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Warum ist Schokolade eigentlich so günstig?

Warum ist Schokolade eigentlich so günstig?
Schokolade gibt es schon für ein paar Cent in jedem Supermarkt zu kaufen. Aber was genau essen wir da eigentlich? Und wie hängen Schoko-Genuss und Weltklima zusammen? Gastkolumne von Ursula Hudson, Slow Food Deutschland.
Schokolade

Palmöl in Schokolade: Dem Klima schmeckt’s nicht

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA lässt zwei ständige elektronische Beobachter um die Erde kreisen, die sich »Terra« und »Aqua« nennen. Die beiden Satelliten funken regelmäßig Daten über die Veränderungen in den weltweiten Ökosystemen, vieles davon nahezu in Echtzeit abrufbar im Internet. Was sie derzeit aus Indonesien berichten, ist niederschmetternd: Von Januar bis Ende Oktober zählten ihre Messapparate rund 120 000 einzelne Wald- und Torfbrände in dem Inselstaat. Schon jetzt sprechen Experten von der größten Brandkatastrophe dieses Jahrhunderts (siehe www.globalfiredata.org).

 

Deren Ursache: Bauern auf Borneo oder Sumatra fackeln immer größere Teile des Regenwalds ab, um dort Palmöl-Plantagen zu errichten – mit absehbar desaströsen Folgen für das Weltklima. Die Brände dieser Saison haben bereits mehr Klimagase freigesetzt, als die Industrienation Deutschland in einem Jahr ausstößt.

 

Palmöl ist ein indonesischer Exportschlager. Die rücksichtslose Rodungspolitik drückt den Weltmarktpreis. Kein Wunder, dass Palmöl zum Schleuderangebot nahezu ubiquitär Abnehmer findet. Die Kosmetikindustrie setzt es in Salben und Cremen ein, die Reinigungsmittelhersteller verwenden es für Seifen und Waschmittel (Tenside) und bei Lebensmitteln kommt es von der Margarine bis zum Analogkäse zum Einsatz.

 

Leider verwenden auch Schokoladenhersteller gern Palmöl, es macht die Kakaomasse cremiger und fülliger, zudem verkürzt es den Herstellungsprozess zeit- und kostensparend. Bis zu fünf Prozent lässt die Europäische Union als Zusatzstoff bei der Fabrikation zu. Aus der Sicht von Slow Food sind dies fünf Prozent zu viel.

 

Ist Palmöl ein Muss für leckere Schokolade?

Palmöl hat in einer guten und vor allem sauberen Schokolade nichts zu suchen, denn hochwertiger Kakao enthält genügend eigene Fette und mehr als 500 Aromen, die dieses wunderbare Naturprodukt eben zu jenem »Gottesgeschenk« (Theobroma) machen, als das es von dem schwedischen Botaniker Carl von Linné schon vor dreihundert Jahren bezeichnet wurde!

 

In der Herstellung ersetzt das billige Palmöl schlicht die viel teurere, aber hochwertige Kakaobutter – schon sind fünf Prozent gespart. Für diesen Trick sind sich auch viele sogenannte Edelhersteller nicht zu schade. Uns Schokoliebhabern bleibt da nichts anderes übrig, als genauestens die Liste der Inhaltsstoffe auf dem Etikett zu studieren und die guten Anbieter von den schlechten zu trennen. Aber Vorsicht: Palmöl kursiert dort oft nicht unter eigenem Namen, sondern versteckt sich als sogenanntes »Pflanzliches Fett«.

 

Sojalecitin: Cremigkeit und Glanz im Low-Budget-Verfahren

Ähnlich klimabelastend und mindestens genauso überflüssig ist ein anderer Liebling der Schokoladenhersteller: das Sojalecithin. Bei diesem Zusatzstoff handelt es sich um einen sogenannten Emulgator, ein Helferlein, das von der Lebensmittelindustrie gerne eingesetzt wird, wenn es darum geht, nicht mischbare Flüssigkeiten wie beispielsweise Wasser und Öl miteinander zu verbinden.

