ist Geschäftsführerin des Bio Hotel Bayerischer Wirt. Das Familienunternehmen ist nicht nur Augsburgs einziges Biohotel, sondern hat auch als einziges Unternehmen in Augsburg einen Gemeinwohlbericht verfasst. Das ist intensive Arbeit, die neue Einblicke verschafft und hilft, das Hotel noch nachhaltiger zu gestalten. Es lohnt sich, sagt Rica Friedl.

 

Steckbrief: Rica Friedl geboren in Riesa in Sachsen, Geschäftsführerin des Biohotels Bayerischer Wirt, gelernte Erzieherin, Ernährungsberaterin, 3 Kinder. Sie ist naturnah auf dem Land aufgewachsen und liebt ihren Beruf im Gastgewerbe, weil man auf so viele offene Menschen und Geschichten trifft, die den eignen Horizont erweitern.

 

Sylvia Schaab: Zelt oder Hotel? Wo haben Sie als Kind am liebsten übernachtet?

Rica Friedl: Als Kind habe ich am liebsten im Zelt in der Natur übernachtet.

 

Und heute?

Wir fahren gerne in andere Biohotels in Europa. Zum einen wollen wir erfahren, wie die anderen Hoteliers Nachhaltigkeit umsetzen und der freundschaftliche Austausch zu unseren Kollegen ist uns sehr wichtig. Aber auch weil wir in allen Bereichen nachhaltig leben wollen: Wir kaufen zu 100 Prozent Biolebensmittel, nutzen Ökostrom, fahren ein E-Auto und machen eben ökologischen Urlaub.

 

Waren Sie und Ihre Familie schon immer nachhaltig veranlagt?

Die Familie meines Mannes hatte früher direkt am Gasthof die Landwirtschaft. Meinem Mann war es schon immer wichtig, dass es den Tieren gut ging und so war es gut, dass wir unser Fleisch direkt nutzen konnten.

Die Überzeugung, dass Regionales und Umweltverträgliches besser für uns ist, hat uns dazu geführt, das Stück für Stück im Hotel umzusetzen. Als es 2006 dann die Möglichkeit gab, ein Biohotel zu werden, haben wir das gemacht. Dabei haben wir Essen und Getränke zu 100 Prozent auf Bio umgestellt.

Erst war es schwierig, alle Zutaten aus der Region zu bekommen. Mittlerweile gibt es zum Glück biologische Einkaufsgemeinschaften, die alles anbieten, das wir brauchen. Natürlich benutzen wir auch ökologisch Wasch- und Reinigungsmittel, Biostrom und -Gas. Bisher haben wir haben 50 Prozent unserer Zimmer biologisch renovieren lassen. Wir haben die Wände ökologisch verputzt und mit Keimfarben gestrichen. Selbst die Gardinen sind biologisch und das war ziemlich schwierig zu bekommen. Doch nun sind unsere Räume völlig schadstoff- und chemiefrei. Das gleich gilt für unsere Kosmetikabteilung. Dort arbeiten wir nur mit Naturkosmetik.

 

Den Gemeinwohlbericht anzufertigen war eine tolle Geschichte und hat das Unternehmen verändert.

Rica Friedl, Geschäftsführerin Biohotel Bayersicher Wirt

Und was hat Sie dann dazu veranlasst, einen Gemeinwohlbericht zu schreiben?

Es war die logische Konsequenz aus unserer Arbeit. So messen wir schon lange unseren ökologischen Fußabdruck – das ist schon fast ein Wettbewerb unter uns Biohotels. Dann las ich immer wieder über das Thema Gemeinwohlbericht und 2016 merkte ich dann: Jetzt ist die Zeit reif, jetzt gehen wir es an! Die Gemeinwohlökonomie ist eine alternative Wirtschaftsordnung, die verfassungsrechtlich festgelegte Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie berücksichtigt. Einen Gemeinwohlbericht anzufertigen war schon eine tolle Geschichte und hat das Unternehmen auch verändert. Zum Glück stand die ganze Familie hinter mir und gemeinsam mit meinem ältesten Sohn, der auch im Hotel mitarbeitet, haben wir den Bericht in 160 Stunden ausgearbeitet.

 

Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Die viele Arbeit hat sich wirklich gelohnt und wir haben viel gelernt. Es gibt viele Bereiche, die hatten wir gar nicht so auf dem Schirm: Für den Gemeinwohlbericht muss man ja auch die gesamte Lieferkette der Zulieferer durchleuchten. Als ich unseren Steuerberater den Fragebogen übergab, war er nicht sicher, ob wir das wirklich alles wissen müssen. So sollte er beispielsweise angeben, ob er Ökostrom bezog. Viele hinterfragen solche Dinge gar nicht, bis jemand tatsächlich danach fragt. Es ist, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft, der Wellen schlägt. Es bringt die Menschen zum Nachdenken. Das wiederum setzt etwas in Bewegung.

 

Wie hat sich der Gemeinwohlbericht auf das Unternehmen ausgewirkt?

Nach biologischen Grundsätzen zu arbeiten, ist eine gute Grundlage für die Gemeinwohlökonomie. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sagt: Jetzt schaue ich aus meiner Welt raus und auch ganz tief bis zu den Wurzeln. Gemeinsam mit fünf anderen Biohotel-Besitzern in Bayern und einem Begleiter von der Gemeinwohlökonomie haben wir mehr als ein Jahr unsere Unternehmen genau angeschaut und den Bericht erarbeitet. Dabei sind wir als Gruppe eng zusammengewachsen. Wir haben uns untereinander sehr gut unterstützt und jeder ist für sich gewachsen. Und so war diese Zeit sowohl ein Reifeprozess als auch eine gute Grundlage für die Zukunft. Denn mit dem, was wir erarbeitet haben, können wir unsere Hotels noch nachhaltiger machen.

 

Was haben Sie im Prozess alles gelernt?

Wir haben durch den Bericht einen ziemlich guten Einblick bekommen, was wir eigentlich schon alles für das Gemeinwohl tun. Es heißt ja immer „Tue Gutes und rede darüber“ … das können wir jetzt tatsächlich umsetzen. Für uns war Vieles selbstverständlich, dass wir jetzt unter einen anderen Blickwinkel betrachten. So beschäftigen wir immer wieder Praktikanten von der benachbarten Förderschule und unserer Mitarbeiter können kostenlos unsere Salzgrotte, Sauna und Massagen nutzen. Wir sehen nun vieles unter einem anderen Blickwinkel. Der Bericht setzt viel im Kopf in Bewegung und erweitert den Horizont. Und er regt auch dazu an, Abläufe zu ändern.

 

Und was zum Beispiel?

Wir mangeln unsere Wäsche wieder selbst. So stellen wir sicher, dass dafür Ökostrom verwendet wird. Zudem erleichtert es die Prozesse, wenn die Wäsche im Haus ist. Mittlerweile ist die Mangel zum Kommunikationsmittel geworden. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich sah mich schon als Einzige bei dieser Tätigkeit. Doch stattdessen haben sich viele Mitarbeiter freiwillig dazu bereit erklärt. Sie machen das gern, denn dabei kommen sie miteinander ins Gespräch. Das schafft Verbundenheit untereinander. So etwas ist dann wirklich ein unerwartetes Geschenk. Überhaupt arbeiten die Menschen gerne bei uns. Wir haben als Familienbetrieb kein Problem Mitarbeiter zu finden und könnten mehr Auszubildende beschäftigen als wir Kapazitäten haben.

 

Was ist anders im Bayerischen Wirt?

 

Bei uns geht es eben sehr familiär zu. Gäste sowie Mitarbeiter merken und schätzen es, dass wir uns um die Umwelt sorgen.

Als Green Meeting Hotel kommen viele nachhaltige Firmen zu uns, um Tagungen abzuhalten. Vor allem am Wochenende sind dann Gäste in unserem Haus, die unser biologisches Angebot und Wellness-Anwendungen nutzen wollen. Und, bei uns ist die ganze Familie involviert. Die beiden großen Kinder arbeiten mit und selbst meine Schwiegermutter kommt mit ihren 87 Jahren fast täglich vorbei und erzählt, wie es war, als ihr Opa den Gasthof aufgebaut hat. Ins Restaurant kommen auch viele lokale Stammgäste, die mit uns auch den ganzen Weg zum Biohotel mitgegangen sind. Von Familienfeiern bis hin zu gemütlichen Abendessen oder Firmenfeiern sind wir für unsere Gäste da.

 

Waren Sie schon immer im Gastgewerbe tätig?

Ursprünglich habe ich Erzieherin gelernt. Seitdem habe ich viel dazu gelernt, wie etwa Ernährungsberatung. Das hilft mir auch meine Arbeit im Gasthof besser zu machen. Heute bin ich sehr froh im Gastgewerbe zu arbeiten. Man trifft so viele unterschiedliche Menschen in kürzester Zeit. Jeder ist aufgeschlossen und erzählt seine eigene Geschichte. Dabei kann man so viel dazu lernen und seinen Horizont erweitern. Auch die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen sind sehr spannend. Das ist so faszinierend für mich und gibt es fast nur in der Gastronomie.

 

Was würden Sie ändern, wenn Sie Bürgermeisterin von Augsburg wären?

Ich würde die Stadt nachhaltiger gestalten. Ich denke, in Augsburg ist bereits vieles vorhanden, es wird nur nicht nach außen getragen. Das ist der große Vorteil des Gemeinwohlberichts. Dadurch werden Dinge sichtbar und können dann nach außen getragen werden. Frei nach dem Spruch: „Tue Gutes und rede darüber!“

 

TIPP:

Wer mehr über die Gemeinwohlökonomie und das Hotel Bayrischer Wirt erfahren möchte, ist herzlich eingeladen zur VHS Veranstaltung am 20. Mai um 17 Uhr. 

 

Hier geht es zu Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg

Kontakt: augsburg@list.ecogood.org

Dieses Interview erschien bereits im Dezember 2018 im Lifeguide.

 

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Ein spannendes Interview mit Michael Schnitzlein zum Thema Gemeinwohlökonomie findet ihr auch auf der Website Aufgeklärtes Herz.

