„Ich könnte nichts Anderes machen“

Interview mit Anja Hradetzky vom Ökohof "Stolze Kuh"

Ohne eigenes Land und ohne eigenes Geld einen Biomilch—Betrieb aufbauen? Noch dazu in Zeiten niedrigster Milchpreise? Das geht, wie ein Beispiel aus Brandenburg zeigt! Anja und Janusz Hradetzky haben ihren Traum in Stolzenhagen an der Oder realisiert. Seit April 2015 betreiben sie auf dem Ökohof Stolze Kuh wesensgemäße Milchviehhaltung. Bis 31. Oktober 2016 sammeln sie per Crowdfunding für ihr zweites Projekt, eine eigene Käserei. https://www.startnext.com/stolzekuh

Anja Hradetzky wusste immer schon, dass sie „was mit Kühen machen wollte“. Als Kind durfte sie keine eigenen Tiere halten, obwohl sie in Sachsen auf dem Land aufwuchs. Also lieh sie sich für ihre Streifzüge durch die Natur die Hunde und Pferde der Nachbarn. Sie studierte ökologischen Landbau und lernte an der Hochschule Eberswalde Janusz kennen. Er ist in Heidelberg geboren und auf einem polnischen Bauernhof aufgewachsen. „Janusz hat schon mit 13 Heu gemacht und war im Bauernhofrhythmus drin“, erzählt Anja.

Nach mehreren Jahren Praxis auf Rinderfarmen in Kanada und Brandenburg war für die beiden klar, sie wollen einen eigenen Betrieb. Zwei Jahre lang reisten sie durch Europa und bewirtschaften die unterschiedlichsten Höfe. „Wir haben nach und nach alles ausprobiert: Wollen wir 60 oder 15 Kühe melken? Wollen wir Ziegen? Wollen wir Menschen mit Behinderungen einbinden und soziale Landwirtschaft machen? Und wollen wir eine Käserei?“, berichtet Anja. Danach stand fest: 20-30 Kühe wären optimal, hauptsächlich gefährdete Rinderrassen. In Stolzenhagen, anderthalb Autostunden entfernt von Berlin, finden die beiden einen Stall, den sie pachten können. Nur vier Kilometer entfernt beginnt der Nationalpark Unteres Odertal: hier können sie nach Naturschutzrichtlinien ihre Kühe weiden lassen. Auch dieses Land wird gepachtet. Fehlen „nur“ noch die Kühe, also rund 50.000 Euro. An eine Bank können sie sich nicht wenden, zu der Zeit leben Anja und Janusz noch von Hartz IV. Sie versuchen es über Genussscheine und finanzieren ihre Tiere mithilfe von „Kuh-Anteilen“. Jeder Kuh-Anteil in Höhe von 500 Euro finanziert eine Drittel Kuh. Dafür bekommen die Zeichner*innen 2,5 Prozent Zinsen im Jahr, ausgezahlt in Naturalien wie Milch oder Salami. Das ungewöhnliche Konzept funktioniert – innerhalb von einem Monat haben die beiden ihr Starkapital zusammen. 2014 meldet Janusz den Betrieb an und im Mai 2015 kommen 20 Kühe. Und weil Anja und Janusz sich nicht für eine Rasse entscheiden konnten, haben sie heute vier gefährdete Rinderrassen auf ihren Weiden: Das schwarzbunte Niederungsrind, Allgäuer Braunvieh- Kühe, Angler-Rotvieh und Tiroler Grauvieh.

Lifeguide: Was ist das Tolle an Kühen?

Anja Hradetzky: Ich bin ja sehr actionmäßig unterwegs und die Kühe holen mich immer wieder runter. Ich gucke sie immer wieder gerne an, wie sie wiederkäuen, wie sie Gras rupfen. Auch das Melken ist eine Meditation. Auf einem Bauernhof gibt es immer etwas zu tun, dazu noch ein kleines Kind, mein Sohn ist gerade drei geworden. Wenn ich allein zu den Kühen gehe, dann ist das ist mein Ruhepol, meine Zeit. Auf der Weide ist kein Gewimmel, es gibt keine Menschen.