 

Dem Schokoladen-Konsumenten gaukelt Lecithin eine höhere Produktqualität vor: Sein Einsatz führt zu einem angenehmen Mundgefühl, verleiht dem Produkt einen cremigeren Schmelz und einen höheren Glanz. Die Europäische Union lässt Sojalecithin auch im Biobereich zu. Und weil es spottbillig ist, verwundert es nicht, dass kaum ein Hersteller darauf verzichten mag.

 

Ist es für die Herstellung hochwertiger Schokolade notwendig? Wie bei Palmöl heißt die Antwort: nein. Dies beweisen Anbieter mit einer ganz anderen Produktphilosophie wie beispielsweise Naturata oder Bonnat, die in ihrem kompletten Schokoladen-Sortiment ohne Lecithin auskommen. Der gewünschte zarte Schmelz, ein appetitlicher Glanz und leckerer Geschmack lassen sich nämlich auch ganz ohne Hilfs- und Zusatzstoffe durch traditionelle Herstellungstechniken, wie das ausreichend lange Conchieren der Kakaomasse, erzielen.

 

Warum also den Konsumenten dazu zwingen, Stoffe zu sich zu nehmen, die er in seiner Schokolade gar nicht vermutet? Zumal Soja weltweit immer stärker gentechnisch verändert angebaut wird und eine Garantie, dass keine Spuren von veränderten Organismen in die Schokolade gelangen, selbst bei Verwendung von Biosoja kaum mehr möglich ist.

 

Sauber und fair geht anders: Billige Rohstoffe haben ihren Preis

Der Soja-Anbau erfordert zudem Platz – vor 15 Jahren wurde die Bohne in Argentinien auf einer Fläche von einer Million Hektar angebaut. Inzwischen sind es 18 Millionen Hektar. In Brasilien führt die Ausdehnung der Soja-Monokulturen zu einer ähnlich katastrophalen Abholzung des Regenwalds wie die Palmölproduktion in Indonesien. Wenn der Wald verschwindet, wird Kohlendioxid freigesetzt – das weltweite Abholzen von Bäumen (nicht nur durch Brandrodung) trägt maßgeblich zum Klimawandel bei.

 

Die Palmöl- und Sojaproduktion ist weder sauber noch fair. Die riesigen Monokulturen führen zur Vergiftung der Böden, die Profite landen bei wenigen großen Konzernen, die den Markt weltweit beherrschen. Einfache Bauern und Landarbeiter sind die Verlierer des industrialisierten Anbaus. Eine Tafel Schokolade wiegt in der Regel nur 100 Gramm. Jedes einzelne Stück sollte, wenn wir es uns auf der Zunge zergehen lassen, den Slow-Food-Kriterien »gut, sauber und fair« genügen. Schließen wir also durch bewussten Einkauf aus, dass aus dem Gottesgeschenk eine bittere Hypothek für den Planeten wird!

 

Bleiben Sie weiterhin engagiert, kritisch und genussfreudig,Ihre Ursula Hudson

 

Diese Kolumne stammt aus dem Slow-Food Magazin und wurde am 7.12.2018 im Lifeguide veröffentlicht.

Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Cover Slow Food Magazin 6_2015
Cover Slow Food Magazin 6_2015
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Auf Palmöl verzichten

Auf Palmöl verzichten
Gastkolumne von Ursula Hudson, Slow Food Deutschland
Für Palmöl-Plantagen werden in Peru großflächig Regenwälder gerodet

Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist ein Wunderwerk der Natur. Man erkennt sie an den hübschen roten Früchten, die in charakteristisch dichten Trauben von den Palmköpfen herabhän­gen. Diese Fruchtstände schauen nicht nur schön aus, sie haben es auch in sich: Das Fleisch besteht bis zu 50 Prozent aus Öl, der dicke Samenkern enthält noch einmal bis zu 52 Prozent. Keine andere Kultur­pflanze kommt auf einen vergleichbar hohen Fett­ bzw. Energiegehalt. Ein Hektar Palmölplantage erbringt einen Ertrag von drei bis sechs Tonnen Palmöl pro Jahr, je nach Boden, Wetter und Pflege. Unser europäischer Raps liefert beispielsweise ledig­lich einen Ertrag von 1,5 bis 2,5 Tonnen Öl.