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15 Fragen an… Ludger Elfgen und Heinrich Pick

15 Fragen an… Ludger Elfgen und Heinrich Pick
"Tu das, wofür du wirklich brennst", sagen die beiden Gründer der ersten gemeinwohlzertifizierten Augsburger Werbeagentur Elfgenpick.
Ludger Elfgen und Heinrich Pick (vl) von der Augsburger Kreativ-Agentur Elfgenpick. Foto: Elfgenpick

Die Kreativagentur Elfgenpick ist die erste Werbeagentur in Augsburg, die gemeinwohlzertifiziert ist. Ihre Gründer Heinrich Pick und Ludger Elfgen arbeiten seit 2011 zusammen und wollen für ihre Kund*innen vor allem eines: dass Kommunikation richtig gut gelingt. Sei es im Internet, mit Kampagnen, Ausstellungen oder durch Augmented Reality (AR).  21 Mitarbeiter*innen zeichnen, fotografieren, programmieren, kommunizieren, denken, planen, filmen und texten für die beiden.

 

Während Ludger schon immer gezeichnet hat, ist Heinrich eher fürs Digitale zuständig. Einig sind sich beide, dass sie in ihrer Agentur eine vielfältige Unternehmenskultur pflegen möchten, die von Fairness, offenem Dialog und respektvollem Miteinander geprägt ist. Deshalb spricht ihnen Christian Felber besonders aus der Seele. Der Begründer der Gemeinwohlökonomie sagt: „Ein Unternehmen ist nicht länger erfolgreich, wenn es einen hohen Finanzgewinn erzielt, sondern wenn es einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leistet.“

 

Steckbrief:

 

  • Name: Ludger Elfgen 
  • Beruf: Diplom Grafik-Designer
  • Geboren in: Köln
  • Lebt in: Aystetten
  • Lieblingsort in Augsburg und Umgebung? Kulperhütte an der Wertach

 

  • Name: Heinrich Pick
  • Beruf: staatl. geprüfter Foto-, Film und Mediengestalter
  • Geboren in: Marbach am Neckar
  • Lebt in: Steppach
  • Lieblingsort in Augsburg und Umgebung? Kulperhütte an der Wertach (-;

 

Ludger Elfgen und Heinrich Pick von der Augsburger Kreativagentur Elfgenpick. Foto: Elfgenpick

"Tu das, wofür Du wirklich brennst."

Ludger Elfgen und Heinrich Pick, Kreativagentur Elfgenpick

15 Fragen an Ludger und Heinrich:

 

Ihr seid seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Welche Veränderung in eurem Unternehmen war für euch besonders wichtig?

Heinrich: Mit der GWÖ (Gemeinwohlökonomie) haben wir das verschriftlicht, was über die Jahre gewachsen ist. Der Bericht war vor allen Dingen die Gelegenheit, die Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen. Wir haben alle Kolleg:innen bei der Erstellung unserer Gemeinwohlbilanz mit einbezogen.

"Die Erstellung unserer Gemeinwohlbilanz hat dazu geführt, über die Sinnhaftigkeit unseres Tuns nachzudenken. Letztendlich hat es zu einer höheren Zufriedenheit und Team-Zusammengehörigkeit beigetragen."

Heinrich Pick, Kreativagentur Elfgenpick

Was unterscheidet eure Art zu arbeiten von anderen?

Ludger: Wir sind seit über 20 Jahren selbständig. Deshalb ist es schwierig zu sagen, was bei uns anders läuft. Wir setzen auf jeden Fall sehr auf Eigenverantwortung. Die anstehenden Aufgaben werden in den entsprechenden Fachteams im Dialog verteilt. Aufgabenziele und -fortschritte werden über unsere Agentursoftware gesteuert und dokumentiert. Auf diese Weise haben wir eine recht hohe Transparenz erreicht, die für einen reibungslosen Projektfortschritt notwendig ist. Das ist also erst einmal eine administrative Herausforderung, die wir gelöst haben. Daneben halten wir die informelle Kommunikation für sehr wichtig. Man muss nicht alle Details aus dem Privatleben der Kolleg:innen kennen, aber für das gegenseitige Verständnis und die Empathie sind auch private Infos wichtig.

"Gemeinsame Pausen, kurze Plaudereien im Flur oder gegenseitige, nette Frotzeleien sind bei uns ausdrücklich erwünscht."

Ludger Elfgen, Kreativagentur Elfgenpick

Worauf legt ihr in eurem Arbeitsalltag Wert?

Heinrich: Die Kundin und der Kunde sollen die im Rahmen des Angebots definierte beste Leistung erhalten. Dafür drehen wir auch mal eine Ehrenrunde. Die Erinnerung an gute Qualität währt länger und trägt weiter als die Erinnerung an die Mühen der Erstellung.

 

Was war euer Schlüsselerlebnis in Sachen Nachhaltigkeit?

Ludger: ...dass man mit Backpulver eine verstopften Abfluss wieder frei bekommt. (-:

 

Was bedeutet nachhaltig leben für euch? Wie bringt ihr Nachhaltigkeit in eurem Unternehmen, in eurem Alltag unter?

"Nachhaltigkeit bedeutet für mich, nicht mehr verbrauchen, als in der Nutzungszeit nachwachsen kann."

Heinrich Pick, Kreativagentur Elfgenpick

Heinrich: Strom kommt natürlich aus einem 100 % Öko-Vertrag. Elektrische Geräte werden repariert, bis nichts mehr geht. Unsere Jura-Kaffeemaschine hat auf diese Weise ein Alter von 14 Jahren erreicht. Außerdem ermutigen wir uns gegenseitig, Nachhaltigkeit im Alltag zu buchstabieren. Das hat dann zum Beispiel Auswirkung auf die Einkaufsgewohnheiten, auf das Heizverhalten – oder auf die Machart der Brotzeitdosen.

 

Auto, Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß?

Ludger und Heinrich: Wenn irgendwie möglich mit dem Fahrrad. Ansonsten ÖPNV und Bahn. Wenn es keine Alternative gibt, dann mit dem Auto.

 

Ihr seid seit über 20 Jahren in der Werbe- und Kommunikationsbranche tätig. Was motiviert euch, was treibt euch an?

"Uns treibt nach wir vor die Lust an, gute Initiativen, Produkte und Dienstleistungen stark zu machen. Wie schön, dass wir das Werkzeug dafür haben..."

Ludger Elfgen, Kreativagentur Elfgenpick

Ludger: Heutzutage hängt viel davon ab, wie sich etwas präsentiert. Die originelle Idee oder die ästhetische Verpackung sind immens wichtig. Wie schön, dass wir das Werkzeug dafür haben, das zu beeinflussen und sinnvolle Entwicklungen mit Werbung und Kommunikation zum Erfolg zu verhelfen.

 

Was ist das Schöne an eurem Beruf?

Heinrich: Die Vielfalt an Projekten und Themen. Keine Aufgabe ist wie die andere. Natürlich genießen wir auch die öffentliche Wahrnehmung, wenn uns etwas gut gelungen ist. Und die kurze Halbwertszeit, wenn etwas nicht gut gelungen ist.

 

 Wann habt ihr zuletzt etwas Neues ausprobiert und was war das?

Ludger: Heute Nachmittag habe ich eine Stunde früher Schluss gemacht und meine Familie mit Krapfen überrascht. Beruflich würde ich unser Live-Streaming Studio VISTROEM nennen. Das ist eine out-of-the-box-Lösung für professionelle Präsentationen per Videokonferenz. Wir haben sie für uns entwickelt, bieten sie aber jetzt auch zum Kauf oder zur Miete an.

 

Ihr trefft euer 18-jähriges Ich. Welchen Rat gebt ihr euch selbst?

Ludger: Tu das, wofür Du wirklich brennst. Ich brannte für Architektur, habe mich dann aber für Grafik-Design entschieden, weil die Aussichten für Architekten damals nicht so rosig waren. Heute ist es umgekehrt. Ich bereue den Schritt trotzdem nicht.

 

Was ist eure gemeinsame geheime Superkraft?

Heinrich: Dass wir bei all unserer Unterschiedlichkeit den Laden zusammen wuppen.

"Unser Vertrauen zueinander ist unsere Superkraft. Wir können auch große Meinungsverschiedenheit ganz gut managen. Wir wissen, dass wir uns in den Grundüberzeugungen einig sind. Das sind unsere Werte, die wir im GWÖ-Bericht dokumentiert haben: Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt."

Heinrich Pick, Kreativagentur Elfgenpick

Was ist das Tolle an Augsburg?  

Ludger: Eine Stadt, die alles hat, was man sich von einer Großstadt wünscht und trotzdem nicht anonym ist. Man trifft immer jemanden, den man kennt. Theoretisch hat man sogar die Chance, mit allen Entscheidungsträger:innen persönlich ein Schwätzchen zu halten. Die vielen kleinen Plätze sind wunderschön, besonders im Spätsommer, wenn dort ein Klavier steht.

 

Ihr seid Bürgermeister von Augsburg. Doppelspitze. Was ändert ihr?

Ludger: Augsburg ist eine der ältesten Städte in Deutschland. Das Selbstbewusstsein der Augsburger kann man als Bürgermeister nicht ändern, aber das Bewusstsein für die lange, bedeutungsvolle Geschichte.

Die römische Vergangenheit wird in Augsburg nur völlig unzureichend sichtbar. Mit einer AR-App würden wir gerne die römische Stadtmauer gegenüber vom Thalia sichtbar machen."

Ludger Elfgen, Kreativagentur Elfgenpick

Ludger, du wolltest Biobauer werden... hast du jetzt einen eigenen Garten? Und wenn ja, was baust du an?

Ludger: Ich habe ein Hochbeet in einem sonst als Spielplatz genutzten Garten. Dort bauen wir Salat, Zucchini und Tomaten an. Die Leidenschaft fürs Gärtnern tritt gerade hinter dem Papa-Dasein zurück.

 

Heinrich, was kochst du für deine Frau und deine vier Jungs?

Heinrich: Gerne Exotisch. Indisch zum Beispiel. Aber wir variieren sehr viel, schließlich sind die Geschmäcker doch sehr unterschiedlich.

 

Wofür würdet ihr gern mehr Zeit haben?

Heinrich: Sich mit inspirierenden Leuten zu treffen, wie ihr sie hier im Rahmen des Lifeguide vorstellt.

