Mach Dir die Finger dreckig und zolle den Menschen Respekt

19 Fragen an Sina Trinkwalder von manomama

Sina Trinkwalder mit ihrer Firma manomama dürfte den meisten Augsburgerinnen und Augsburgern ein Begriff sein. 2010 hat sie manomama aus dem Boden gestampft und beschäftigt heute 150 Frauen, die auf unserem Arbeitsmarkt als „unvermittelbar“ galten. Am Willy-Brand-Platz, hinter der Citygalerie, nähen diese Frauen für einen Einheitslohn von 10 Euro die Stunde eine eigene manomama-Kollektion, Stofftaschen für EDEKA und real, für die Drogeriekette dm und für Vitalia. Außerdem verarbeiten sie Strickwaren aus Augsburger Merino-Wolle.

Bis unters Dach türmen sich in der Halle die Stoffballen – ihr Weg ist bis zur Baumwolle in Tansania transparent und nachvollziehbar. Jedes Jahr fährt Sina Trinkwalder zu den Bauern in der Nähe des Viktoriasees und arbeitet, erntet, isst und schläft zwei Wochen mit ihnen. Bei dem Projekt wird nur jedes dritte Feld mit Baumwolle bepflanzt, auf den anderen wachsen in Fruchtfolge Mais und Hirse für den Eigenbedarf der Menschen vor Ort. Die Felder werden nicht künstlich bewässert, es handelt sich um ein Raingrow-Projekt, das auch schon einmal eine schlechte Ernte verkraften muss. Der Rest der Produktion findet in Deutschland statt: Gesponnen, gewebt, gefärbt und gestrickt wird in Nordrhein-Westfalen, entworfen und genäht in Augsburg.

Die Unternehmerin, die noch vor wenigen Jahren nicht nähen konnte, ist davon überzeugt, dass es wichtig ist, sich Wissen anzueignen, alle Zusammenhänge zu verstehen und möglichst alles einmal selbst gemacht zu haben.

„Nur wenn du dir nicht zu schade bist, dir die Finger dreckig zu machen, wenn du den Menschen Respekt entgegenbringst und das Gefühl vermittelst, das es dich interessiert, dann erzählen sie dir von ihrer Arbeit und du erfährst auch die ganze Wahrheit.“

Alter: 38

Beruf: Weltverbesserin

Geboren in: Oettingen, Bayern

Lebt in: Augsburg

Lieblingsort: Dort, wo ich mich zu Hause fühle

 

Wie geht es Dir heute mit manomama?

Sina Trinkwalder: Mir geht es mit manomama wunderprächtig. Es macht viel Freude und erfüllt mich und hoffentlich auch meine Ladies und Gents.

Was hast Du an?

Sina Trinkwalder: Ich habe ein neues Mustermodell von manomama aus Augsburger Schurwolle an, einen grauen Strick-Überpulli, darunter ein uraltes Viskose-Muster-Shirt. Ich trage gerne meine eigenen Musterteile (lacht), dazu eine Jeggings von anno dazumal, die nicht von manomama ist, es aber auch wert ist, solange getragen zu werden, bis ein guter Putzlumpen daraus wird. Außerdem Mustersocken von manomama und alte Pumaschuhe.

Was sind Deine Lieblingsklamotten?

Sina Trinkwalder: Musterteile (lacht). Ich trage immer die Musterteile, die noch nicht ganz perfekt sind … hier kann noch was weg (zupft an ihrem Oberteil). Aber warum sollte man das wegschmeißen, nur weil man da noch ein Fältle rausnehmen könnte? Das Material musste wachsen, das hat einer gestrickt – ich trage das noch. Die Kunden kriegen dann die perfekte Version.

Was regt dich richtig auf?

Sina Trinkwalder: Greenwashing und Socialwashing.

Dass die Konsumenten sich verarschen lassen, regt mich auf. Dass Wirtschaft mit dem schlechten Gewissen der Konsumenten richtig gut Umsatz macht und hintendran sich nichts ändert, dass keine Verantwortung übernommen wird.

Die echte Veränderung, so wie Du sie hier siehst, bei manomama, die Veränderung will sich keiner ans Bein binden.

Denn das ist ja echte Arbeit, das wollen wir nicht. Wir wollen lieber schickimicki in unserer Boutique hocken und da ein Aufhängerchen hinnähen, auf denen steht, wie bio wir sind. Ganz ehrlich, es ist nichts mehr bio, wenn du es fünf Mal um den Erdball schickst. Allein die transportlogistische Chemie: Wenn du konfektionierte Ware aus Asien einführst, müssen die Container in Bremen mit giftigem Gas behandelt werden. Als erstes gehen die Männer mit den gelben Schutzanzügen daran. Da ist gar nichts mehr bio.