Natives, handwerklich gepresstes Palmöl ist sehr schmackhaft. Es gibt vielen Speisen der afrikanischen und asiatischen Küchen ihre leicht fruchtig­exotische Note. Verantwortlich für diese spezifische Ge­schmacksrichtung ist wohl vor allem der hohe Karotingehalt des Palmöls. Alle diese Eigenschaften zusammengenommen machen das Fett der Palm­früchte zum wichtigsten Speiseöl der Welt. Es kommt auf einen Marktanteil von rund 30 Prozent.

Leider ist die hübsche »Elaeis Guineensis« nicht nur Lieferan­tin eines schmackhaften Speiseöls, sondern auch ein Klimakiller. Ursprünglich in Afrika beheimatet, liegen die Hauptanbaugebiete heute in Malaysia und Indonesien. Diese zwei Staaten liefern sich einen gnadenlosen Wettbewerb um den höchsten Ölausstoß. Gemeinsam stehen sie für fast 90 Prozent der Weltproduktion. Für den monokulturellen Anbau von Elaeis werden immer grö­ßere Teile des heimischen Regenwaldes abgefackelt. Die (Folge­-)Brände setzen gewaltige Mengen an Treibhausgasen frei. Der hohe Ertrag und der rücksichtslose Raubbau an der Natur machen Palmöl konkurrenzlos billig. Kein Wunder, dass es nicht nur in der Küche als Speisefett zum Einsatz kommt. Die Kosme­tikindustrie setzt es in Salben und Cremes ein, die Reinigungsmittelhersteller verwenden es für Seifen und Waschmittel (Tenside) und bei Lebensmitteln steht es von der Margarine über Schoko­lade bis zum Analogkäse in der Inhaltsdeklaration. Laut einer Stu­die des WWF enthält mittlerweile jedes zweite Supermarkt­produkt Palmöl.

Äcker sind die neuen Bohrlöcher

Der größte Anteil wird jedoch schlicht – vertankt. Rund 41 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs von 1,8 Millio­nen Tonnen werden dem sogenannten Biodiesel beigemischt. Skandalös. Essen gehört auf den Teller, nicht in den Tank. In ihrem lesenswerten Buch »Aus kontrolliertem Raubbau« macht die Münchner Journalistin Kathrin Hartmann die hochsubventionierte Beimengung von Palmöl bei »nachhaltigen« Kraftstoffen in Europa als Hauptursache für den Kahlschlag des Regenwalds in Südostasien aus. Die rasante Ausweitung der Palmöl-­Monokulturen begann Anfang der 2000er­-Jahre mit der ersten Energiewende und der Verkündung der europäischen Klimaziele. Die Verantwortlichen erfanden die Formel »Äcker sind die neuen Bohrlöcher« (Jür­gen Trittin). Besser hätte man es nicht ausdrücken können. Für die Idee, dass Strom, Gas und Öl auf dem Acker wachsen, sprudelten bis heute reichlich Steuergelder – mit grundstürzender Wirkung. In Deutschland wurde die Landschaft vermaist und das agrarbedingte Artensterben beschleunigt, in Südostasien wurde Regenwald im Umfang der halben Fläche Deutschlands abgefackelt und durch Palmölplantagen ersetzt. Weil deren Erzeugnisse auch in den europäischen »Bio«-­Sprit wandern, schmücken sich viele dieser Anbaupro­jekte sogar mit einem Nachhaltigkeits­-Siegel. Absurd.