 

Welche Frage hätten wir euch stellen sollen? ;)

Ludger: Wie kann man den Weltfrieden fördern? Oder welche Strukturen sind hilfreich, damit Spinner nicht an die Macht kommen. Allerdings haben wir darauf auch keine Antworten. Wir glauben, dass die Schweiz mit ihren kleinteiligen Verwaltungseinheiten, der unmittelbaren Beteiligungskultur und der begrenzten Staatsmacht eine Richtung andeuten kann. Außerdem gehen von der Soziokratie gute Impulse für die Weiterentwicklung der Demokratie aus. Hier sind Tools integriert, die verhindern, dass sich die Minderheit untergebuttert vorkommen muss.

Heinrich Pick und Ludger Elfgen (vl) von der Kreativagentur Elfgenpick in Augsburg. Foto: Elfgenpick
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"Wollen wir das Geld lieben oder das Leben?" Michael Schnitzlein Mi., 01.12.2021 - 09:31
"Wollen wir das Geld lieben oder das Leben?"
Vom Materialisten zum überzeugten Gemeinwohl-Ökonomisten: Michael Schnitzleins engagiertes Plädoyer für die Gemeinwohl-Ökonomie
Michael Schnitzlein aus Augsburg.Foto: Markus Büttner mgo media

Angefangen hat alles 2017. Seitdem versuche ich, auf Plastikmüll zu verzichten. Die ersten verpackungsfreien Läden wurden ausfindig gemacht, das eigene Leben nach und nach auf Nachhaltigkeit umstrukturiert. Spaziergänge durch die Stadt und am Lech haben das erschreckende Ausmaß der Müll-Problematik besser verdeutlicht als es mit irgendeiner Naturdoku jemals möglich gewesen wäre.

 

Durch solche Erlebnisse ist die Gedankenmaschine angesprungen: Was bewegt die Menschen zu diesem Handeln? Warum lassen die Menschen ihren Müll nach einer Grillparty liegen? Warum fahren sie so viel Auto, wieso fliegen sie so viel?

 

Ich bin selbst das Problem

All diese Fragen habe ich mir gestellt, um irgendwann zu begreifen: „Du selbst bist das Problem.“ Zwischen meinen eigenen Werten und meinem täglichen Handeln lagen Welten. Nach einer anfänglichen Ohnmacht ist mir klar geworden, welche Macht ich in Wirklichkeit habe. Jede meiner tausend Entscheidungen am Tag kann dazu beitragen die Welt entweder zu einer besseren zu machen oder sie langsam zu zerstören.

Das anfängliche plastikfreie Leben wurde durch einen vegetarischen beziehungsweise veganen Haushalt ergänzt, meine Einkäufe komplett auf Bio umgestellt, für mein Auto suche ich nach Freunden, die es mit mir teilen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit jedem konventionellen Kauf der Natur, den Tieren und Menschen weiteren Schaden zufüge. Jeder Kauf lässt mich und die Gesellschaft weiterlaufen in dem Hamsterrad des Kapitalismus, des Lohn-Dumpings, der groß angelegten Steuerhinterziehungen, der Kinderarbeit, der Korruption der Zerstörung von Regenwäldern, dem Schmelzen der Arktis, dem Absterben des Great Barrier Reefs.

Ich möchte nicht mehr auf Kosten der Natur, anderer Menschen und zukünftiger Generationen leben. Und die Gruppe derer, die ein anderes, ein gerechteres, ein ökologischeres System will, diese Gruppe wächst und mit ihr wächst auch die Hoffnung."

Die Gemeinwohl-Ökonomie gibt Antworten auf die meisten meiner Fragen

Aber was soll man anders machen? Man kann das System doch nicht einfach ändern und vor allem kann ich das nicht. Kann man doch – kann ich doch! Es gibt unzählige Alternativen, wir müssen sie nur nutzen! Mit der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich einen Ansatz entdeckt, der Antworten auf die meisten meiner Fragen gibt. Eine Wirtschaftsform, die auf den gleichen Prinzipien beruht, die mich auch im Privaten glücklich machen: Kooperation, Menschenwürde, Solidarität, Leben im Einklang mit der Natur.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass (fast) alle Menschen gute Werte und Absichten haben und in einer Welt leben wollen, in der es kein Leid gibt.

 

Nach einer anfänglichen Skepsis gegenüber der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich mich in meiner Bachelorarbeit mehr mit alternativen Wirtschaftsformen beschäftigt. Ich habe sämtliche Nachhaltigkeitsberichte der deutschen Konzerne im CDAX  analysiert  und daraufhin Bezug auf die Gemeinwohl-Ökonomie bzw. die Gemeinwohl-Bilanz genommen. Das ernüchternde Ergebnis über die Nachhaltigkeitsleistung der „Großen“ ließ mich nicht mehr los und ich spürte, dass ich etwas bewegen kann mit meinem Tun.

Die Wirtschaft ist kein Naturgesetz, sondern wird durch uns Menschen definiert.

Sämtliche Skandale sozialer oder ökologischer Natur, wurden von den Unternehmen in ihren Berichten nicht erwähnt – die Gemeinwohl-Bilanz würde genau solche Themen aufdecken. Sie ist ein Instrument, das sämtliche Aktivitäten eines Unternehmens im Hinblick auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit durchleuchtet. Mit unserer aktuellen Wirtschaftsweise, mit dem einzigen Ziel der Gewinnmaximierung und der damit einhergehenden Ausbeutung von Mensch und Natur rasen wir mit 200 km/h gegen eine Wand. Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist, wie wir abbremsen und somit einen Totalschaden vermeiden können. Alles muss anders werden – und zwar ziemlich schnell.

 

Ergänzt man die Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, könnten wir es wirklich schaffen glücklich zu sein,  ohne dass jemand auf der Strecke bleibt. Geld kann nur bis zu einem gewissen Betrag glücklich machen. Es ist unsinnig 50 Stunden pro Woche in einem Job zu ackern, der einen psychisch und physisch zermürbt, um Dinge kaufen zu können, die einen nur für kurze Zeit erfüllen. Die Gemeinwohl-Ökonomie schafft dagegen eine kontinuierliche Zufriedenheit mit sich selbst, mit anderen Menschen und der Umwelt – kurz: ein Leben im Einklang mit den persönlichen Grundwerten."

 

Der Fall Corona zeigt, wie wichtig Kooperation und ein auf Solidarität basierendes globales Netz sind. Der Kapitalismus ist dabei sich selbst abzuschaffen. Er ist in Krisen nicht tragbar, wir haben als Menschheit eine andere Zukunft vor uns: die kleineren Strukturen sind, wenn wir sie unterstützen, deutlich resilienter als Großkonzerne, die uns in Ausnahmezeiten durch die in Anspruch genommenen öffentlichen Subventionen noch weiter in eine Wirtschaftskrise ziehen.

 

Wir dürfen die schulstreikenden Jugendlichen nicht vergessen, denen wir es zu verdanken haben, dass es für die breite Masse immer schwieriger wird, sich am Thema Klimaschutz vorbei zu schwindeln. Die Probleme, die wir vor der Pandemie hatten, sind immer noch da: Ausbeutung, Flüchtlingsproblematik, Artensterben und das Zumüllen von Meeren und Flüssen, wie beispielweise dem Lech. Wir müssen jetzt etwas tun und ich habe für mich den Weg über die Gemeinwohl-Ökonomie gefunden.

 

Lasst uns die Welt doch einfach besser machen.

Wieso sollten wir uns bekriegen? Wieso sollten wir die Ellbogen ausfahren, um unsere Ziele zu erreichen? Wieso sollte Geiz geil sein und nicht Teilen und Kooperation?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen glücklich und zufrieden macht die Umwelt zu zerstören. Kooperation ist im Menschen mindestens so stark verankert wie Konkurrenz. Aber wir entscheiden jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag, welchen Weg wir gehen. Wieso müssen andere Menschen für unseren Wohlstand bluten? Wieso müssen wir die natürlichen Ressourcen bis auf ein Maximum ausbeuten?

 

Wir zeigen mit unseren 20 GWÖ-Unternehmen in Augsburg im Kleinen, dass es auch anders geht. Wir brauchen die kleinen Strukturen. Wir sind auf sie angewiesen, gerade wenn es hart auf hart kommt. Und das wird einem leider oft erst in schlechten Zeiten bewusst.

Wir können uns entscheiden, ob wir das Leben lieben oder das Geld.

Wir tun und tun und doch bleibt oft etwas Trauriges zurück, – nämlich die Sehnsucht nach Leben. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte nicht mehr auf Kosten der Natur, anderer Menschen und zukünftiger Generationen leben. Und die Gruppe derer, die ein anderes, ein gerechteres, ein ökologischeres System will, diese Gruppe wächst und mit ihr wächst auch die Hoffnung.

INFO: Hier geht es zu der Bachelorarbeit von Michael Schnitzlein: "Die Gemeinwohl-Bilanz als Instrument zur ganzheitlichen Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten."

 

In der Region Augsburg sind folgende Unternehmen gemeinwohlzertifiziert:

Hier geht es zu Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg

Kontakt: augsburg@list.ecogood.org

 

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Erstveröffentlichung dieses Artikels im Lifeguide am 31.12.2020

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Ausbruch aus dem Hamsterrad

Ausbruch aus dem Hamsterrad
Von allem weniger: Weniger Geld, weniger Arbeit, weniger Konsum. Sarah Schützenbergers Plädoyer für ein genügsames Leben
Sarah Schürzenberger, Foto: Cynthia Matuszewski

Das Jahr 2020 hat bei vielen Menschen zu einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben geführt. Vieles war schmerzhaft und existenzbedrohend. Es gab aber auch positive Effekte: Wir sind weniger geflogen, haben unsere unmittelbare Umgebung intensiver erlebt, haben mehr Bio-Produkte eingekauft und hatten weniger Kontakte. Viele Menschen haben auf dieser reduzierten Ebene bewusster gelebt. Wäre es vielleicht ein guter Vorsatz für das Jahr 2021, einen Teil dieser Ideen im Alltag fortzuführen?

 

Sarah Schützenberger sagt in ihrem Essay, dass wir im Grunde genommen von allem weniger brauchen - weniger Arbeit, weniger Geld, weniger Konsum. Ihr Plädoyer für ein genügsames Leben und eine Politik, die dieses Leben unterstützt:

 

Weniger arbeiten...

Eine 40-Stunden-Woche gilt in Deutschland als normale Vollzeitbeschäftigung. Man muss ja auch so viel arbeiten, um genügend Geld zu verdienen, weil das Leben ja so teuer ist...

