"Es geht um viel mehr, als um ein eigenes Haus!"

Gemeinsam wohnen – zusammen leben

Die Augsburger Vereine Unser Haus und Pa*radieschen zeigen, dass auf dem knallharten Immobilienmarkt Träume vom gemeinsamen Wohnen und solidarischen Zusammenleben wahr werden können.

Dieser Lifeguide-Artikel erscheint am 15.Oktober 2018 auch in der Purpur, dem Magazin zu verantwortungsvollem Leben in Augsburg und Umgebung aus dem Hause liesLotte.

 

Steigende Mieten, knapper werdender Wohnraum und Wohnhäuser, die reine Spekulationsobjekte sind. Für die meisten Menschen ist das harte Realität und sie sind froh, eine halbwegs akzeptable Wohnung zu erschwinglichen Preisen zu bekommen. In Augsburg gibt es zwei Vereine, die zeigen, dass Wohnen und miteinander leben auch anders geht.

Wir möchten dem Immobilienmarkt ein Haus abringen, in dem Menschen unabhängig vom eigenen Vermögen selbstbestimmt leben können“, Corinna Pusch, Pa*radieschen e.V.

Während das Pa*radieschen mit Gründungsdatum 2018 noch ganz am Anfang steht, zeigt Unser Haus e.V. bereits, dass das Konzept funktioniert. Im Oktober 2018 ziehen die ersten acht Mieterinnen und Mieter in das vereinseigene Mehrfamilienhaus am Katzenstadel 22 ein. „Es geht aber um viel mehr, als um ein eigenes Haus“, stellt Simon* von Unser Haus klar. Zum einen versteht sich der 2015 gegründete Verein als Vorreiter in Augsburg, der anderen zeigen will, dass es auf unserem Immobilienmarkt möglich ist, auch ohne Eigenkapital ein Haus zu kaufen. „Wir wollen anderen Mut machen und vorleben, dass eine Stadtgesellschaft von unten möglich ist und wir etwas verändern können“, sagt Simon.

 

Einstimmige Entscheidungen, keine Hierarchien

Es geht um viel mehr, als um ein eigenes Haus“, Simon, Unser Haus e.V.

Ein weiteres, wichtiges Ziel beider Vereine ist eine neue Form des Zusammenlebens: „Bisher wohnen wir nur“, sagt Simon. „Aber wir wollen miteinander leben.“ Das bedeutet ein lebendiges Gemeinschaftsleben, das gleichzeitig den Rückzug in die eigenen WG-Zimmer oder Wohnungen ermöglicht. Bei regelmäßigen Treffen werden alle Entscheidungen für das gemeinsame Leben einstimmig, also im Konsens, getroffen. Es gibt keine Hierarchien. Die Hausgemeinschaft soll eine möglichst bunte Vielfalt repräsentieren. Corinna vom Pa*radieschen sieht in diesem Zusammenleben auch eine attraktive Alternative zum klassischen Familienkonzept. „Es heißt nicht umsonst, um Kinder zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Kinder profitieren von vielfältigen Anregungen, unterschiedlichen Bezugspersonen“, so ihre Meinung. Im Pa*radieschen gibt es derzeit sogar noch freie Plätze. „Jede* und jeder* ist willkommen, unser Konzept ist Solidarität und Toleranz. Nur Rassismus, Homophobie und Sexismus müssen draußen bleiben“, betont Corinna.

 

Lebendige Stadtviertel

Zu den Zielen beider Vereine gehört auch eine Belebung ihres Stadtviertels. „Wir wollen Angebote machen, die in die Umgebung hinauswirken“, erzählt Corinna. Angedacht sind Foodsharing-Stationen, Kiez-Veranstaltungen in den Gemeinschaftsräumen, Kleidertauschräume oder Urban-Gardening-Projekte.

Jede* und jeder* ist willkommen, unser Konzept ist Solidarität und Toleranz. Nur Rassismus, Homophobie und Sexismus müssen draußen bleiben“, Corinna Pusch, Pa*radieschen e.V..

Während das Pa*radieschen noch auf der Suche nach einem naturnahen Mehrfamilienhaus in Augsburg mit großem Garten ist, schleifen die Unser-Haus-Leute in ihrem Haus Böden ab und verputzen Wände. Diese Arbeiten sind vergleichsweise leicht, bedenkt man den weiten Weg, der hinter den fünf Frauen und sieben Männern von Unser Haus e.V. liegt. „Am Anfang war da nur ein vage Idee…“ erinnert sich Simon.