Bewusst einkaufen

Auch wer bei Süßem und Fettigen genau hinschaut, leistet einen Beitrag. Die meis­ten Schokoladenhersteller behaupten bei­spielsweise, sie könnten nicht auf Palmöl verzichten. Das ist Augenwischerei. In der Herstellung ersetzt das billige Palmöl schlicht die viel teurere, aber hochwertige Kakaobutter. Chocola­tiers mit entsprechendem handwerklichem Können verzichten auf diesen Trick. Dies gilt auch für viele Erzeuger hochwertiger Chips. Niemand muss auf die Knabberei vor dem Fernseher ver­zichten: Im Gegensatz zur Industrie verwenden die meisten Bio-­Erzeuger kein Palmöl beim Frittiervorgang. Dies ist gesünder (weniger gesättigte Fettsäuren!) und schmeckt, wie ich meine, auch viel besser.

Besonders wichtig ist der bewusste Einkauf beim Fleisch. Rund acht Prozent des nach Deutschland importierten Palmöls fließen in Futtermittel für Rinder, Geflügel und Schweine. Wir können einen erheblichen Beitrag leisten, indem wir viel weniger, dafür aber hochwertigeres Fleisch genießen. Und dies möglichst vom ganzen Tier. Wer also, vom Kopf bis zum Schwanz, das Weiderind vom Bio­-Erzeuger bezieht, verbessert seine Klimabilanz durch weniger Massentierhaltung und Kraftfutterverbrauch.

Verzichten wir also auf Palmöl: bei der Beimischung, als Zusatzstoff oder als Prozesshelfer. Lassen wir es lieber in der Küche Afrikas, denn dort gehört es hin. Slow Food unterstützt dort übrigens seit 2011 auch ein Presidio. In Guinea Bissau, das der Ölpalme ihren Namen gab, werden die Früchte wilder Dura-­Palmen bis heute per Hand geerntet und für den lokalen Eigenbedarf genutzt. Kein Quadratmeter Regenwald muss dafür weichen!

Bleiben Sie weiterhin engagiert, kritisch und genussfreudig,Ihre Ursula Hudson

 

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Diese Kolumne stammt aus dem Slow-Food Magazin und wurde am 30.1.2017 im Lifeguide veröffentlicht.

Früchte der Ölpalme, Borneo
Früchte der Ölpalme, Borneo, Foto: Birgit Handke
Rodung für Palmölplantage in Peru
Rodung für Palmölplantage in Peru. Foto: Rettet den Regenwald / Mathias Rittgerott
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
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Koffeinkick und Nachhaltigkeit

Koffeinkick und Nachhaltigkeit
Was ist nachhaltiger: Tee oder Kaffee? Gastkolumne von Ursula Hudson
Nespresso-Kapseln

Die Deutschen trinken leidenschaftlich gern Kaffee, pro Kopf rund 150 Liter im Jahr. Das macht uns in puncto Kaffeekonsum zu einer der 20 Topnationen weltweit. Beim Tee rangieren wir mit 28 Litern pro Kopf dagegen eher unter ferner liefen – mit einer sehr auffälligen, regionalen Ausnahme: Die Ostfriesen sind mit 300 Litern seit Jahren die unangefochtenen Tee-Weltmeister.

 

Egal ob nun das Tässchen Kaffee oder die Schale Tee, für die meisten von uns gehört zumindest eines von beiden zum täglichen Genuss. Das liegt nicht nur an der überwältigenden Geschmackspalette beider Getränke, sondern auch an einem in ihnen enthaltenen psychotropen Alkaloid (Koffein, Teein). Es wird von den meisten Menschen als angenehm stimulierend empfunden und ruft jene in Bürogesprächen so vielbeschworene »Lebensretter-Wirkung« hervor.