 

Doch wann verdient man denn genügend? Unabhängig von der Menge des verdienten Geldes, lässt sich feststellen: Je mehr Geld man verdient, desto mehr Ausgaben entstehen. Die Formel ist einfach. Am Beispiel der Miete lässt sich das gut verbildlichen. Wer mehr verdient, hat mehr Geld für die Miete, was beispielsweise zur Folge hat, dass man sich eine größere Wohnfläche gönnt. Die Folge von mehr Wohnfläche ist mehr Arbeit. Zum einen hat man mehr Platz um Gegenstände anzuhäufen, die Unordnung stiften und aufgeräumt werden müssen. Zum anderen hat man mehr Fläche, die geputzt werden muss. Dafür wird Zeit benötigt. 40 Stunden pro Woche zu arbeiten, hat zur Folge, dass die Freizeit geringer wird und man diese häufig nicht für den Haushalt verwenden möchte. Die vermeindliche Lösung ist eine Putzkraft, die einem unter die Arme greift. Diese kostet allerdings wieder Geld.

 

Der anstrengende und eintönige Arbeitsalltag zehrt einen aus, die Unzufriedenheit nimmt zu. Dank dem „sich glücklich shoppen“ und der Freizeit ohne freie Zeit lässt sich diese Unzufriedenheit verdrängen. Um sich von Arbeit und Freizeit zu erholen und gleichzeitig etwas Spannendes zu erleben, werden ferne Orte wie zum Beispiel Thailand oder Australien bereist. Für diesen Luxus, den man sich gönnt, gibt man gerne eine Menge Geld aus.

 

So ist man vor lauter Arbeiten an einem Punkt, an dem man viel arbeiten muss, um viel Geld zu verdienen, weil man es ja scheinbar braucht – willkommen im Hamsterrad. Auch die „Glücksforschung führt zur Einsicht, dass eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens nach Erreichen eines bestimmten Niveaus keinen weiteren Zuwachs an Glück stiftet.“ (1)

 

 

Befreiung vom Überfluss

Die Befreiung vom Überfluss wird von der Frage geleitet: Was brauche ich wirklich, um zufrieden zu sein? Ganz klar, dass die Grundbedürfnisse quantitativ und qualitativ gedeckt sein müssen und darüber hinaus die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen. Entsteht Zufriedenheit, wenn Grund- und individuelle Bedürfnisse befriedigt sind?

 

Vor lauter Überfluss können viele Menschen überhaupt nicht mehr zufrieden sein. Hierbei ist die Suffizienz ganz entscheidend. Sie meint das richtige Maß zwischen dem, was ausreichend und dem was angemessen ist(2). Wobei es im Überfluss primär auf Genügsamkeit ankommt, sprich dem „was genug“ ist und die damit verbundene Befreiung vom Überfluss, die zu mehr Lebensqualität führt.

 

Die Folge der Umstellung von einem unzufriedenen Leben im Überfluss zu einem genügsamen ist, dass der Einzelne deutlich weniger Geld benötigt. So kann man sich beispielsweise von dem gesellschaftlichen Standard der 40 Stunden Woche verabschieden und beschließen, ‚nur‘ 20 Stunden pro Woche zu arbeiten. Die neue Freizeit kann für Beziehungen verwendet werden, was nach aktuellen neurobiologischen Kenntnissen unterbewusst, das zentrale Ziel jeglichen menschlichen Handelns ist. Dabei kann es sich um die Beziehung zu sich selbst, zu Mitmenschen oder zur Natur handeln (3). Durch die Zufriedenheit mit dem eigenen Alltag ist die teure Flucht in ferne Länder überflüssig.

 

Alltag entschleunigen

Zudem kann die ‚neu gewonnene‘ Zeit die Entschleunigung des Alltags unterstützen. Denn der „Beschleunigungswahn ist nicht nur ressourcen-intensiv, sondern auch noch abträglich für die Lebensqualität." (4)

 

Ein weiterer Aspekt für die Steigerung des individuellen Wohlstands ist die Befreiung von materiellem Überfluss. Dies ist genauso, wie die Befreiung von Zwängen und Gewohnheiten, ein Prozess, der sich nach und nach ausweitet. Der erste Schritt ist sich wieder bewusst zu machen, was man wirklich braucht. Zunächst ändert sich das Konsumverhalten quantitativ - man kauft weniger! Des Weiteren kann man in den eigenen vier Wänden bereits angesammelten Überfluss ausmisten.

 

Auch ein allgemeines Umdenken „vom Besitz zum Nutzen“ ist befreiend. Warum eine Bohrmaschine besitzen? Im Endeffekt möchte man sie nur nutzen. Bei solchen Gebrauchsgegenständen wie der Bohrmaschine, dem Auto, der Waschmaschine etc. ist es sinnvoll sich Sharing-Netzwerken anzuschließen oder diese im Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis neu aufzubauen. So muss nicht jeder alles besitzen, kann aber dennoch alles nutzen.

 

Außerdem ist es sinnvoll die Lebenszeit von Produkten zu verlängern, beispielsweise indem Dinge, die man „neu“ braucht aus zweiter Hand kauft und defekte Gegenstände repariert. So wird eine Menge Geld und damit auch Arbeitszeit eingespart. Zudem ist die Befreiung von „Energiesklaven“, wie sie von Niko Paech ganz passend betitelt werden, ein weiterer Schritt in Richtung Befreiung vom Überfluss. Bei „Energiesklaven“ handelt es sich um aufwendige, technische Geräte, die Energie fressen und etwas ersetzen, was ohne Strom genauso möglich wäre. Ein Beispiel hierfür ist der Wäschetrockner.

 

Es wird deutlich, „die Einstellungen bringen entweder finanziellen Gewinn oder aber erfordern nur den Verzicht auf einen begrenzten Zusatznutzen, der keinen Verlust an Lebensqualität bedeuten muss.“ (5)

 

Klimaschutz und globale Gerechtigkeit

Auch im Sinne des Klimaschutzes und der globalen Gerechtigkeit ist es essentiell auf Suffizienz zu setzen. Sie stärkt „die Förderung des Gemeinwohls und den Ausgleich zwischen den heutigen Privilegierten und den heute Marginalisierten“. (6) Momentan ist es so, dass wir, die westliche Welt, auf Kosten der Natur und benachteiligter Menschen aus hauptsächlich ärmeren Ländern leben. „Klimaerwärmung ist ganz klar auf die Industriestaaten zurück zu führen“ meinte Prof. Dr. Angelika Zahrnt die Ehrenvorsitzende des BUND7. Auch sind es die Menschen aus den ärmeren Ländern, die zuerst vom Klimawandel betroffen sein werden, den wir zu verschulden haben. Die Marginalisierten sind es auch, die schon heute Gesundheitsschäden durch die chemischen Abwässer der Industrien erleiden, in denen Produkte wie billig Klamotten für die westliche Welt produziert werden. Sie sind es auch, die vor Ort unter Hunger und härtester körperlicher Arbeit leiden und für uns Rohstoffe ab- oder anbauen. Das alles für unseren vermeintlichen Luxus, der sich auch für uns immer mehr als krankmachender Ballast entpuppt.

 

Wenn man nun also die Suffizienz anstrebt, kommt die Frage auf, was das richtige Maß ist. Niko Paech überträgt den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant auf diese Thematik. „Demnach dürfte jeder Mensch durchschnittlich ein Quantum an ökologischen Ressourcen verbrauchen, von dem sich sagen lässt, dass dann, wenn alle anderen Erdbewohner sich ähnlich verhalten, die irdische Tragekapazität dauerhaft erhalten werden kann.“ (8) Wer für Klimaschutz und globale Gerechtigkeit ist, muss sich daran orientieren, dass „jedem Erdbewohner bis 2050 noch ein jährliches Emissionsquantum von 2,7 Tonnen CO2 zur Verfügung“ stehen. (9)

 

Brauche ich ein weiteres Paar Schuhe?

Wenn man in Deutschland einem nachhaltigen Lebensstil nachgehen möchte, bedarf es nicht neuer, regional produzierter Öko-Schuhe, sondern viel mehr stellt sich hierbei die Frage, ob man überhaupt ein weiteres Paar Schuhe braucht.

 

Für einen nachhaltigen Lebensstil spielt der ökologische Fußabdruck die zentrale Rolle. Er berechnet, wie viele Erden gebraucht würden, wenn alle so leben würden wie man selbst. Die Deutschen haben nach dem Global Footprint Network im Schnitt einen ökologischen Fußabdruck von über 3 Erden. Dieser Footprint-Rechner ist ein Tool, mit dem sich schnell verstehen lässt, was wirklich umweltfreundlich ist und was nur Green Washing.

 

Im Folgenden wird aufgezeigt, wie man auf einen ökologischen Fußabdruck kommen kann, der kleiner als eine Erde ist: Das Reisen mit Flugzeug und Kreuzfahrtschiff ablehnen, genauso wie das (Mit-)Fahren in Autos und auf Motorrädern. Stattdessen öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder die eigenen Füße nutzen. Bei den Nahrungsmitteln ist auf tierische Produkte zu verzichten, da sie sehr viele Ressourcen verbrauchen im Vergleich zu pflanzlichen (laut WWF ein Unterschied von 3 Tonnen CO2 pro Jahr). Lebensmittel niemals wegwerfen, im besten Fall Foodsaving betreiben. Obst und Gemüse heimisch-saisonal kaufen oder selbst anbauen. Biologisch und fair produzierte Produkte bevorzugen. Wenig konsumieren und wenn möglich Second-Hand-Produkte. Und zu zweit eine Wohnung im Mehrfamilienhaus mit maximal 50 m², mit einer durchschnittlichen Temperatur von 20 C°, bewohnen.(10)

 

 

Postwachstumsökonomie: Suffizienz statt Effizienz

Die vorangegangenen Gedanken lassen sich der Postwachstumsökonomie, einer wachstumskritischen Bewegung, zuordnen. In dieser ist die Suffizienz der rote Faden, anders als in vielen anderen ökologischen Bewegungen, die sich an Effizienz und Konsistenz festklammern.

