Ein Lob der Veggiewurst

Die Konsumkolumne

Currywurst mit Pommes. Für viele Jahre musste ich auf diesen Genuss verzichten. Weil ich kein Fleisch esse. „Selbst schuld!“, wird sich der ein oder andere Leser an dieser Stelle denken, „was muss er auch kein Fleisch essen“. Dummheit der Gastronomen, möchte ich erwidern, dass sie erst seit kurzem – oder vielfach noch immer nicht – die vegane Currywurst anbieten. Danke an dieser Stelle all denen, die es tun, und danke auch für den veganen Döner, das Seitangulasch oder die Sojabolognese. Ich oute mich hiermit als Freund des Fakefleisches, als Liebhaber der Imitate.

Rechtfertigungsdruck für Fleischvermeider

Das ist vielen suspekt: So schreibt beispielsweise Jan Spielhagen, Chefredakteur "BEEF!", in seiner „Spiegel“-Kolumne: „Warum um alles in der Welt müssen Fleischgerichte imitiert werden? Wer ohne Fleisch leben kann, kann doch auch ohne Imitate leben, oder nicht?“

Ich stelle mir diese Frage in andere Bereiche übersetzt vor: Dann könnte sie zum Beispiel lauten: „Wer keinen Alkohol trinken will, braucht ja wohl beim besten Willen auch kein alkoholfreies Bier.“ Und: „Warum um alles in der Welt muss jemand, der kein eigenes Auto besitzt, Carsharing nutzen?“ Oder ein wenig drastischer: „Wer keine Kinder will, kann ja bitteschön auch auf Sex verzichten. Was soll dieser Blödsinn mit den Verhütungsmitteln!“

Veganisierte Heimatküche

Aber zurück zum Essen: Da die meisten Veganer und Vegetarier hierzulande – zumindest in ihrer Kindheit und Jugend - sehr häufig Mahlzeiten erhielten, in deren Mittelpunkt Fleisch (sei es Geschnetzeltes, Braten, Schnitzel, Pflanzerl, Hackfleisch-Sauce oder Wurst und Schinken) stand, sind ihre Geschmackspräferenzen entsprechend in dieser Richtung geprägt worden. Dem asiatischen Vegetarier werden sicherlich weder Gulasch noch Grillwurst abgehen. Dem deutschen aber mitunter schon. Welch wunderbare Entwicklung also, dass es diese Grundlagen der heimischen Küche endlich auch ohne Zutaten vom Tier gibt.

Ob die Imitate schlechter, genauso gut oder gar besser schmecken, darüber kann, wer mag, gerne streiten. Aber woher kommen die polemischen Hiebe auf die Pflanzenfleischesser, die letztlich darauf hinauslaufen, Vegetarier und Veganer sollten mit Körnern und Gemüse vorlieb nehmen – sonst seien sie nicht konsequent. Ausgeteilt werden die Hiebe übrigens nicht nur von der auf Verteidigung gepolten Fleischfraktion, sondern auch von der durchaus anstrengenden radikalen Veganerszene, die Ersatz-Produkte ablehnt, weil sie an Tierfleisch erinnern – und auf diese Weise das ausbeuterische Mensch-Tier-Verhältnis in den Köpfen zementieren.

Trotz aller Häme: Die Substitute verbreiten sich. Ich freue mich zum Beispiel über die vegane Currywurst im Parkhäusl oder in der schwarzen Kiste am Moritzplatz. Insgesamt besteht in Augsburg und Umgebung aber noch einiges an Nachholbedarf.

Und auf die Frage von Jan „BEEF“ Spielhagen habe ich auch eine Antwort: Ja, wer ohne Fleisch leben kann, kann auch ohne Imitate leben. Aber er muss nicht. Und darüber freut sich

Ihr Torsten Mertz

Veggie Currywurst mit Pommes. Foto: Torsten Mertz

Über den Autor

Torsten Mertz

Torsten Mertz studierte Geographie in Köln und Trier, lebt seit 2000 in Augsburg und arbeitet seit vielen Jahren im Münchner oekom verlag, der auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert ist. Hin und wieder findet er Zeit, für den Lifeguide zu schreiben oder ein Buch zu veröffentlichen. Zuletzt erschien „Veggieparty. Vegane Leckereien für Buffet, Brunch und Biergarten“, aus dem der Lifeguide auch ein paar Rezepte vorstellt.

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