 

Haben Sie über einer Tasse »Ihres« Wachmachers schon einmal nachgedacht, welches Getränk nachhaltiger ist? Die Bilanz fällt eindeutig zugunsten des Tees aus – doch Klimaschoner sind beide nicht. Kaffee und Tee werden überwiegend in Monokultur angebaut und sind große Flächenverbraucher. In Trockentonnage gemessen produziert die Welt jedoch weit mehr Kaffee als Tee. Rund neun Millionen Tonnen Kaffee werden jedes Jahr weltweit auf zehn Millionen Hektar Anbaufläche erzeugt. Dem stehen fünf Millionen Tonnen Tee entgegen, der auf 3,5 Millionen Hektar Fläche angebaut wird. Der Ertrag von Kaffee pro Hektar fällt also weit niedriger aus als bei Tee. Hinzu kommt der Wasserverbrauch. Die Erzeugung von einem Kilogramm Röstkaffee erfordert in der Herstellung etwa 21 000 Liter Wasser. Pro Tasse sind das mehr als 140 Liter! Zum Vergleich: Eine Tasse Tee kommt in der Produktion mit 30 Litern Wasser aus.

 

Müll hat einen Namen: Nespresso

Was Kaffee aber wirklich zum Klimakiller machen kann, ist die Zubereitungsform. Es ist ein Riesenunterschied, ob unser Tässchen aus der Kapsel-Maschine von Nespresso stammt oder etwa in einer filterfreien Coffee-Press zubereitet wird. Denn die Herstellung von Aluminiumkapseln ist alles andere als umweltfreundlich. Zur Gewinnung von einem Kilogramm Aluminium aus Bauxit müssen 14 Kilowatt Strom eingesetzt werden, allein dafür werden acht Kilogramm Kohlendioxid frei. Beim Abbau des Aluminiumerzes Bauxit im Tagebau werden zudem häufig Wälder abgeholzt und es fällt giftiger, eisenhaltiger Rotschlamm an. Leider boomt der Kapsel-Markt dank einer äußerst erfolgreichen Marketingkampagne. Weltweit eifern Kaffeetrinker ihrem Werbeidol George Clooney nach. Pro Minute werden nach Branchenangaben 12 300 Tassen konsumiert. Das verursacht – ebenfalls je Minute – 12,3 Kilogramm Alu-Abfall. Ein Fakt, der Umweltaktivisten auf einen treffenden Slogan gebracht hat: »Müll hat einen Namen: Nespresso!«

 

Richtig teuer ist diese Form des Kaffeegenusses aber nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Konsumenten. Marktführer Nestlé gelang mit seiner Nespresso-Maschine die Kopie eines unglaublich lukrativen Geschäftsmodells der PC-Drucker-Branche. Diese verkauft den Kunden Tintenstrahl-Drucker zu vermeintlichen Billigpreisen. Manche Geräte sind schon ab 50 Euro zu haben. Doch für den dauerhaften Betrieb zahlt man dann horrende Summen.

 

Druckertinte gehört zu den teuersten Flüssigkeiten der Welt: Für einen Liter Farbe blättern wir soviel hin wie für einen Flachbildfernseher. Ähnlich funktioniert die Geschäftsidee beim Kapsel-Kaffee. Hochgerechnet kostet  das Kilo beim Marktführer 60 Euro, bei Discountern noch zwischen 12 und 20 Euro. Zum Vergleich: Ein Kilo konventioneller Espressokaffee ist schon ab acht bis 14 Euro zu haben. Der Umweltsenator der Stadt Hamburg hat erst jüngst auch aufgrund solcher Rechnungen den Gebrauch von Kaffeekapseln in städtischen Büros untersagt.

 

Gut für die Ökobilanz ist es natürlich, wenn der Kaffee aus nachhaltiger Bioproduktion stammt. Und besser noch, wenn er auch fair gehandelt wird. Im Gegensatz zur Teeproduktion im Plantagenanbau gibt es beim Kaffee noch viele Kleinerzeuger und selbstständige Bauern. Ihr Anteil an der Gesamtproduktion liegt je nach Schätzung zwischen 70 und 80 Prozent. Einige von ihnen haben sich in Erzeugergemeinschaften organisiert und werden von der Slow Food Stiftung für Biodiversität in dem internationalen Projekt »Arche des Geschmacks« betreut (www.fondazioneslowfood.com/en/). Und viele fair gehandelte Kaffees in Bioqualität finden sich natürlich auch im Einzelhandel.

