Deep Life

Die Öffnung der Stadt und der Menschen

Seit fast 38 Jahren sehne ich mich danach, dem öffentlichen Leben spürbare Momente des Wohllebens und der Würde mitzugeben und selbst diese durch es zu erfahren. Oft habe ich Ideen, wie solche Zusammenkünfte ablaufen können, teilweise gespeist aus meiner Kindheit inmitten eines urgesellschaftlichen Lebens in einem abgeschiedenen anatolischen Dorf.

An den eigentlichen Antrieb meines Bemühens zurückerinnert, sind die städtischen Begegnungsmöglichkeiten und Aktionsprojekte nur ein Ringen darum, der empfindungsfähigen Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, zu sehen, dass durch eine vertrauenserweckende Nähe in einer anonymisierten Gesellschaft neue Wege des Miteinanders und der potenzierten Kraft der Veränderung erwirkt werden können.

 

Die größte Katastrophe ist die Starre und Handlungsunfähigkeit

Schließlich geht es darum, unseren Planeten zu retten und darin als gesamte Menschheit in Wohlleben eine neue lichte Zivilisation aufzubauen. Wer diese Sehnsucht nicht teilt, sondern nur kleine Schritte mitgehen will, sollte wissen, dass diese „kleinen Schritte“ auch die Folge von den Impulsen sind, deren Gesamtausrichtung gegen die vorherrschenden Miseren gerichtet sind, die die Menschheit und den Planeten in die Katastrophe geschleppt haben.

Die größte Katastrophe, die alle anderen verursacht, ist in meinen Augen unsere Starre und Handlungsunfähigkeit. Wir sind uns immer noch nicht einig, ob die Katastrophe echt ist oder nur eingebildet, obwohl wir tagtäglich ihre Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn die Auswirkungen in diesen Breitengraden auch noch nicht direkt als Bedrohung wahrgenommen werden.

Um die Katastrophe überwinden zu können, müssen wir alle Kräfte bündeln, die sich ein Leben in Frieden und lebensfreundlichen ökologischen und kulturellen Bedingungen wünschen. Dazu ist es erforderlich, dass wir unsere Offenheit gegenüber allen Menschen beleben, denn eine so gewaltige Aufgabe, wie die Rettung des Planeten und die Befriedung der Menschheit, erfordert eine große Beteiligung.

Die Ära der vorgeplanten und inszenierten „Veranstaltungen“ wird allmählich überwunden. Die Menschen benötigen keine äußeren Instanzen, die eine Einigkeit beschwören, sondern die Aktiven spüren zunehmend, dass die Freude am Prozess und ihre Offenheit die bessere Motivator*in für Zusammenkünfte und gemeinsame Aktivitäten ist, als die Programmatik einer Ideologie. Es geht nun darum, diese Impulse zuzulassen und ihnen im öffentlichen Raum gebührenden Platz zur Verfügung zu stellen. Eine unbefangene Regelmäßigkeit für spontane Aktions- und Ausdrucksformen ist erforderlich.

 

Kreativitäts- und Solidaritäts-Salons

Das erfordert, dass die Bewohner einer Stadt deutlich wahrnehmen können, dass die öffentlichen Räume ihnen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Schließlich sind die Nutzungsverhältnisse in einer Stadt die Projektion der öffentlichen Souveränität. Eine ungehinderte Identifikation des Individuums mit dem öffentlichen Subjekt erfordert, dass die Nutzungsverhältnisse nicht einem Erbeutungsschema, sondern einer Vertrauensüberlassung folgen. Die Menschen werden umso mehr belebende Impulse wahrnehmen, umso mehr sie sich als vertrauenswürdige Teilhaber*innen erkannt sehen. Und das ist die Voraussetzung, dass sie ihre besten Ideen mit Nachdruck verwirklichen können.

Wir müssen unser gesellschaftliches Miteinander beleben, damit wir gemeinsam den Planeten retten und Frieden verwirklichen können.

Die Öffnung der Stadt bringt auch die Belebung der Öffentlichkeit mit sich. Das heißt, niemand darf abwarten, dass die Umwelt gerettet wird, damit alles so weiter laufen kann wie bisher. Sondern wir müssen unser gesellschaftliches Miteinander beleben, damit wir gemeinsam den Planeten retten und Frieden verwirklichen können.

Um die Öffentlichkeit beleben zu können ist es wichtig, dass jeder einzelne Mensch zu einem Impulsgeber wird. Indem jeder die tieferen Schichten seines Lebens erfährt und erforscht. Dadurch werden die Menschen nicht oberflächlichen Trends unbedacht nacheifern, sondern selbst in der Lage sein, aus dem eigenen Standpunkt heraus das Besondere an dieser Sichtweise wahrzunehmen und zu artikulieren. Somit nehmen die Menschen die Tiefe ihrer Wurzeln sowie die Weite ihrer Ideen wahr. Die Ideen konkurrieren nicht miteinander, sondern weben sich zu einem geistig-kulturellen Geflecht des Austausches. Praktisch können diese Begegnungen nur dann im öffentlichen Raum unter würdigen Bedingungen stattfinden, wenn sie nicht sofort durch technische, sicherheitspolitische oder finanzielle Beschränkungen gedrosselt werden, bevor sie überhaupt ausgesprochen sind. Oft bewirken Ideen, die auf Anhieb utopisch klingen, große Veränderungen, wenn sie nicht mit der Unfinanzierbarkeitskeule niederknüppelt werden, sondern sie wirken können als geistig-kreativer Impuls. „Kreativität- und Solidarität-Salons“ wären ein erster Schritt, um einen würdigen Rahmen für Begegnung, Austausch und Konspiration im öffentlichen Raum zu schaffen, worin unermüdlich neue Ideen hervorkommen, die aus der Tiefe des Menschseins emporwachsen und sich auszweigen.

 

Dieser Text von Ibrahim Kaya stammt aus der Augsburger Agendazeitung Nr. 45  Jahrgang 2016 / 2017

Kontakt:

ikaya50 [at] gmail.com

#Öffentlichkeitsaktivist

Leerstand in der Annastraße in Augsburg - ein möglicher Kreativitäts- und Solidaritäts- Salon? (Foto: Büro für Nachhaltigkeit)

Über den Autor

Ibrahim Kaya (ibo)

1966 geboren in der Republik Türkei, im anatolischen Hochland in der Nähe des pontischen Gebirges. 1973 in Augsburg angekommen. Schule, Studium, autodidaktische Erkundungen, Selbstversuche etc. in Bereichen individueller-, dialogischer-, urbanistischer-, und weisheitlicher Sozialisation. Abschluss als Dipl. Ing (FH) Architektur. Ein begeisterter Tagungs-, Konferenzen- und Symposienbesucher (meist spontan und unangemeldet). Ausdrucksweise unter anderem: Poesie, Prosa, Essay, Malerei, Tanz, Theatertext, szenische Konzeption, Living Space, Spontanlyrik, Pianofreestyle … Gegenwärtig aktiv in Weitwinkel e.V., Grandhotel Cosmopolis, ATN Bildungseinrichtung. / Kontakt: ikaya50@gmail.com / Website: www.globaler-generalstreik.blogspot.com / Facebook: Ibrahim Kaya, #öffentlichkeitsaktivist, utopicforum, Republik der Freiheit, global peace family

Kategorie(n): 

Neuen Kommentar schreiben