Auf Palmöl verzichten

Gastkolumne von Ursula Hudson, Slow Food Deutschland

Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist ein Wunderwerk der Natur. Man erkennt sie an den hübschen roten Früchten, die in charakteristisch dichten Trauben von den Palmköpfen herabhän­gen. Diese Fruchtstände schauen nicht nur schön aus, sie haben es auch in sich: Das Fleisch besteht bis zu 50 Prozent aus Öl, der dicke Samenkern enthält noch einmal bis zu 52 Prozent. Keine andere Kultur­pflanze kommt auf einen vergleichbar hohen Fett­ bzw. Energiegehalt. Ein Hektar Palmölplantage erbringt einen Ertrag von drei bis sechs Tonnen Palmöl pro Jahr, je nach Boden, Wetter und Pflege. Unser europäischer Raps liefert beispielsweise ledig­lich einen Ertrag von 1,5 bis 2,5 Tonnen Öl.

Natives, handwerklich gepresstes Palmöl ist sehr schmackhaft. Es gibt vielen Speisen der afrikanischen und asiatischen Küchen ihre leicht fruchtig­exotische Note. Verantwortlich für diese spezifische Ge­schmacksrichtung ist wohl vor allem der hohe Karotingehalt des Palmöls. Alle diese Eigenschaften zusammengenommen machen das Fett der Palm­früchte zum wichtigsten Speiseöl der Welt. Es kommt auf einen Marktanteil von rund 30 Prozent.

Leider ist die hübsche »Elaeis Guineensis« nicht nur Lieferan­tin eines schmackhaften Speiseöls, sondern auch ein Klimakiller. Ursprünglich in Afrika beheimatet, liegen die Hauptanbaugebiete heute in Malaysia und Indonesien. Diese zwei Staaten liefern sich einen gnadenlosen Wettbewerb um den höchsten Ölausstoß. Gemeinsam stehen sie für fast 90 Prozent der Weltproduktion. Für den monokulturellen Anbau von Elaeis werden immer grö­ßere Teile des heimischen Regenwaldes abgefackelt. Die (Folge­-)Brände setzen gewaltige Mengen an Treibhausgasen frei. Der hohe Ertrag und der rücksichtslose Raubbau an der Natur machen Palmöl konkurrenzlos billig. Kein Wunder, dass es nicht nur in der Küche als Speisefett zum Einsatz kommt. Die Kosme­tikindustrie setzt es in Salben und Cremes ein, die Reinigungsmittelhersteller verwenden es für Seifen und Waschmittel (Tenside) und bei Lebensmitteln steht es von der Margarine über Schoko­lade bis zum Analogkäse in der Inhaltsdeklaration. Laut einer Stu­die des WWF enthält mittlerweile jedes zweite Supermarkt­produkt Palmöl.

Äcker sind die neuen Bohrlöcher

Der größte Anteil wird jedoch schlicht – vertankt. Rund 41 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs von 1,8 Millio­nen Tonnen werden dem sogenannten Biodiesel beigemischt. Skandalös. Essen gehört auf den Teller, nicht in den Tank. In ihrem lesenswerten Buch »Aus kontrolliertem Raubbau« macht die Münchner Journalistin Kathrin Hartmann die hochsubventionierte Beimengung von Palmöl bei »nachhaltigen« Kraftstoffen in Europa als Hauptursache für den Kahlschlag des Regenwalds in Südostasien aus. Die rasante Ausweitung der Palmöl-­Monokulturen begann Anfang der 2000er­-Jahre mit der ersten Energiewende und der Verkündung der europäischen Klimaziele. Die Verantwortlichen erfanden die Formel »Äcker sind die neuen Bohrlöcher« (Jür­gen Trittin). Besser hätte man es nicht ausdrücken können. Für die Idee, dass Strom, Gas und Öl auf dem Acker wachsen, sprudelten bis heute reichlich Steuergelder – mit grundstürzender Wirkung. In Deutschland wurde die Landschaft vermaist und das agrarbedingte Artensterben beschleunigt, in Südostasien wurde Regenwald im Umfang der halben Fläche Deutschlands abgefackelt und durch Palmölplantagen ersetzt. Weil deren Erzeugnisse auch in den europäischen »Bio«-­Sprit wandern, schmücken sich viele dieser Anbaupro­jekte sogar mit einem Nachhaltigkeits­-Siegel. Absurd.

Bewusst einkaufen

Auch wer bei Süßem und Fettigen genau hinschaut, leistet einen Beitrag. Die meis­ten Schokoladenhersteller behaupten bei­spielsweise, sie könnten nicht auf Palmöl verzichten. Das ist Augenwischerei. In der Herstellung ersetzt das billige Palmöl schlicht die viel teurere, aber hochwertige Kakaobutter. Chocola­tiers mit entsprechendem handwerklichem Können verzichten auf diesen Trick. Dies gilt auch für viele Erzeuger hochwertiger Chips. Niemand muss auf die Knabberei vor dem Fernseher ver­zichten: Im Gegensatz zur Industrie verwenden die meisten Bio-­Erzeuger kein Palmöl beim Frittiervorgang. Dies ist gesünder (weniger gesättigte Fettsäuren!) und schmeckt, wie ich meine, auch viel besser.

Besonders wichtig ist der bewusste Einkauf beim Fleisch. Rund acht Prozent des nach Deutschland importierten Palmöls fließen in Futtermittel für Rinder, Geflügel und Schweine. Wir können einen erheblichen Beitrag leisten, indem wir viel weniger, dafür aber hochwertigeres Fleisch genießen. Und dies möglichst vom ganzen Tier. Wer also, vom Kopf bis zum Schwanz, das Weiderind vom Bio­-Erzeuger bezieht, verbessert seine Klimabilanz durch weniger Massentierhaltung und Kraftfutterverbrauch.

Verzichten wir also auf Palmöl: bei der Beimischung, als Zusatzstoff oder als Prozesshelfer. Lassen wir es lieber in der Küche Afrikas, denn dort gehört es hin. Slow Food unterstützt dort übrigens seit 2011 auch ein Presidio. In Guinea Bissau, das der Ölpalme ihren Namen gab, werden die Früchte wilder Dura-­Palmen bis heute per Hand geerntet und für den lokalen Eigenbedarf genutzt. Kein Quadratmeter Regenwald muss dafür weichen!

Bleiben Sie weiterhin engagiert, kritisch und genussfreudig,
Ihre Ursula Hudson

 

Die Kolumne von Ursula Hudson erscheint regelmäßig im Slow Food Magazin.

Früchte der Ölpalme, Borneo
Rodung für Palmölplantage in Peru
Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland
Für Palmöl-Plantagen werden in Peru großflächig Regenwälder gerodet

Über die Autorin

Dr. Ursula Hudson

Dr. Ursula Hudson ist seit 2012 Vorsitzende von Slow Food Deutschland e. V. und Mitglied im Vorstand von Slow Food International. Sie promovierte im Fachgebiet Interkulturelle Germanistik der Universität Bayreuth, lehrte anschließend an den Universitäten von Cambridge und Oxford (UK) und übt derzeit freie Forschungs- und Autorentätigkeiten in den Bereichen kulinarische Bildung und Kultur des Essens aus. Der Lifeguide veröffentlicht ihre Kolumne mit freundlicher Genehmigung des Slow Food Magazins.

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