Erste Augsburger Desintegrationstage

Lesung, Talk, Guerilla-Museumstour und Poetry Slam mit Max Czollek und Kulturschaffenden aus Deutschland und Österreich

Ort:

Sommestr. 30
abraxas Theater
86156 Augsburg

Das Jüdischen Museum Augsburg Schwaben und das Kulturhaus abraxas laden Ende März 2019 zu den „Ersten Augsburger Desintegrationstagen“.Der Berliner Lyriker und Theatermacher Max Czollek fordert in seinem Buch „Desintegriert Euch!“ (2018) Jüdinnen und Juden dazu auf, nicht mehr im deutschen Gedächtnistheater mitzuspielen und plädiert für neue Solidaritäten.

Max Czolleks leidenschaftliches Plädoyer „Desintegriert euch!“ trifft den Nerv jüdischen Lebens in Deutschland heute. Zwar wird vom offiziellen Deutschland regelmäßig das „Niemals vergessen!“ beschworen, das nicht zur Phrase verkommen dürfe, jedoch wird es Juden und Jüdinnen übelgenommen, wenn sie sich ihrer zugedachten Rolle als Versöhner*innen verweigern. Allzu oft als bloße „Mitbürger*innen“ bezeichnet, werden sie, historisch wie aktuell, funktionalistisch auf einen „Beitrag“ zur Deutschen Geschichte reduziert. Das ritualisierte Bild einer jüdisch-christlichen Kultur bedeutet, so Czollek, keinen Kulturtransfer auf Augenhöhe, sondern bildet die Machtverhältnisse ab, innerhalb derer die christliche Mehrheitsgesellschaft die Juden „in guter Regelmäßigkeit verbannte, enteignete oder umbrachte.

„Die Judenrolle folgt […] einem Skript, das den Titel ‚Die guten Deutschen‘ trägt. Denn das ist seit Jahrzehnten die Funktion der Juden in der Öffentlichkeit: die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen. […] Aber auch andere Gruppen sind einem ähnlich dominanten Erwartungsdruck ausgeliefert, etwa Muslim*innen, die sich permanent zu Geschlechterrollen, Terror und Integration äußern müssen und damit als Gegenbild zum Selbstverständnis der toleranten und aufgeklärten Deutschen dienen.“ (Max Czollek)

Eine solche muslimisch-christliche Tradition wünscht man keinem Muslim und keiner Muslima.“ Czollek kritisiert aus jüdischer Perspektive die Unehrlichkeit des Integrationsdiskurses sowie die zunehmend von völkischen Rassismen geprägte Debatte darüber, „wer dazugehört“ - und plädiert für neue Solidaritäten: Zwischen Juden und Jüdinnen und Muslimen und Musliminnen. Der populistisch verwerteten „deutschen Leitkultur“ möchte er eine „jüdisch-muslimische Leitkultur“ entgegensetzen, die sich Zuschreibungen widersetzt und sich nicht an die Erwartungshaltungen der Mehrheitskultur anpasst, sich also desintegriert.

Juden und Jüdinnen – hört auf, im deutschen Gedächtnistheater mitzuspielen, emanzipiert euch von der Rolle, die dieses euch zuteilt!

Max Czolleks Buch wird seit seinem Erscheinen heftig diskutiert – und es ist an der Zeit, diese Diskussion aufzunehmen und weiterzudenken. Was könnte aus dieser Forderung folgen und welche Auswirkungen kann dies auf Kulturschaffende haben?

Wenn ein Integrationsdenken weiterhin von ethnischen oder völkischen Konzepten einer spezifisch "deutschen" Normalität ausgeht, dann kann dieses Denken keine Garantie für eine nachhaltige Sicherung einer pluralen und demokratischen Gesellschaft sein. Weil es nämlich genau mit den Konzepten NICHT bricht, die die Demokratie in Deutschland schon einmal gründlichst zerstört haben. Wenn wir also davon ausgehen, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine plurale und demokratische Gesellschaft wil, dann ist genau die "Desintegration" aller - weg von einem "Zentrum" - der nachhaltigere Weg." Gerald Fiebig, Leitung Kulturhaus Abraxas.

Die „Ersten Augsburger Desintegrationstage“ gehen diesen Fragen in drei Tagen gemeinsam mit dem Autor nach. Ausgehend von einer Buchpräsentation von „Desintegriert euch“ in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber wird sich ein Talk mit Kulturschaffenden aus Berlin, Wien und Augsburg im Kulturhaus abraxas der Frage widmen, wie neue Solidaritäten zwischen Juden/Jüdinnen und Muslim*innen im kulturellen Leben umgesetzt werden können.
Eine Guerilla-Museumstour kämpft sich durch die Erzählung der jüdischen Geschichte im Jüdischen Museum und wird mit dem Augsburger Comiczeichner Paul Rietzl eine Gegenerzählung in die Dauerausstellung einschreiben. Und zuletzt wird ein Poetry Slam im Weissen Lamm unter dem Motto „Desintegration für alle!“ künstlerische Umsetzungen präsentieren.

 

Programm der Desintegrationstage:

26. März, 19.00 Uhr
Desintegriert Euch!
Buchpräsentation und Lesung mit Max Czollek
Ort: Jüdisches Museum, Standort Ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, 86156 Augsburg
Eintritt: 5,00/3,00 Euro


27. März, 19.00 Uhr
Neue Solidaritäten oder jüdisch-muslimische Leitkultur?
Talk mit Mirna Funk (Berlin), Tülay Ates-Brunner (Augsburg), Alexander Ratschinskij (Augsburg) und Max Czollek (Berlin)
Moderation: Can Gülcü (Wien)
Ort: Kulturhaus abraxas, Sommestr. 30, 86156 Augsburg | Eintritt: 5,00/3,00 Euro


28. März, 17.30 Uhr
Guerilla-Museumstour
mit Max Czollek, dem Augsburger Comic-Zeichner Paul Rietzl und Museumsdirektorin Dr. Barbara Staudinger
Begrenzt auf 30 Personen!
Anmeldung bis 26. März 2019 erforderlich unter
Tel.: 0821 – 51 36 58 oder Mail: office [at] jkmas.de
Die Tour dauert etwa 90 Minuten, der anschließende Poetry Slam um 20.30 Uhr kann problemlos erreicht werden.
Ort: Jüdisches Museum, Standort Innenstadt, Halderstraße 6-8, 86150 Augsburg | Eintritt: 8,00/5,00 Euro


28. März, 20.30 Uhr
Desintegration für alle
Poetry Slam gehostet von Horst Thieme
mit Ezgi Zengin (Augsburg), Pauline Füg (Fürth), Helmuth Steierwald (Nürnberg), Max Czollek (Berlin) u. a.
Ort: Beim Weissen Lamm, Ludwigstraße 23, 86152 Augsburg | Eintritt: frei
 

Eine Veranstaltung von Jüdischem Museum Augsburg Schwaben und Kulturhaus abraxas

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Kulturhaus abraxas

Kultur leben

Kulturhaus abraxas
Sommestr. 30
86156 Augsburg

Das Kulturhaus abraxas auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne vereint verschiedenste kulturelle Angebote, soziale Projekte und lehrreiche Workshops.