 

In der Postwachstumsökonomie wird die Umgestaltung und der Rückbau der Wirtschaft gefordert. Ein einfaches Gedankenexperiment: Angenommen die Nachfrage nach Industrieprodukten würde durch eine längere Nutzungsdauer der Produkte und Sharing-Netzwerke um die Hälfte sinken, dann müsste auch nur noch die Hälfte produziert werden. Das bedeutet weniger Umweltbelastungen und weniger Arbeit für die Gesellschaft. Weniger Arbeit bedeutet weniger Einkommen und das ist kein Problem, weil man im Schnitt nur noch die Hälfte konsumiert. Die Suffizienz ist mit einem grundsätzlichen Wertewandel verbunden, (11) der „vom Haben zum Sein“ führt.

 

Dabei geht es in der Postwachstumsökonomie nicht darum wieder in Höhlen zu ziehen und sich lediglich von gesammelten Pilzen, Beeren und Insekten zu ernähren, sondern darum, einen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen, der Klimaschutz, globale Gerechtigkeit und die eigene Zufriedenheit beinhaltet. Die Suffizienzpolitik hat die Aufgabe sowohl Mangel als auch Überfluss zu minimieren, um so ein besseres Leben für alle zu ermöglichen. (12)

 

Als Methoden dieser Idee gelten Entflechtung der Produktionsketten nach dem Prinzip: „So regional wie möglich, so global wie nötig“ (13) sowie Entschleunigung und Entrümpelung.

 

 

"Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht" Nico Paech

In der westlichen Welt, die durch Schnelligkeit und Leistungsdruck geprägt ist, sind Diabetes, Depression (14), Burnout (15) sowie Ritalin und Kokain Abhängigkeit (16) stark verbreitet. Dies sind alles Symptome, die auf eine Überlastung zurückgeführt werden können. Der Überfluss in der westlichen Welt scheint, genauso wie der Mangel, gesundheitliche Schäden zu verursachen.

 

Die Suffizienz hilft uns dabei, aus dem Hamsterrad des Wirtschaftswachstums auszubrechen. Dabei geht es nicht um einen leidvollen Verzicht, sondern viel mehr um die Befreiung vom Überfluss und die Genügsamkeit mit dem was man hat. Ein schönes Zitat von Niko Peach in dem Zusammenhang ist: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht“ (17).

 

Die Gedanken der Suffizienz zu leben bedeutet also mehr Wohlstand für alle. Denn in den Ländern, in denen die Menschen im Überfluss zu ersticken drohen, würde dieser weniger werden. Die Menschen wären genügsamer und glücklicher. Und die Menschen in ärmeren Ländern würden nicht vom globalen Wirtschaftssystem unterdrückt und ausgebeutet werden, sondern hätten die Möglichkeit sich im Sinne des Gemeinwohls zu entwickeln, so dass auch hier die Versorgung der Grundbedürfnisse sichergestellt würde. Eben mehr Wohlstand für alle!

 

 

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INFO: Sarah Schützenberger verfasste den Text "Der Ausbruch aus dem Hamsterrad - Suffizienzpolitik" am 13.03.2019 für die "LfU Ringvorlesung: Umweltschutz heute: Schutz der natürlichen Ressourcen".QUELLEN: Auf mehrfach geäußerten Wunsch unserer Leser*innen veröffentlichen wir hier die Quellen, auf die sich Sarah Schürzenberger bezieht:

  • 1 Paech Niko: Befreiung vom Überfluss. München, oekom, 2013: S. 110
  • 2 Vgl. The Oxford English Dictionary
  • 3 Vgl. Felber Christian: Gemeinwohl-Ökonomie. München, Piper Verlag, 2018: S. 121
  • 4 Sachs Wolfgang: Suffizienz. Umrisse einer Ökonomie des Genug. Berlin, Wuppertal Institut, 2015: S. 4
  • 5 Linz Manfred: Weder Mangel noch Übermaß - Warum Suffizienz unentbehrlich ist. Wuppertal, Wuppertal Institut, 2004: S. 12
  • 6 Linz Manfred: Weder Mangel noch Übermaß - Warum Suffizienz unentbehrlich ist. Wuppertal, Wuppertal Institut, 2004: S. 12
  • 7 Zahrnt Angelika: Suffizienzpolitik. Vortrag am 28.01.2019 in dem LfU Augsburg
  • 8 Paech Niko: Befreiung vom Überfluss. München, oekom, 2013: S. 58
  • 9 Paech Niko: Befreiung vom Überfluss. München, oekom, 2013: S. 99
  • 10 Vgl. https://www.wwf.ch/de/nachhaltig-leben/footprintrechner; Abrufdatum 19.02.2019
  • 11 Vgl. Linz Manfred: Weder Mangel noch Übermaß - Warum Suffizienz unentbehrlich ist. Wuppertal, Wuppertal Institut, 2004: S. 11
  • 12 Vgl. Sachs Wolfgang: Suffizienz. Umrisse einer Ökonomie des Genug. Berlin, Wuppertal Institut, 2015: S. 3
  • 13 Paech Niko: Befreiung vom Überfluss. München, oekom, 2013: S. 118
  • 14 Vgl. Busse Reinhard u.a.: Tackling chronic disease in Europe. World Health Organization, the European Observatory on Health Systems and Policies, 2010: S. 65
  • 15 Vgl. Jönsson Anja: Volkskrankheit Burnout-Syndrom. In: Media Planet, Kopf und Psyche, 2012
  • 16 Vgl. Scherler Patrik und Di Giusto Flavio: Hilfsmittel zur Leistungssteigerung auf dem Prüfstand. KMU Business World, 2017: S. 2
  • 17 Paech Niko: Befreiung vom Überfluss. München, oekom, 2013: S. 130

 

Sarah Schützenberger, Foto: Cynthia Matuszewski
Sarah Schützenberger, Foto: Cynthia Matuszewski
Das "Forum plastikfreies Augsburg" beim Earth-Peace-Day im Juli 2017 in Augsburg. r.l.n.r. Pia Winterholler, Sylvia Schaab, Sarah Schützenberger. Foto: Cynthia Matuszewski
Das "Forum plastikfreies Augsburg" beim Earth-Peace-Day im Juli 2017 in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Sarah Schützenberger, Foto: Cynthia Matuszewski
Sarah Schützenberger, Foto: Cynthia Matuszewski
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Gut leben statt viel haben

Gut leben statt viel haben
Perspektiven der Suffizienzpolitik: Interview mit der Ökonomin und Systemanalytikerin Professor Angelika Zahrnt
Professor Angelika Zahrnt, Foto: Cynthia Matuszewski

Brauche ich ein Auto tatsächlich als persönlichen Besitz, oder käme ich auch gut klar, wenn ich mich einem Car-Sharing anschließe?

Die Ökonomin und Systemanalytikerin Professor Angelika Zahrnt widerspricht der Meinung, dass die Suche nach gutem Leben reine Privatsache ist, die von der Politik belächelt und weitgehend ignoriert werden kann. Sie sieht auch die Politik in der Pflicht und zeigt Perspektiven der Suffizienzpolitik auf.

 

Was ist Suffizienz?

Prof. Angelika Zahrnt: Der Begriff ist eher etwas ungewohnt, er kommt aus dem Lateinischen von dem Wort sufficere und das heißt genügen. Und er wird in dem Sinne gebraucht, dass es Lebensstile gibt, die genügsam sind, sowohl in ihren materiellen Ansprüchen, als auch bei der Inanspruchnahme von Natur, von Ressourcen und von Energie. Es ist wichtig Suffizienz im Zusammenhang mit einem anderen Begriff zu sehen, der in der ökologischen Debatte eine dominierende Rolle spielt: der Effizienz.

Wir haben derzeit in den Industriestaaten eine Art zu leben und zu wirtschaften, die so viel Energie und Ressourcen braucht, dass dieser Lebens- und Konsumstil weder weltweit zu übertragen noch langfristig fortzusetzen ist.

Die Forderung aus der nachhaltigen Entwicklung ist, dass die Menschen in den Industriestaaten in ihren Ansprüchen zurückgehen müssen, wenn der Klimawandel gestoppt werden soll, wenn andere Menschen auf der Erde auch Entwicklungschancen haben sollen.

Die politischen Zielgrößen dafür sind, dass wir bis zur Mitte des Jahrhunderts beim CO2 Ausstoß in den Industriestaaten um 90% weniger ausstoßen sollten und den Verbrauch von Energie und anderen Rohstoffen gleichfalls in dieser Größenordnung reduzieren.

Jetzt ist die Frage, wie kommt man diesen Zielen näher, wie erreicht man sie? In technischer Hinsicht könnten wir Produkte sehr viel effizienter herstellen und diese Produkte in der Nutzungsphase auch sehr viel effizienter machen. Auf der anderen Seite geht es darum, wie wir mit den technischen Möglichkeiten umgehen und die Frage, ob wir unsere Wünsche auch anders erfüllen können, als mit Hilfe eines Produktes.

Der Schlüssel ist ein anderes Verhalten. Das hört sich jetzt sehr abstrakt an, deshalb würde ich das gern an einem Beispiel aus dem Bereich der Mobilität festmachen, dem Auto. Wer auf Effizienz setzt, überlegt, mit welchen technischen Mitteln man Autos spritsparender machen könnte oder setzt auch auf Elektromobilität. Wenn ich also ein ökologisch denkender Mensch bin und in den Kategorien der Effizienz denke, dann überlege ich, welches ist das Auto mit einem Motor, der am wenigsten Sprit braucht, lasse aber meine sonstigen Ansprüche, was die Größe, die technischen Einbauten und den Komfort des Autos angeht, völlig unangetastet bestehen. Das ist die Effizienzschiene. Wenn ich aber in Kategorien der Suffizienz denke, dann stelle ich mir eine andere Frage: Brauche ich all die technischen Zusatzleistungen, die Gewicht und Energieverbrauch bedeuten? Brauche ich ein Auto tatsächlich als persönlichen Besitz, oder käme ich auch gut klar, wenn ich mich einem Car-Sharing anschließe? Ich überdenke also mein gesamtes Anspruchsdenken und mein Mobilitätsverhalten.

 

Ist Suffizienz dann nicht nur eine Möglichkeit für unsere Zukunft, sondern eine Notwendigkeit?