Ein Treffen mit dem bundesweit agierenden Miethäuser Syndikat ermutigte die Gruppe. Ziel der seit 1990 bestehenden Syndikats ist es, preiswerten Wohnraum zu schaffen und Immobilien langfristig dem Markt zu entziehen. Bei rund 130 Häusern in Deutschland ist dieses Konzept bereits aufgegangen. Vom Neubau bis zur Altbausanierung ist alles dabei.
Das Prinzip beruht auf einer soliden, kenntnisreichen Planung, Wissenstransfer, Direktkrediten und Solidaritätsbeiträgen. Im Fall der Augsburger*innen hieß das, dass ihnen ein fester Ansprechpartner aus einem erfolgreichen Projekt an die Seite gestellt wurde, der sie mit Knowhow und Erfahrungen unterstützte.


Reden wir über Geld…

Neben der Suche nach einem geeigneten Haus oder Grundstück geht es in der Anfangsphase vor allem darum, genügend Menschen für die Idee zu begeistern. Denn in der Finanzierung ersetzen sogenannte Direktkredite von Privatpersonen das Eigenkapital. Wer beispielsweise 500 oder 1.000 Euro hat, die auf dem Sparbuch liegen und nicht genutzt werden, kann sein Geld den Hausvereinen leihen – zu frei verhandelbaren Bedingungen. Dabei legen die Geldgeber*innen die Zeitspanne fest, in der sie ihr Geld entbehren können, also beispielsweise ein, zwei oder zehn Jahre. „Die ersten Direktkredite kamen bei uns aus dem Freundes- und Bekanntenkreis und es ging um Summen zwischen 500 und 20.000 Euro“, erzählt Simon. In der Regel wird ein symbolischer Zinssatz von 0 bis 0,01 Prozent vereinbart, man kann aber auch über 1,5 % verhandeln. Und da Transparenz auch in Sachen Finanzierung wichtig ist, betont Simon, dass Direktkredite „nachrangig“ sind. Sollte das Projekt also scheitern, werden zunächst alle anderen Kreditgeber ausgezahlt.

Wir halten die Mieten so niedrig wie möglich“, Simon von Unser Haus e.V.

Und da kommt wieder das Syndikat ins Spiel. Wer hier aufgenommen werden möchte, muss einen Architekten haben und eine äußerst solide Bauplanung und Finanzierung nachweisen. Das sorgt für Sicherheit bei den Direktkreditgeber*innen.
Das Augsburger Haus am Katzenstadl stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und wechselte für 200.000 Euro den Besitzer. Für Sanierungen planten die Unser-Haus-Mitglieder rund 830.000 Euro ein. Der größte Teil der Bauarbeiten und Sanierungsmaßnahmen wurde an Profis abgegeben. Mit 300.000 Euro an Direktkrediten konnte der Rest bei der KfW und bei der Umweltbank entliehen werden. Und zurückgezahlt werden die Kredite mit Hilfe der Mieteinnahmen aus stabilen, nicht steigenden Mieten. „Wir halten die Mieten so niedrig wie möglich“, berichtet Simon. Sie sind anfangs mit denen des Mietspiegels vergleichbar, liegen also im Durchschnitt. „Aber unsere Mieten steigen nicht und sind dadurch langfristig sehr günstig“, erklärt Simon.


Damit das Syndikat kontinuierlich neue Projekte unterstützen kann, erhält es einen Solidarbeitrag von den fertigen Projekten. Und um zu garantieren, dass das Haus nicht nach wenigen Jahren wieder an private Investoren verkauft werden kann, gibt es eine spezielle GmbH-Regelung zwischen Syndikat und Hausverein.


Nach der langen Phase von Verhandlungen und Bürokratie, von schweißtreibender Arbeit, Baulärm und Dreck freuen sich die Unser Haus Bewohner*innen jetzt auf das gute Leben miteinander und in ihrem neuen Kiez. Und Corinna ist optimistisch, dass auch sie und ihre Mitstreiter*innen ihr Pa*radieschen finden werden. Dass es geht, zeigt ja der Katzenstadel.


Informationen:
https://paradieschen.github.io/
www.unserhausev
www.syndikat.org

*Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt

Unser Haus e.V., Augsburg, Syndikat, Direktkredit, Wohnen, Stadteil, Foto: Cynthia Matuszewski
Unser Haus e.V., Augsburg, Syndikat, Direktkredit, Wohnen, Stadteil, Foto: Cynthia Matuszewski
Unser Haus e.V., Augsburg, Syndikat, Direktkredit, Wohnen, Stadteil,bezahlbares Wohnen, Foto: Cynthia Matuszewski
Unser Haus e.V., Augsburg, Syndikat, Direktkredit, Wohnen, Stadteil, Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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