Was ist eine stolze Kuh, was ist wesensgemäße Tierhaltung?

Anja Hradetzky: Man muss zwischen artgerechter und wesensgemäßer Tierhaltung unterscheiden. Die artgerechte Tierhaltung beachtet die physischen Bedürfnisse: Liegt die Kuh bequem, hat sie wunde Stellen oder scheuert ihre Gummimatte?

Wesensgemäße Tierhaltung beachtet zusätzlich die seelischen Bedürfnisse: Was braucht eine Kuh, um ihrem Wesen gerecht zu leben? Die Kuh ist zum Beispiel eine Mutter, also braucht sie Kälber, die an ihren Eutern trinken.

Wir wurden vor drei Jahren ja auch Eltern. Und da ist man stolze Mama oder stolzer Papa. Und wenn man den Kühen die Kälber nicht wegnimmt, kann auch eine Kuh eine stolze Mama werden. Und auch der Bulle kriegt das ja mit, dass jetzt die Kälber mit auf der Weide sind.

Wesensgemäß sind außerdem Kühe mit Hörnern. Eine Kuh hat von Natur aus Hörner und die braucht sie auch in der Natur, obwohl sie nicht mal dominant vererbt werden. Außerdem haben Hörner eine wichtige Funktion bei der Wärmeregulation und dem Wiederkäuen. Und solche Kühe wohnen bei uns in Stolzenhagen.

Eure Aufzucht ist ammengebunden– wie funktioniert das?

Anja Hradetzky: Eine Kuh darf ihr Kalb behalten, wenn sie ein zweites adoptiert. Dazu muss man ausprobieren, wie mütterlich eine Kuh ist. Das Allgäuer Braunvieh ist dafür richtig gut geeignet, aber auch das Schwarzbunte Niederungsrind aus dem Osten lässt andere Kälber gut trinken.

Die Angler Rotviehkühe würden aber kein anderes Kalb akzeptieren, die würden das richtig wegtreten. Ich habe meistens eine Idee, welche Kuh eine gute Amme ist und probiere dann aus, ob das klappt. Wir lassen die Kälber neben dem Melkstand in einem eigenen Gehege. Und während ich melke, lasse ich die Kuh, die Amme werden soll, zu den Kälbern und kann beobachten, wie es funktioniert. Das machen wir, während wir melken, da brauchen wir noch nicht einmal Extrazeit.

Das Argument gegen diese Art der Aufzucht ist, dass der Trennungsschmerz für die Kuh, die von ihrem Kalb getrennt wird, sehr schlimm ist. Aber wir machen eine ganz sanfte Entwöhnung.

Die Kuh kann so lange bei den Kälbern stehen und Kontakt haben, wie sie will. Das ist wirklich entscheidend, sonst schreit sie nach dem Kalb und will, dass das Kalb zu ihr kommt. Wir lassen ihr so lange Zeit, wie sie braucht. Als Anreiz für sie, zum Melkstand und zu gehen, gibt es dort ein bisschen Schrot. Außerdem zieht auch die Herde zum Melkstand, das ist ein weiteres Motiv, da mitzugehen. Meistens braucht die Kuh etwa sieben Tage, bis sie sachte entwöhnt ist und das Kalb nicht mehr besucht. Diese Methode kann jeder Betrieb umsetzen.

Das ist meine größte Leidenschaft, die Tiere zu beobachten und zu gucken, wie reagieren die, wie funktioniert das gut für sie – das finde ich voll erfüllend.

Um das weiterzugeben, will ich mich auch im Bereich Bauernhofpädagogik und Beratung selbstständig machen.

Wie kommunizierst Du mit den Kühen?

