„Finger weg von Eiern aus dem Supermarkt!“

13 Fragen an das Augsburger Huhn

Das Augsburger Huhn ist die einzige einheimische Hühnerrasse Bayerns. Leider legen die Hennen nicht "genügend" Eier und die Hähne sind nicht die besten Futterverwerter. Daher ist die Rasse stark vom Aussterben bedroht. Wir haben die hübsche Gundel, eine der wenigen in unserer Region lebenden Augsburgerinnen, zum Interview getroffen.

Das Augsburger Huhn wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Zweinutzungshuhn gezüchtet. Das heißt, wie damals üblich, legten die Hennen Eier und die Hähne wurden als Fleischlieferanten aufgezogen. Die männlichen Küken zu töten, war freilich noch unüblich. Die Rasse gilt als robust und hat sich bestens an die klimatischen Bedingungen der schwäbisch-bayerischen Hochebene angepasst. Bis in die 1960er Jahre war das Augsburger Huhn beliebt und weit über sein Ursprungsgebiet hinaus verbreitet. Mit dem Aufkommen der Hochleistungsrassen veränderte sich seine Situation jedoch, bis die Rasse fast vollkommen verschwand. Weder bei der Legeleistung noch bei der Futterverwertung kann das Augsburger mit konventionellen Masthühnern konkurrieren. Deshalb gilt diese Hühnerrasse heute als sehr gefährdet; der Bestand wird auf wenige hundert Tiere geschätzt. Das Augsburger Huhn ist Passagier der „Arche des guten Geschmacks“ von Slow Food Deutschland.

 

Name: Gundel

Alter: 14 Monate

Beruf: Legehenne

Geboren in: Augsburg

Lebt in: Augsburg

 

Beschreibe bitte jemanden, der Dich noch nie gesehen hat, Dein Äußeres:

Blau-schwarz gefiedert, dunkle Augen, weiße Ohrenklappe und ein rotes, glattes Gesicht. Was meine Rasse auszeichnet, ist der Becherkamm unserer Männer, den wir gerne auch Kronenkamm nennen.

 

Dein Lieblingsspruch aus Augsburg:

„Fang mich doch, du Eierloch“. Das haben wir schon als Kinder so gerne gerufen.

 

Eure Rasse ist fast ausgestorben. Wer kümmert sich heute um Euch?

In Augsburg gibt es einige wenige Züchter, die sich um unseren Fortbestand kümmern. Zudem genießen wir als Passagiere der Slow-Food-Arche besondere Aufmerksamkeit: Auf dieser „Arche des Geschmacks“ werden traditionelle, regionale Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen aufgenommen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren und zu erhalten.

 

Wir sind bei Dir eingeladen. Was gibt es zu essen?

Wir essen immer traditionell und saisonal – Importiertes kommt nicht auf den Tisch! Also feines Getreide, junges Gras – und wenn Gäste kommen, gibt es natürlich auch Würmer, Käfer, Schnecken und Insekten.

 

Du bekommst Besuch von auswärts. Welche Orte in Augsburg zeigst Du Deinen Gästen?

Da ist zum einen der Hollerhof in Göggingen, hier leben einige Artgenossen von mir und man kann Augsburger Eier kaufen. Und die Cityfarm hat auch hin und wieder ein paar prächtige Chicks. Und dann gehe ich noch gerne Bootfahren auf der Kahnfahrt.

 

Wer war zuerst da, Henne oder Ei?

Dass Ihr Journalisten immer auf den alten Kamellen rumkauen müsst: Wir Hühner fragen ja auch nicht, woher der erste Mensch kam. Denn der müsste ja ohne Vater oder Mutter geboren worden sein...

 

Was sollte niemand von Dir wissen?

(gackert) Was ich nachts hinterm Hühnerhaus so mache.

 

Wer ist Dein Held?

Julius Meyer, er hat meine Vorfahren 1870 in Augsburg aus der französischen Rasse La Fleche mit schwarzläufigen italienischen Lamotta-Hühnern gekreuzt.

 

Hochleistungshühner legen bis zu 320 Eier im Jahr – das ist fast ein Ei pro Tag. Wie viele Eier schaffen Augsburger Hennen pro Jahr?

Augsburger Hennen schaffen bis zu 180 Stück. Das ist eine ganze Menge, finde ich. Kein Grund jedenfalls, sich von unserem Volk abzuwenden. Ihr Menschen arbeitet hier in Bayern im Schnitt ja auch nur 213 Tage im Jahr. Das bedeutet, dass wir fast jeden Arbeitstag ein Ei für Euch erzeugen.

 

Respekt! Und die Männer? Was haben die zu bieten?

Mir sind die Kerle etwas zu aufdringlich und zu laut. Aber das interessiert Euch ja sicher nicht. Also unsere Bauern sagen, dass das etwas dunklerer Fleisch unserer Freilandmänner vom Geschmack her an Wildgeflügel erinnert.

 

Welche Eigenschaft schätzt Du an einem Menschen?

Wenn er das Wohl der Tiere über die Profitmaximierung stellt.

 

Was möchtest Du unbedingt noch tun in Deinem Leben?

(zögert lange) Herrn Wiesenhof die Augen auspicken.

 

Das letzte Wort

Finger weg von Eiern aus dem Supermarkt!

Augsburger Hahn auf dem Hollerhof
Augsburger Huhn

Über den Autor

Torsten Mertz

Torsten Mertz studierte Geographie in Köln und Trier, lebt seit 2000 in Augsburg und arbeitet seit vielen Jahren im Münchner oekom verlag, der auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert ist. Hin und wieder findet er Zeit, für den Lifeguide zu schreiben oder ein Buch zu veröffentlichen. Zuletzt erschien „Veggieparty. Vegane Leckereien für Buffet, Brunch und Biergarten“, aus dem der Lifeguide auch ein paar Rezepte vorstellt.

Neuen Kommentar schreiben