Andere sagen: „Wir sind ja so wahnsinnig nachhaltig, wir lassen in Portugal nähen.“ Aber: Portugal hat seit der Finanzkrise ein riesig großes Kinderarbeitsproblem. Riesengroß. Das weiß die ganze Branche, aber es klingt halt so gut, wenn man sagt, es wird in Portugal produziert. Außerdem wird dort viel von Marokkanern genäht, die illegal im Land leben.

Unsere Baumwollballen aus Tansania kommen unbehandelt sofort zu unserem Spinner nach Nordrhein-Westfahlen, dort wird gesponnen und gefärbt, danach gewoben oder gestrickt. In Augsburg wird genäht. Transparenter, kürzer und einfacher geht es nicht.

Machst Du Dir viele Feinde mit Deinen Äußerungen und Veröffentlichungen?

Sina Trinkwalder: Natürlich. Aber das ist mir völlig wurscht. Ich glaube, wenn wir echte Veränderungen haben wollen, dann braucht es Geradlinigkeit, Unbestechlichkeit und Wahrheit. Oft wird ja gesagt, es gibt mehrere Wahrheiten. Das stimmt aber nicht, es gibt auch eine übergeordnete Wahrheit. Zum Beispiel ist wahr, dass afrikanische Menschen keinen Bock auf den europäischen Standard haben. Aber weil wir in Europa gesättigte Märkte haben, besteht ein wirtschaftliches Interesse an dem Absatzmarkt Afrika. Viele Dinge brauchen die Afrikaner nicht und wollen sie auch nicht. Aber Afrika wird mit dem sogenannten Freihandelsabkommen EPA erpresst.

Was ist für Dich nachhaltiges Wirtschaften?

Sina Trinkwalder:

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet für mich: so zu wirtschaften, dass nicht der Kunde glücklich ist, sondern dessen Enkel.

Was motiviert Dich? Was treibt Dich an?

Sina Trinkwalder: Menschen.

Eine Begegnung, die Du nie vergisst?

Sina Trinkwalder: Die in letzter Zeit eindrücklichste Begegnung war mit Nina. Ich habe in Hamburg einen Vortrag gehalten und hatte so ein Goodie-Bag bekommen mit Bio-Lebensmitteln. Auf dem Weg ins Hotel habe ich die Tüte drei Frauen hingelegt, die unter einer Brücke lagen. Als ich am nächsten Morgen von meiner Laufrunde zurückkam, haben sie aus dieser Tüte gegessen. Zurück in der Hotellobby habe ich gedacht: „Oh geil, jetzt duschen“. Und bei dem Wort „duschen“ ist mir eingefallen: Vielleicht möchte ja auch eine der Damen mal duschen. Und dann habe ich an der Rezeption gefragt, ob sie ein Problem damit haben, wenn ich jemanden zum Duschen mitbringe. Der Rezeptionist hat ein bisschen komisch geguckt aber gesagt: Nein, kein Problem. Also bin ich wieder unter die Brücke gegangen und habe gefragt, ob eine der drei Damen duschen möchte. Die beiden Jüngeren waren zu schüchtern und haben auf Nina gezeigt. Ich habe also eine alte, ungepflegte, verschüchterte Endvierzigerin mit in mein Zimmer genommen und nach der Dusche ist eine gepflegte, aufrecht gehende, lächelnde Frau herausgekommen, die auf dem Hotelflur das Gespräch mit anderen Gästen gesucht hat und sich mit ihnen über die Zimmer unterhalten hat. Sie hat auf einmal am Leben teilgenommen. Das war für mich die eindrücklichste Begegnung in letzter Zeit. So ist mein Obdachlosenprojekt entstanden.

Zu viel möchte ich davon noch nicht verraten, das ist ein Upcycling-Projekt, bei dem ein ortsansässiges Unternehmen mir seinen Abfall zur Verfügung stellt und wir hier bei manomama ein elementares Problem von Obdachlosen lösen.

Was würdest Du tun, wenn Du die Welt verändern könntest?

Sina Trinkwalder: Ich bin jetzt mal so vermessen zu sagen: Ich tue es. (lacht) Jeden Tag ein kleines Bisschen.

Wer ist Dein Vorbild?

Sina Trinkwalder: Ich habe kein Vorbild. Ich habe Ideale und kein Idol.

Was kochst Du Deinen Freunden zum Essen?

Sina Trinkwalder: Böhmische Rindsrouladen von meiner Oma, mit dunkler Soße, dazu große böhmische Klöße. Das ist eigentlich ein Armeleuteessen. Die haben damals schlechtes Fleisch hauchdünn verarbeitet und um grobe polnische Wurst gewickelt. Dann mit Essiggurkenwasser, saurer Sahne und Preiselbeeren aufgegossen – das klingt widerlich, ist aber höllisch lecker.