Prof. Angelika Zahrnt: Darüber wird gestritten. Manche Menschen glauben, dass wir den Klimawandel und CO2-Ausstoß allein mit technischer Effizienz hinbekommen, weil die Ingenieure so erfindungsreich sind und es auch so viele Möglichkeiten gibt, neue Ressourcen zu erschließen. Weil auf dem Meeresboden in 3.000 Metern Tiefe noch Rohstoffe lagern, die wir ja auch für uns nutzen werden können. Also da gibt es die Meinung, dass man die Grenzen der Technik so erweitern kann, dass man immer mehr Ressourcen gewinnen kann und mehr Technik, um die Schadstoffe, die wir produzieren massiv zu reduzieren oder unschädlich zu machen. Diese Richtung setzt sehr stark und vorrangig auf Technik.

Die andere Seite sagt, das ist zwar sehr wichtig, sich weiter technische Möglichkeiten einfallen zu lassen, aber es gibt auch Erfahrungen, dass technische Verbesserungen nur bedingt etwas bringen. So hat der „VW-Käfer“-Nachfolger „Beetle“ des Jahres 2013 zwar einen sehr viel effizienteren Motor als ein „Käfer“ der 1960iger Jahre. Aber er ist auch viel besser ausgestattet, somit schwerer und deutlich höher motorisiert. Oftmals werden effiziente Produkte intensiver genutzt (z.B. wird mit dem sprit- und geldsparenden Auto mehr gefahren) oder zusätzlich angeschafft (wie z.B. ein Elektroauto als Zweitauto).

Wenn ich überzeugt bin, dass Fahrradfahren auf vielen Strecken die sinnvollere Fortbewegung ist, als Autofahren, dann habe ich immer noch individuell das Problem, dass ich nicht ungefährdet Fahrradfahren kann, weil es keinen Fahrradweg gibt.

Lifeguide: Ist die Suche nach dem guten Leben Privatsache und die Politik sollte sich da heraushalten?

Prof. Angelika Zahrnt: Nein, ich denke, dass das so nicht funktioniert. Mein Lebensstil ist nicht nur eine Frage, die ich individuell entscheiden und bestimmen kann. Die Art, wie ich lebe, ist sehr stark abhängig von dem Umfeld in dem ich lebe. Wenn ich überzeugt bin, dass Fahrradfahren auf vielen Strecken die sinnvollere Fortbewegung ist, als Autofahren, dann habe ich immer noch individuell das Problem, dass ich nicht ungefährdet Fahrradfahren kann, weil es keinen Fahrradweg gibt. Ob ich mich mit dem Fahrrad bewegen kann ist also abhängig davon, dass es eine entsprechende Infrastruktur gibt. Das Gleiche gilt für öffentliche Verkehrsmittel: Wenn es überhaupt keinen ÖPNV gibt, oder nur wenige Verbindungen am Tag, dann ist meine ökologische Überzeugung letztlich nicht wirksam, wenn ich sie nicht realisieren kann. Und von daher ist Politik gefordert, solche Infrastrukturen bereitzustellen, die mir ein Verkehrsverhalten ermöglicht, das mir bekommt, weil ich mich gesund fortbewegen kann und das der Umwelt bekommt, indem es keinen CO2-Ausstoß verursacht. Wenn nicht die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, werde ich meine Kinder nicht motivieren, ihren Schulweg mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückzulegen. Wenn die Ampelanlagen oder Fußwege fehlen, muss ich notgedrungen zum Auto greifen.

 

Lifeguide: Sie befürworten also eine Mischung aus Regeln und freiwilligen Maßnahmen?

Prof. Angelika Zahrnt: Beim Fahrradfahren geht es darum, dass der Staat die Infrastrukturen schafft und dass ich individuell die Bereitschaft habe, sie zu nutzen. Es gibt aber auch andere Situationen, da befürworte ich eine Reglementierung des Staates, beispielsweise beim Tempolimit:  Die netten Schilder am Straßenrand „Fahr vorsichtig“ setzten auf eine freiwillige Leistung. Aber sobald Sie ein Tempolimit von 30 km/h haben, Straßenverengungen und auch mal Tempokontrollen, funktioniert das wesentlich besser.

Ich befürworte eine Änderung der Prioritäten. Jetzt sind Fußgänger in der Verkehrshierarchie ganz unten angesiedelt sind. Das sollte sich ändern.

Befürworten Sie ein Tempolimit auf Autobahnen?

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, das hat viele positive Facetten: Es ist für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes wichtig, es ist für die Gesundheit wichtig, denn die Unfallzahlen würden massiv heruntergehen – gerade auch in Hinblick auf schwere Unfälle. Und es ist in Hinblick auf ein gutes Leben wichtig, denn Sie können entspannter fahren, weil kein Raser drängelt.

 

Was wünschen Sie sich für Fußgänger?

Prof. Angelika Zahrnt: Ich befürworte eine Änderung der Prioritäten. Jetzt sind Fußgänger in der Verkehrshierarchie ganz unten angesiedelt sind. Das sollte sich ändern. Es gibt gute Beispiele in Graz und Garmisch Partenkirchen, wo Ampelschaltungen mit „Dauergrün“ den Fußgängern Vorrang geben. Städte sollen nicht nur Einkaufszentren mit möglichst viel Werbung sein und Autofahrer sollten hier nicht mehr den größten Raum okkupieren.

Städte können vielfältige Aktionszentren für Begegnungen, Bewegung und Sport werden, in denen auch Menschen mit geringerem Einkommen ein gutes Leben führen können. Dazu braucht man öffentliche Plätze, wo man kostenlos sitzen kann, oder grüne Netze in Städten, wo man von einem Park zum anderen gehen kann. Auch Flüsse werden zu einem lebendigen Element, Augsburg mit der Renaturierung der Wertach ist ein hervorragendes Beispiel. Wichtig ist das Unorganisierte, das Beiläufige, das Unverbindliche, Überraschende und Spontane. Das verbessert die Lebensqualität.

 

Eine andere Maßnahme, bei der Sie die Reglementierung durch die Politik befürworten  ist das Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder unter 12 Jahren wendet.

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, bei der Lebensmittelwerbung für Kinder ist das Problem, dass pfiffige, kindgerechte Werbespots Kinder animieren, Süßigkeiten zu kaufen. Ernährungsexperten sagen, dass sich die falschen Ernährungsgewohnheiten, die in der Kindheit geprägt werden, auch bei Erwachsenen weiter fortsetzten und schwer zu verändern ist. Das Problem sind also übergewichtige Kinder und später übergewichtige Erwachsene. 2013 hat die Bundesregierung mit der Lebensmittelindustrie eine freiwillige Vereinbarung zur Reduzierung von Lebensmittelwerbung für Kinder und Jugendliche unter 12 Jahren getroffen. Seitdem hat sich  nichts geändert.

Das ist das Problem mit freiwilligen Vereinbarungen. Die Politik ist davon immer sehr begeistert, weil das am wenigsten Widerstand in der Wirtschaft hervorruft. Aber diese Vereinbarungen sind auch wenig wirksam. Versprechen wie „Das machen wir schon“, oder „Wir bemühen uns“, reichen nicht. Deshalb sage ich, freiwillige Vereinbarungen kann man treffen, aber in diesen freiwilligen Vereinbarungen muss ein Zeitrahmen festlegt sein, in dem diese Maßnahmen greifen oder den gewünschten Effekt erzielen. Ist dies nicht der Fall, werden entsprechende Gesetze gemacht.

In Bezug auf die Lebensmittelwerbung befürworte ich eine Regelung wie in Schweden. Dort darf sich Lebensmittelwerbung prinzipiell nicht an Kinder unter Jahren 12 Jahren richten.

Städte können vielfältige Aktionszentren für Begegnungen, Bewegung und Sport werden, in denen auch Menschen mit geringerem Einkommen ein gutes Leben führen können. Dazu braucht man öffentliche Plätze, wo man kostenlos sitzen kann, oder grüne Netze in Städten, wo man von einem Park zum anderen gehen kann. Auch Flüsse werden zu einem lebendigen Element

Sie halten auch eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf Fleisch für sinnvoll?

Prof. Angelika Zahrnt: Es gibt einen allgemeinen Mehrwertsteuersatz von 19% und einen reduzierten Mehrwertsteuersatz von 7%. Fleisch wird, genauso wie andere Lebensmittel, mit 7% Mehrwertsteuer belegt. Aber Fleisch ist ein Produkt, dessen Konsum bedenklich ist, weil es in größeren Mengen der Gesundheit nicht bekommt, weil die Produktion von Fleisch mit viel CO2-Ausstoß und zumeist Massentierhaltung verbunden ist. Von daher sollte man Fleisch nicht mit dem bevorzugten, sondern dem generellen Mehrwertsteuersatz von 19% belegen. Das würde das Fleisch entsprechend teurer machen und damit den Fleischkonsum verringern. Außerdem würde Fleisch wieder zu etwas Besonderem, es würde einen höheren Wert bekommen. Diese Maßnahme wird auch von Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung  vorgeschlagen.

 

In Bezug auf Suffizienz sollte sich ja auch die Aufgabe der Verbraucherzentralen verändern …

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, die Verbraucherzentralen sollten ihre Beratung erweitern. Die Kernfrage darf nicht mehr lauten: Welches ist das preiswerteste Modell auf dem Markt? Sondern: Brauchen Sie das Produkt überhaupt, oder gibt es eine andere Variante? Verbraucherzentralen sollten sich trauen, auch einmal zu einem Nichtkauf zu raten und auf andere Nutzungsform hinweisen. Beispiel neues Auto: Hier kann durchaus geklärt werden, ob ein kleineres Modell in Frage kommt oder Carsharing und Leihwagen eine Option sind.

Ein weiteres wichtiges Beratungskriterium sollte sein: Wie langlebig ist ein Produkt, ist es auf lange Sicht preiswert, weil ich es reparieren kann? Hier ist parallel wieder die Politik gefragt, indem sie längere Garantiezeiten einführt. Eine weitere Kernfrage könnte lauten: Muss die Neuanschaffung in der Größenordnung gekauft werden? Oder haben sich die Ansprüche verändert? Reicht womöglich eine kleinere, preiswertere  Variante, weil sich die Lebensumstände verändert haben?

 

Als Indikator für Wohlstand wird das Bruttoinlandsprodukt angesehen. Sie wollen diesen Indikator verändern. Wie sähe Ihr Indikator aus?

Prof. Angelika Zahrnt: Ein Wohlstandsindikator sollte mehrere Aspekte für ein gutes Leben berücksichtigen. Zur Abbildung der wirtschaftlichen Seite ist weiterhin das Bruttoinlandsprodukt geeignet. Aber zusätzlich benötigen wir drei weitere Indikatoren: Die Soziale Gerechtigkeit: Ihre Kenngröße ist der GINI–Index, ein Maßstab, der anzeigt, wie Einkommen und Vermögen innerhalb der Gesellschaft verteilt sind.