 

Die Schweizer Materialprüfungsanstalt Empa gibt in einer Studie aus dem Jahr 2014 an, dass die Kaffeekultivierung im schlechtesten Fall rund 70 Prozent der Umweltbelastung einer Tasse Kaffee ausmacht, im besten Fall gerade noch ein Prozent. Werden nachhaltige Kaffees dann in der Espressomaschine als löslicher oder als traditioneller Filterkaffee zubereitet, fällt die Ökobilanz am günstigsten aus. An eine Tasse nachhaltig produzierten, offenen Tees reicht aber auch dies nicht heran. Letzterer ist schon aufgrund des niedrigeren Wasserverbrauchs einfach umweltverträglicher.

 

Übrigens: Bevor der Kaffee- und Teekonsum sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts in Europa zu verbreiten begann, kannte man hier eigentlich nur berauschende Genussmittel wie Bier, Wein oder Schnaps. Deren Ökobilanz fällt ungemein günstiger aus. Doch ob man damit den Tag beginnen sollte, ist eine andere Frage.

 

Bleiben Sie weiterhin engagiert, kritisch und genussfreudig,

Ihre Ursula Hudson

 

Diese Kolumne stammt aus dem Slow-Food Magazin und wurde am 10.8.2016 im Lifeguide veröffentlicht.

Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Slow Food Magazin 2-2016
Slow Food Magazin 2-2016
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Teurer Billigwahn

Artensterben durch teuren Billigwahn
Deutschland gilt als wohlhabend und leidet dennoch unter einer besonderen Form der Armut: Die biologische Vielfalt nimmt ab, rund ein Drittel aller vorkommenden Arten stehen auf der Roten Liste. Gastkolumne von Ursula Hudson, Slow Food Deutschland.
Abgeerntetes Maisfeld

Dies ist die Erkenntnis des Bundesamtes für Naturschutz in seinem »Artenschutz-Report 2015«. Für das Artensterben werden in der Regel viele Ursachen aufgeführt, darunter abstrakt anmutende wie Klimawandel, Bodenversiegelung oder Industrialisierung. Der Artenschutz-Report benennt konkrete Verursacher. Auf der Tabelle der Artenkiller ganz oben stehen – ausgerechnet – die deutsche Land- und Forstwirtschaft.

 

Wie kann dies sein? Ein wesentlicher Grund dafür ist der gewaltige Bodenhunger der Land- und Forstwirtschaft. Rund die Hälfte der gesamten Fläche Deutschlands wird für den Ackerbau, die Vieh- und Weidewirtschaft sowie den Obstanbau genutzt. Ein weiteres Drittel der Gesamtfläche ist beforstet, nicht einmal zwei Prozent der Wälder bleiben ungenutzt. Deutsche Landschaften sind also Kulturlandschaften. Als solche waren sie bis vor einigen Jahrzehnten auch weitgehend intakte, artenreiche Ökosysteme – von Menschenhand geschaffen an Stelle der ursprünglichen Urwälder und Grassteppen. Ein Beispiel für ein solches Biotop im Dienste der Landwirtschaft ist die Wiese. Der Bauer hält die Fläche durch regelmäßige Mahd offen, wodurch sich hochspezialisierte Blumen-, Gräser-, Kräuter- und Insektenarten ansiedeln können. Von ihnen wiederum leben nicht minder spezialisierte Vögel, Nager und Räuber – wenn sie heute noch das Glück haben, eine solche Menschenwiese zu finden. Leider ist die extensive Wiesenbewirtschaftung für die meisten Bauern mittlerweile zu teuer und daher genauso vom Aussterben bedroht wie sehr viele der mit ihr verbundenen Arten.