Mittlerweile habe ich ja auch ein paar kulinarische Freaks im Freundeskreis, die sich Vegetarier und Veganer nennen, dann wird es als Metzgersnichte echt eng. Aber ich bin da sehr tolerant. Veganer kriegen einen Salat.

Dein Lieblingsort in Augsburg?

Sina Trinkwalder: An der Wertach, da laufe ich immer. Heute Morgen waren null Grad und es war nebelig, das macht dir den Kopf frei.

Was sollte jeder in seinem Leben einmal getan habe?

Sina Trinkwalder: Über die Stränge schlagen.

Mit welcher bekannten Persönlichkeit würdest Du gern einmal Kaffee oder ein Bier trinken?

Sina Trinkwalder: (denkt nach…) Mit dem lieben Gott.

Deine geheime Superkraft?

Sina Trinkwalder: … ist definitiv Neugier, penetrante Neugier. Das ist meine geheime Superkraft, die ganz schön vielen auf den Sack geht.

Welches Kleidungsstück hast Du verabscheut, als Du ein Kind warst?

Sina Trinkwalder: Cordhosen, Karottenhosen aus einem Burdaschnitt, die meine Mutter mir in der Grundschulzeit immer genäht hat. Das war die Strafe Gottes.

Mit Karottenhosen aufwachsen … das erklärt vieles (lacht schallend).

Meine Mutter konnte super nähen … aber die Stoffe, die sie gekauft hat: Khakibrauner Tigercord. So habe ich relativ schnell gelernt, dass Äußerlichkeiten nicht alles sind. In der fünften Klasse habe ich dann Anschiss von meiner Mutter gekriegt, weil ich in Jogginghosen oder dem alten Hochzeitsanzug meines Vaters in die Schule gegangen bin. Grüner Samt mit Schlag!

Welche Pläne hast Du für die Zukunft?

Sina Trinkwalder: (lacht) Also, wo fangen wir an: Mein ganz aktueller Plan ist, die Winterkollektion von manomama nach vorne zu bringen, dann habe ich mein Obdachlosenprojekt, das für mich sehr, sehr wichtig ist, dann habe ich Colouride, da gehe ich in den Sportbereich. Wir haben dafür einen Teil der Halle leergeräumt. Eigentlich ist der Hintergedanke, dass wir einem gehandikapten Sattler eine eigene Werkstatt einrichten. Dann habe ich noch ein, zwei Fernsehprojekte und schreibe mein drittes Buch: „Im nächsten Leben ist es zu spät“.

Wovor hast Du Angst?

Sina Trinkwalder:

Ich habe keine Angst. Wenn ich von etwas mächtig beeindruckt bin, dann habe ich Respekt, aber keine Angst. Angst ist kein guter Motivator.

Das letzte Wort:

Sina Trinkwalder: Das habe ich mir abgewöhnt, es immer zu haben.

 

Bücher:  „Wunder muss man selber machen“, ISBN: 978-3-426-27615-0 und „Fairarscht. Wie Wirtschaft und Handel die Kunden für dumm verkaufen“ ISBN: 978-3-426-78794-6.

Sina Trinkwalder, Gründerin des Unternehmens manomama in Augsburg. Foto Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

Kommentare

Gast

Ehrlich, erfrischend , bin derart begeistert über Ihre Einstellung.
Großen Respekt und weiterhin viel Erfolg.

Gast

Paradox, dass ausgerechnet Sina Trinkwalder "Geradlinigkeit, Unbestechlichkeit und Wahrheit" als Werte nennt. Die scheint mir eher eine klassische Zeitgeistsurferin zu sein, die mit "Sozialunternehmen" und Arbeitern, deren Löhne vielleicht sogar noch vom Amt subventioniert werden (sie stellt ja besonders gern Langzeitarbeitslose und Gehandicapte ein), Kasse macht, und die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Sie verkauft sich als Aussteigerin aus der Werbebranche, die die Welt retten will, steht aber nach wie vor im Impressum der Werbeagentur, die ihr und ihrem Mann gehört, als Geschäftsleiterin drin.
Zur Geschichte mit den obdachlosen Frauen, die sie getroffen haben will: Sina Trinkwalder berichtet häufiger mal von angeblichen (Erweckungs)Erlebnisse an, die sie gehabt haben will, und die man ihr nicht recht abkaufen kann, u.a. weil sie sich manchmal an anderer Stelle widerspricht. Ich denke vielmehr, dass dies zu ihrer Vermarktungsstrategie gehört. Interessant ist auch der Kommentar unter dem Artikel in der Gründer-Wirtschaftswoche: http://gruender.wiwo.de/sina-trinkwalder/
Für mich ist sie jedenfalls absolut unglaubwürdig.

Gast

Der Ort heißt Oettingen nicht Öttingen.

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