Den ökologische Fußabdruck: Das ist eine Zahl, die anzeigt, welche Konsequenzen der Konsum für die Natur und Umwelt hat - bei uns und in den Herkunftsländern. Und schließlich die subjektive Zufriedenheit der BürgerInnen.

Wenn man diese vier Indikatoren zugrunde legt, verliert das Bruttosozialprodukt an Gewicht, weil man gleichzeitig berücksichtigen muss, dass beispielsweise unsere Inanspruchnahme von Natur gestiegen ist. Was hilft uns ein hohes Bruttoinlandsprodukt, wenn wir Natur und Umwelt  zerstören? Was bringt die Vielfalt an Gütern, wenn die Artenvielfalt verschwindet?

Die Verbraucherzentralen sollten ihre Beratung erweitern. Die Kernfrage darf nicht mehr lauten: Welches ist das preiswerteste Modell auf dem Markt? Sondern: Brauchen Sie das Produkt überhaupt, oder gibt es eine andere Variante?

Ihrer Meinung nach liegt das Glück jenseits von Konsum?

Prof. Angelika Zahrnt: Dazu muss man nicht viel recherchieren, man muss sich nur im eigenen Freundeskreis und in der Nachbarschaft umsehen und schauen, ob die Menschen, die am meisten konsumieren, die die längsten Fernreisen machen und die größten Statussymbole besitzen auch die ausgeglichensten, zufriedensten und fröhlichsten Leute sind.

Wer Jahr für Jahr immer die neuesten Produkte kaufen möchte, benötigt dafür mehr Einkommen und Zeit. Eine menschliche Beziehung hingegen muss zwar auch gepflegt werden, aber um daraus Zufriedenheit zu gewinnen, benötigt man nicht mehr Einkommen.

Persönliches Glück kann ganz traditionell aussehen: Man macht Musik, legt einen Gemüsegarten an, repariert seine Sachen selber, ist mit anderen Menschen gemeinsam aktiv. Die Tatsache, wieder stärker Herr oder Frau des eigenen Lebens zu werden, beglückt. Die Menschen genießen ihre eigene Kompetenz, weil sie nicht alles kaufen oder jede Dienstleistungen in Anspruch nehmen müssen, sondern weil sie die Dinge auch wieder selber machen können und sich gegenseitig unterstützen.

 

Zur Person: Professor Angelika Zahrnt ist ökologische Ökonomin und Systemanalytikerin. Sie war von 1998 bis 2007 Bundesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. 2009 hat sie in Augsburg den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) erhalten. Zu ihren wichtigsten Initiativen zählen die beiden Nachhaltigkeitsstudien „Zukunftsfähiges Deutschland“ von 1996 und 2008 sowie die „Ökologische Steuerreform“. 2010 gab sie gemeinsam mit Irmi Seidl das wachstumskritische Buch „Postwachstumsgesellschaft“ heraus. 2013 veröffentlichte sie gemeinsam mit Uwe Schneidewind das Buch „Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik“.

 

INFO: Dieses Interview erschien bereits im August 2016 im Lifeguide Augsburg

 

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Interview und Foto: Cynthia Matuszewski

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Das gute Leben für alle

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Der Augsburger liesLotte Verlag ist seit Juli 2020 gemeinwohlzertifiziert. Interview mit Verlegerin Uta Börger und Chefredakteurin Angelina Blon.
Der Verlag liesLotte in Augsburg ist gemeinwohlzertifiziert. Interview mit Verlegerin Uta Börger und Chefredakteurin Angelina Blon. Foto: Cynthia Matuszewski

"Ich bin tatsächlich stolz darauf, als Frau in der Augsburger Medienlandschaft zu zeigen, dass man mit Qualität, Herzblut und viel Ehrlichkeit erfolgreich sein kann. Mich berührt aber auch, wie wir als  tolles Team an einem Strang ziehen."

Uta Börger

Die Gemeinwohlökonomie steht für eine ethische Marktwirtschaft. Die Wirtschaftsordnung des Österreichers  Christian Felber berücksichtigt dabei Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie. Ziel ist die Balance zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit.

 

Uta Börger lebt seit 20 Jahren in Augsburg und produziert in ihrem Verlag unter anderem das Familienmagazin liesLotte für Augsburg, Schwaben und Allgäu sowie das nachhaltige Stadtmagazin Purpur für die Region Augsburg. Das Unternehmen der Verlegerin, Grafikerin, PR-Referentin und Journalistin  ist seit Juli 2020  gemeinwohlbilanziert: Sie hat sich zusammen mit sieben weiteren Unternehmen aus der Region Augsburg im Mai 2019 auf den Weg gemacht, um ihren Betrieb gerechter, solidarischer und nachhaltiger aufzustellen. Heute sagt sie: "Ich bin überzeugt, dass modernes werteorientiertes Leadership die Weichen für Freiraum, Schöpferkraft, Innovation, und damit auch gesellschaftlichen Erfolg einer Firma stellt." Uta Börger

 

Angelina Blon gehört seit 2009 zum Team liesLotte und ist seit 2018 Chefredakteurin der Purpur. Die Diplom-Geographin und Journalistin beschäftigt sich seit ihrem Studium mit dem Thema Nachhaltigkeit und hat den Prozess der Gemeinwohlbilanzierung begeistert mitgestaltet.

 

Interview mit Verlegerin Uta Börger und Chefredakteurin Angelina Blon

 

Uta, warum liebst du, was du tust?

Uta Börger: Ich liebe es, neue Projekte umzusetzen, kreativ zu sein, für die Umsetzung dieser Ideen zu powern und mein Umfeld mit zu begeistern. Dies mag manchmal herausfordernd sein, bringt mir andererseits aber auch eine große Freiheit, diese in meinem eigenen Unternehmen umzusetzen. Dazu kommt, dass ich mit meiner Arbeit eine hohe Wirksamkeit erziele und sehe, dass ich für die Menschen und die Region etwas bewegen kann.

Das Team des liesLotte-Verlags in Augsburg. Das Unternehmen ist seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Foto: Cynthia Matuszewski

Euer Betrieb ist gemeinwohlbilanziert. Was bedeutet das?

Angelina Blon: Wir legen in unserem Verlag Wert auf ein Wirtschaftssystem, bei dem ein gutes Leben für alle – Menschen, Tiere, Pflanzen, unser Planet Erde mit seinen Ressourcen, hier und anderswo, jetzt und in Zukunft – im Mittelpunkt steht. Die Gemeinwohlökonomie schafft die Basis für diese ethische Marktwirtschaft, die für mich eine Balance zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit kreiert. Der Österreicher Christian Felber hat mit der Gemeinwohl-Ökonomie eine Wirtschaftsordnung entwickelt, in der Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie berücksichtigt und „bilanziert“ werden können.

 

Was hat euch dazu veranlasst, einen Gemeinwohlbericht zu schreiben?

Uta Börger: In unserem Verlag und unserem Team leben wir schon von Anfang an einen besonderen Spirit. Dieser basiert auf einer werteorientierten und sinnstiftenden Unternehmenskultur, die wir im Laufe der elf Verlagsjahre gestaltet haben. Werte sind dabei die Basis für mein Denken und Handeln als Unternehmerin. Der GWÖ-Bericht war die logische Folge dieser inneren Haltung, denn die Idee der Gemeinwohlökonomie spiegelt diese persönlichen Werteüberzeugungen sehr stark wieder.

 

Wie viel Zeit muss ein Unternehmen für einen GWÖ-Bericht einplanen?

Angelina Blon: Der Prozess dauert insgesamt etwa ein Jahr. Wir haben ca. 340 Stunden in unseren GWÖ-Bericht investiert.

 

Wie funktioniert das in der Praxis? In eurem Betrieb?

Angelina Blon: Wir haben uns ein Mal im Monat in der Peergroup zu einem Workshop getroffen. Sie fanden unter dem Dach der Gemeinwohlökonomie GWÖ statt und wurden dabei permanent von einem Auditor begleitet. In unserem Verlag haben wir in einem Kleinteam sowie unter Einbeziehung aller diese Workshops vor- und nachbereitet, Fakten zusammen getragen, den Bericht formuliert. So nahmen wir im Laufe eines Jahres 20 Themen unter die Lupe, die das Gelingen unserer Beziehungen zu Mitarbeiter*innen, Kund*innen, Lieferant*innen, Geldgeber*innen sowie das gesellschaftliche Umfeld bewerteten. Kriterien waren hierbei unter anderem Aspekte der Menschenwürde, der Solidarität und Gerechtigkeit, der ökologischen Nachhaltigkeit sowie der Transparenz und Mitentscheidung.

 

Könnt ihr ein konkretes Beispiel nennen?

Uta Börger: Wir verfolgen bereits seit Gründung vor elf Jahren eine ethische Verkaufspolitik. Wir grenzen uns strikt von der Drückermentalität, die in der Branche durchaus üblich ist, ab. Unseren Verkäufer*innen ist es nicht erlaubt, Kund*innen zu Abschlüssen zu nötigen.

"Wir setzen auf eine ehrliche und kundenorientierte Beratung, denn Ehrlichkeit ist einer unserer höchsten Firmenwerte."

Uta Börger

Dabei steht immer der Wunsch, die Marketingstrategie sowie der Nutzen des Kunden bzw. der Kundin an erster Stelle. Unsere Preisgestaltung ist ebenfalls von Anfang an wertebasiert gestaltet. Rabatte und Dumpingpreise gibt es bei uns nicht. Unsere Preise sind fair kalkuliert. Zudem unterstützen wir Kleinstunternehmen mit verschiedenen Maßnahmen.

 

Wie ist es euch ergangen, in dem Jahr, in dem ihr euch intensiv mit deinem Unternehmen auseinandergesetzt hast?

Uta Börger: Obwohl ich persönlich lieber kreativ arbeite und Berichteschreiben eher lästig finde (lacht), hat mich die Arbeit am Bericht wirklich immer wieder fasziniert.

"Vieles haben wir intuitiv schon auf einen guten Weg gebracht. Dies zu sehen und zu erkennen, hat uns positiv überrascht."