Anja Hradetzky: Ich habe in Kanada eine Methode gelernt, wie man Rinder mit der Körpersprache treibt. Das heißt, ich rede kaum mit den Kühen, wir kommunizieren über Bewegungen und über die Körperpositionen. Das ist auch eine sehr gute Bewusstseinsübung.

Ich kenne alle meine Kühe mit Namen, ich erkenne sogar unsere Kälber von hinten, wenn sie säugen. Das ist schon ganz schön anspruchsvoll, Richie und Peter auseinanderzuhalten, oder Hans und Hanna von Tiffany zu unterscheiden (lacht). Wir stehen ja noch am Anfang, wenn wir mal drei Generationen durchhaben, wird das vielleicht schwieriger.

Gibt es besondere Momente bei deiner Arbeit?

Anja Hradetzky: Wenn die Kälber am Euter trinken, das ist immer wieder schön zu beobachten. Mit der Mama oder der Amme über die Weide ziehen, von denen alles lernen und auch mit ihnen zu spielen.

Also das soziale Leben mit Kühen ist schon das Schönste.

Wieviel Liter geben Eure Kühe derzeit?

Anja Hradetzky: Jetzt melken wir ja gerade 19 Kühe und das sind 100 Liter pro Melkzeit, echt wenig, es geht jetzt in den Herbst rein und wir füttern nicht so viel zu. Es sind fünf bis zwölf Liter pro Tag. Das sind halt keine Hochleistungskühe. Und es ist ein Unterschied, ob Du auf einem Acker extra Grünzeug für die Kühe anbaust und an sie verfütterst, oder ob sie im Naturschutzgebiet selber nach Futter suchen müssen, selber pusseln müssen, zwischen dem Schilf und den Binsen. Unsere Rassen können das aber auch aushalten, sie gehen dann halt mit der Milch runter, wenn sie weniger zu Fressen finden.

Was ist für Dich nachhaltig leben?

Anja Hradetzky:

Schon im Kreislauf leben, also richtig ganzheitlich. Das bedeutet für mich auch, vorsorgen, zum Beispiel Obst einwecken und nicht 3.000 Kilometer weit gereiste Lebensmittel einkaufen. Sondern möglichst Dinge essen, die vor Ort vorhanden sind.

Meine Uroma hatte zum Beispiel einen Selbstversorger-Garten. Und auch bei uns ist das sehr einfach, wir haben selbst Milchprodukte, jemand in unserem Dorf bäckt Brot aus unserem Getreide und unsere Nachbarn haben Gemüse. Mit ihnen tauschen wir Milch gegen Gemüse.

Da braucht man eigentlich nicht viel mehr. Schokoladenaufstrich kaufe ich dann halt bio hinzu. Und Zucker und Salz. Ernährungssouveränität ist für mich ein Kernbegriff. Das heißt für mich eigene Milch, eigene Eier, eigenes Getreide – ich kann mir immer meine Pfannkuchen machen, wann ich will, das ist mein Leibgericht - mit eigener Marmelade. Das finde ich voll gut.

Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch, alte Maschinen wieder reparieren, reduce, reuse, recyclen. Und ich brauche echt nicht viele Konsumgüter, ich habe nur Second-Hand-Klamotten. Die kommen auch immer wieder – wenn ich denke, oh, jetzt sind die Schuhe für meinen Sohn ja etwas klein, dann stehen neue vor der Tür, weil irgendjemand die aussortiert hat. Das ist voll schön, wie gut das klappt. Wir konnten uns immer hundert Prozent mit Biolebensmitteln ernähren, auch als wir noch von Hartz IV lebten. Alle sagen immer: Das geht nicht. Aber wir brauchen halt keinen Flachbildschirm.

Esst Ihr das Fleisch Eurer Kühe?