 

Aus einem blühenden, vielfältigen Lebensraum wird eine grüne Wüste

Die Wiese stirbt, für die kostbare Bodenressource gibt es rentablere Verwendungen. Wiesenland wird zu Ackerland oder zum Dumpingplatz für die Gülleflut aus der Massentierhaltung. Der Effekt ist in beiden Fällen gleich: Aus einem blühenden, vielfältigen Lebensraum wird eine grüne Wüste der Mais- oder Grasmonokultur. Weil Acker- wie Grasbewirtschaftung gleichermaßen dem Düngewahn unterliegen, tragen die Folgen aber noch weiter. Stickstoff gelangt durch Kunstdünger und Gülle in die Umwelt. Die Arten sterben nicht nur auf dem ehemaligen Wiesengrund, sondern werden durch stickstoffliebende Gewächse wie Brombeeren und Brennnesseln auch im Wald verdrängt. Laut dem Sachverständigenrat für Umweltfragen ist fast ein Drittel der Grundwasserkörper in Deutschland mit zu viel Nitrat belastet. Reaktive Nitratverbindungen fördern zudem die Ozon- und Feinstaubbildung in den Städten.

 

Am Beispiel der Wiese wird deutlich, dass unsere heutige, hochintensive Form der Landwirtschaft Schäden zeitigt, die weit über das Agrarsystem hinausgehen. In der Wirtschaftstheorie spricht man von sogenannten »Externen Effekten«: Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen, für die niemand bezahlt oder einen Ausgleich erhält. Sie werden daher nicht in das Entscheidungskalkül des Verursachers einbezogen – die wahren Kosten der landwirtschaftlichen Erzeugung sind im Ladenpreis nicht enthalten!

 

Nirgends wird dieses Missverhältnis so deutlich wie beim Fleisch. Laut dem »Fleischatlas« der Heinrich-Böll-Stiftung vertilgen die Deutschen pro Kopf heute doppelt so viele Schnitzel, Steaks und Hühnchen wie vor 100 Jahren. Jeder Deutsche verdrückt im Schnitt 90 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Gleichzeitig sind die Preise deutlich gesunken. Gaben die Deutschen 1973 noch etwa vier Prozent ihrer gesamten Konsumausgaben für Fleisch aus, liegt dieser Wert heute nur noch bei zwei Prozent.

 

Die Kosten werden auf andere abgeschoben oder in die Zukunft verlagert.

Die Kosten dieses Billigwahns werden auf andere abgeschoben oder in die Zukunft verlagert. Was kann dagegen unternommen werden? Der Sachverständigenrat für Umweltfragen fordert in seinem Stickstoff-Gutachten, den Nitrateintrag in Deutschland zu halbieren – nur so könnten internationale Standards und Verpflichtungen eingehalten werden. Zur Zielerreichung soll gleich ein ganzes Bündel von 40 Einzelmaßnahmen beitragen, darunter konkrete Mengenvorgaben für Bauern in der Düngeverordnung, aber auch die Abschaffung der Mehrwertsteuerbegünstigung bei Lebensmitteln. Letzteres stellt einen Versuch dar, zumindest einen Teil der externen Kosten der landwirtschaftlichen Produktion zu internalisieren, damit sie für Erzeuger wie Abnehmer transparent werden. Die Forderung nach Abschaffung der steuerlichen Lebensmittelsubvention – für die es viele gute Argumente gibt – ist zugleich aber auch ein besonders heißes Eisen: Unser täglich Brot wird niedriger besteuert, damit es sich auch der Ärmste leisten kann. Essen ist ein hochpolitischer Akt, wie wir sehen. Wollen wir die Agrarwende herbeiführen und das bisherige Lebensmittelsystem durch ein klügeres und zukunftsfähigeres ersetzen, das Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen gerecht behandelt, können wir uns einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion dieser Problematik aber nicht verschließen. Deutschland hat dies schon einmal getan, als es um die Energiewende ging. Die Ergebnisse können sich im Großen und Ganzen sehen lassen, wie ich meine. Warum sollte uns dies beim Thema Landwirtschaft nicht auch gelingen?

 

Bleiben Sie weiterhin engagiert, kritisch und genussfreudig,Ihre Ursula Hudson

 

Diese Kolumne stammt aus dem Slow-Food Magazin und wurde am 8.7.2016 im Lifeguide veröffentlicht.

 

Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Slow Food Magazin 3-2016
Slow Food Magazin 3-2016
Fleischatlas Titel
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