Uta Börger

Nun sind wir einen weiteren Step gegangen und haben Themen noch einmal intensiv und in großer Klarheit durchdacht, dokumentiert und festgehalten. So wurden aus intuitivem Handeln Standards und Leitlinien.

 

Uta, hat die GWÖ-Zertifizierung deine eigenen Werte bezüglich der Unternehmensführung bestärkt?

Uta Börger: Auf jeden Fall! Ich war mir schon immer recht klar über meine persönlichen Werte, jetzt wurden sie noch einmal geschärft. Sich dieser bewusst zu sein, unterstützt in allen unternehmerischen Feldern, die eigenen Entscheidungen zu finden und zu be-gründ-en. Sie sind die Basis für alles.

 

Hat sich in eurem Betrieb etwas verändert, während ihr die GWÖ-Bilanzierung durchgeführt habt?

Angelina Blon: Wir haben durch den Bericht viele Themen angestoßen, die wir verbessern möchten und teilweise jetzt schon umgesetzt haben. Durch die Berichtsrubrik "Löhne" haben wir uns beispielsweise intensiv damit auseinander gesetzt. Hier entstand der Wunsch, die Löhne gerechter zu gestalten. Wir haben zum 1. Januar 2020 eine Gehaltsmatrix eingeführt. Dieses New-Pay-Vergütungsmodell ist nun die konsequente Weiterführung unserer modernen, offenen und fairen Unternehmenskultur – nun eben auch auf finanzieller Ebene. Wir heben damit unsere Firmenwerte auf eine neue Ebene.

 

Wie habt ihr das New-Pay-Vergütungsmodell erarbeitet?

Uta Börger: In einem gemeinsamen Workshop war das gesamte Team beteiligt.

Wir erarbeiteten ein Grundgehalt, das für alle gleich ist. Dazu kommen Zulagen für verschiedene Faktoren wie Anzahl der Kinder, Übernahme von Verantwortung und vieles mehr. Uns war wichtig, dass alle Mitarbeiter*innen diese neue Vergütung fair und gerecht empfinden."

Uta Börger

Mir als Unternehmerin war die Transparenz und Klarheit der Lohngestaltung daran sehr wichtig. Das Modell hat sich bisher gut bewährt, es gibt aber auch schon Ideen für weitere Verbesserungen und Anpassungen, die wir in einem neuen Workshop Ende des Jahres besprechen werden.

 

Als Besucherin habe ich das Arbeitsklima bei euch auch schon vor der Gemeinwohlbilanzierung als entspannt und partnerschaftlich erlebt. Hat sich durch den Prozess der Zertifizierung beim Betriebsklima noch etwas verändert?

Angelina Blon: Das Team ist durch die gemeinsame Berichtsarbeit mehr zusammen gewachsen. Wir haben mal richtig ins Uhrwerk hinein geschaut, uns mit dem Innenleben, den Strukturen, den Rädchen im Getriebe befasst und konnten dadurch neue Zusammenhänge erkennen.

"Der Prozess der GWÖ-Zertifizierung schaffte noch mehr Identifikation mit dem Arbeitsplatz und zeigte die Sinnhaftigkeit unseres Tuns auf."

Angelina Blon

Zudem erweiterte sich mit der Beschäftigung mit den Werten auch die Wert-schätzung für diesen Arbeitsplatz bei liesLotte. Dass es neben der üblichen Gehaltszahlung noch andere ansprechende Rahmenbedingungen wie flexibles dynamisches Arbeiten, die Freiheit und die Partizipationsmöglichkeiten gibt, ist wieder stärker ins Bewusstsein gelangt.

 

Ihr habt schon vor Jahren euren ersten CSR-Bericht mit dem Titel „Wertschöpfend arbeiten geht (gut)!“ herausgegeben, der sich mit der sozialen und ökologischen Verantwortung beschäftigt. War die GWÖ-Bilanzierung für Euch die logische Konsequenz?

Uta Börger: Ja, wir wollten uns nicht auf dem ausruhen, was wir bereits geschafft haben, sondern noch mehr für die Mitarbeiter*innen, die Umwelt, die Region und die Gesellschaft erreichen und ein offizielles Label erarbeiten.

Hat sich der Prozess gelohnt?

Uta Börger: Auf jeden Fall! Die Durchleuchtung aller unserer internen Prozesse hat sowohl mir als Geschäftsinhaberin wie auch meinem Unternehmen insgesamt sehr viele positive Impulse beschert. Das Überdenken von alten Abläufen und den Fragestellungen nach neuen Rahmenbedingungen und Strukturen, die zum Wohle aller noch optimiert werden können, hat dem ganzen Team und meinem Verlag Bewegung, Veränderung, Fokussierung und Weiterentwicklung ermöglicht.

 

Wie geht es jetzt weiter? Uta Börger: Nach zwei Jahren muss neu berichtet und erneut bilanziert werden. Dies wird hoffentlich nicht mehr so umfangreich wie die erste Berichtsphase, aber wahrscheinlich genauso spannend. Dies bedeutet, dass wir weiter konstant an Verbesserungen arbeiten werden. Denn es entspricht unserem liesLotte-Spirit vorzudenken und neue Wege zu gehen.

 

In der Region Augsburg sind folgende Unternehmen gemeinwohlzertifiziert:

Hier geht es zu Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg

Kontakt: augsburg@list.ecogood.org

 

 

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Ein spannendes Interview mit Michael Schnitzlein zum Thema Gemeinwohlökonomie findet ihr auch auf der Website Aufgeklärtes Herz

Team liesLotte, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl, Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Das Team des liesLotte-Verlags in Augsburg. Das Unternehmen ist seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Foto: Cynthia Matuszewski
Das Team des liesLotte-Verlags in Augsburg. Das Unternehmen ist seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Foto: Cynthia Matuszewski
Das Team des liesLotte-Verlags in Augsburg. Das Unternehmen ist seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Foto: Cynthia Matuszewski
Team liesLotte, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl, Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Das Team des liesLotte-Verlags in Augsburg. Das Unternehmen ist seit 2020 gemeinwohlzertifiziert. Foto: Cynthia Matuszewski
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Dorfladen mit Kaffeewirtschaft. Hier gibt es Bio-Produkte aus der Region ohne viel Verpackungsmüll. Das Herzstück ist eine Genossenschaft, die vor allem Landwirte und Betriebe aus der Region unterstützt.
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Aktueller Hinweis: Das Herzstück packt und liefert Lebensmittel-Pakete auf Vorbestellung!

 

Das „Herzstück“ ist ein Laden mit Kaffeewirtschaft, in dem es Bio-Produkte aus der Region ohne viel Verpackungsmüll gibt. Herzkammer ist dabei die Küche, in der die regionalen Lebensmittel zu bodenständigen und frischen Gerichten verarbeitet werden. Ein besonderes Herzensanliegen der Initiatorinnen und Initiatoren ist, dass sich in dem Dorfladen auch wieder Dorfleben abspielt und das Herzstück zu einem Ort der Begegnung wird.

 

"Von Bürger*innen für Bürger*innen" – so lautet das Motto der Genossenschaft Herzstück Horgau, in der sich seit drei Jahren Menschen aus der Region dafür engagieren, in den westlichen Wäldern von Augsburg wieder Dorfläden zu eröffnen. Sie sollen sowohl Orte der Begegnung als auch Schaufenster regionaler Produkte sein. Ganz so, wie es früher in den Dorfläden eben war: Produkte von Landwirt*innen und Produzent*innen aus der Region - ausschließlich aus ökologischer und nachhaltiger Herkunft. Das Herzstück in Diedorf soll der erste dieser Dorfläden werden - weitere sind geplant.

 

"Wir wollen den Einkauf und den Genuss wieder einfach und ehrlich machen,“  Anja Dördelmann, Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft Herzstück Horgau.

 

Vieles, wie Brot, Nudeln, Marmeladen, Kräutersalze, Aufstriche aber auch feinste Pralinen und Torten werden vor Ort selbst gemacht oder aus der Region frisch bezogen – ohne lange und komplizierte Zutatenliste. Hier können die Käuferinnen und Käufer sicher sein, dass sie Natürliches bekommen und brauchen kein Hintergrundwissen, was Zusatzstoffe oder Verknüpfungen von Herstellern mit großen Konzernen betrifft.

 

Nach drei Jahren Aufbau der Genossenschaft, nach Konzeptausarbeitung, der nötigen Kapitalbeschaffung und nach einer letzten, nervenaufreibenden Bauphase in Diedorf, freuen sich die Herzstückler, dass es jetzt endlich losgeht.

 

"Mut, Wille, eine starke Energie und zudem unzählige ehrenamtliche Arbeitsstunden haben unser Herzstück zum Wachsen gebracht. Hinter uns liegt eine intensive Zeit und wir freuen uns, nun endlich gemeinsam mit unseren Landwirten und Handwerksbetrieben starten zu können." Anja Dördelmann, Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft Herzstück Horgau.

 

So nah wie möglich, so fern wie nötig –  aus Liebe zur Heimat.

Bei der Auswahl der Bio-Lebensmittel gilt immer: so nah wie möglich, so fern wie nötig. Im Herzstück sitzen Kund*innenn, Landwirt*innen und Hersteller*innen an einem Tisch. Ihr Ziel ist, das Beste aus Schwaben zusammenzubringen. Die Initiatori*innen wollen einen Ort für Gemeinschaft, Genuss und Kultur schaffen. In der Einladung zur Eröffnungsfeier heißt es:

 

"Schaut rein, verbringt Zeit mit uns und nehmt Euch etwas Gutes mit nach Hause. Und seid möglichst wohlwollend und wo nötig geduldig mit uns. Lasst uns alle zusammen unserem Herzstück einen guten Start ins Leben ermöglichen."

 

 

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Die Mitglieder der Forums Fließendes Geld haben zwar keine schnelle und profane Lösung für diese komplexen Fragen. Aber immer mehr Menschen haben den Eindruck,  dass der Umgang mit Geld nachhaltig zu überdenken ist. Deswegen will das "Forum Fließendes Geld" diesen Menschen eine Plattform zur Diskussion und Zusammenarbeit bieten. Hinter dem Forum steht der Augsburger Verein Oeconomia Augustana e.V., der eine gesellschaftliche Transformation anstrebt und Menschen dazu anregt, neu über Geld nachzudenken. Der Verein ist Organisator des Konventes DialogRaumGeld, der seit Oktober 2021 in Augsburg stattfindet.

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