Anja Hradetzky: Ja, das gehört auch dazu. Bei uns gibt es einmal die Woche Fleisch, einen echten Sonntagsbraten. Es gibt männliche Kälber, die wir nicht abschieben, die kommen in die Mast. Ich verzichte dann auf 45 Euro am Tag, damit die Kälber noch bei ihrer Amme bleiben können, damit sie gut über den Winter kommen.

Demnächst müssen wir meine Lieblingskuh schlachten, weil sie sehr sehr wenig Milch gibt. Ida, sie ist so schön und so brav. Wir lieben alle unsere Kühe, aber wir denken auch nicht total blauäugig. Wir haben das Glück, im Nachbardorf einen Schlachthof zu haben, wo wir die Kuh hinbringen, begleiten können, bis zum Tod. Der Schlachter ist auch handwerklich in der Lage, alle möglichen Produkte daraus herzustellen. Das wird auch wertgeschätzt. Die Leute kommen wirklich in den Laden und fragen: „Gibt es noch ein Stück Betty?“ Das ist einfach Leben, dass das nicht ausgeblendet wird. Bei uns gibt es eben nur Fleisch mit Namen und Gesicht.

Könnt Ihr heute von den Erträgen Eurer Milchwirtschaft leben?

Anja Hradetzky: Das ist eine gute Frage. Bei uns funktioniert es zukünftig wirklich nur über die eigenen Verarbeitung, über die eigenen Wertschöpfung. Unsere Ausgaben sind im Moment auf jeden Fall fast genauso hoch wie die Einnahmen. Der Betrieb läuft auf Janusz, ich plane meine Selbstständigkeit, um über Bauernhofpädagogik und Beratung ein zusätzliches Einkommen zu generieren.

Aber wenn man bedenkt: Wir haben ja aus Hartz IV heraus 2014 unseren Betrieb gegründet, das ist ziemlich komplex, wenn man auf dieser Grundlage einen Betrieb aufzieht. Aber es ging. Ich würde so gern alle ermutigen, die in einer ähnlichen Situation sind und sie beraten und ihnen zeigen: Es geht!

Als weiteres Standbein wird Janusz dann käsen. Er hat auf einer Südtiroler Alm käsen gelernt. Mit dem Käse-Verkauf sollte sich dann meine Arbeit auch tragen.  https://www.startnext.com/stolzekuh

Was würdest Du in der Agrarpolitik ändern?

Anja Hradetzky:

Junglandwirte brauchen bessere Einstiegschancen. Subventionen sollten an Umweltmaßnahmen gebunden werden. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sollten entgolten werden. Und die großen landwirtschaftlichen Unternehmen sollten nicht mehr bevorteilt werden.

Wir waren und sind sehr aktiv gegen Landgrabbing in Ostdeutschland, wir  - als Bündnis Junge Landwirtschaft e.V. - waren mit Politikern im Gespräch und mit Akteuren, um Verordnungen zu ändern oder Klauseln zu ergänzen, die Landgrabbing einschränken oder verhindern.

Aber wir haben gemerkt: da bewegt sich so wenig, das ist so mühsam und es geht so viel Energie verloren. Dann haben wir gedacht: Wir fangen jetzt einfach an und zeigen, dass es auch anders geht. Es gibt mittlerweile 25 Betriebe in Nordostbrandenburg, die sich einfach auf die Socken gemacht und klein angefangen haben. Und unsere Erfolge machen viel mehr her als alle Gespräche.

Ihr seid beide mit sehr viel Leidenschaft dabei?

Anja Hradetzky: Ja, aber es ist auch sehr erfüllend. Ich könnte nichts Anderes machen, ich könnte nicht althergebrachte Landwirtschaft machen, dann wollte ich auch keine Bäuerin sein.

Anja Hradetzky vom Ökohof Stolze Kuh. Foto: Stolze Kuh
Anja und Janusz Hradetzky vom Ökohof Stolze Kuh. Foto: Stolze Kuh
Anja und Janusz Hradetzky vom Ökohof Stolze Kuh. Foto: Stolze Kuh

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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