Mit Eifer für den Flussregenpfeifer

Unterwegs mit Kiesbank-Ranger Benjamin Vogt

Benjamin Vogt war von April bis Juni 2017 zum fünften Mal als Kiesbank-Ranger am Lech unterwegs. Dann brüten die scheuen Flussregenpfeifer am Ufer oder auf den Kiesinseln des Flusses. Bereits die geringste Störung durch Menschen vertreibt die Vogel-Eltern und gefährdet das Leben der Küken. Um sie und ihren Nachwuchs zu schützen, ist das Lechufer an manchen Abschnitten den Tieren vorbehalten, andere Uferzonen sind Erholungszonen für Menschen. Und der Kiesbank-Ranger ist zum Schutz der Flussregenpfeifer unterwegs.

Wenn es nötig ist, weist er die Menschen darauf hin, sich in den dafür ausgewiesenen Erholungszonen aufzuhalten, wenn sie am Lech entspannen und die Natur genießen möchten. „Wir setzen auf ein faires Miteinander“, sagt Stephan Jüstl, der Lechtal-Gebietsbetreuer vom Lebensraum Lechtal e.V..  (Mehr zum Lebensraum Lechtal und den Flussregenpfeifer im Lifeguide-Artikel "Lebensraum Kiesbank")

Nach einer detaillierten Einweisung durch Stephan Jüstl geht es für Benni Vogt los: Er betreut 16 Kilometer Flussstrecke zwischen Gersthofen und Meitingen, wovon etwa die Hälfte Schutzzone ist. „Das bedeutet in erster Linie, an den schönsten Wochenend- und Feiertagszeiten sein Fahrrad zu schnappen und den Lech hinabzupesen, insgesamt 32 Kilometer Flussstrecke abzuradeln und die Lechufer bis zu 50 mal hoch und runter zu steigen. Außerdem ist verlässliche Menschenkenntnis beim Umgang mit dem „Homo Kiesbankius“ angeraten. Zwanzig angetrunkene Jugendliche behandelt man einfach anders als eine junge Familie mit freilaufendem Hund und planschendem Kind...“ berichtet Benni Vogt. Hier seine Reportage von einer abwechslungsreichen Ranger-Saison:

 

Mit Eifer für den Flussregenpfeifer

von Benjamin Vogt

Zwei turbulente Monate im Dienste des Naturschutzes sind wieder einmal vergangen. Derart aufregend war es in den letzten Jahren selten im Zuge meiner Berufung zum „Kiesbank-Ranger“. Die vielfältigen Begegnungen mit Mensch und Tier in einer wahrhaft schönen, zumeist intakten Natur ließen mich Tag für Tag gerne in die nördlichen Lechauen Augsburgs radeln. Das Hochwasser im zeitigen Frühjahr hielt den Flussregenpfeifer nämlich nicht davon ab auf den Kiesbänken des Lechs zu brüten. Obwohl mein ungeschultes Auge „den Vogel mit der Maske“ selten zu Gesicht bekam, erhaschte ich immer wieder einen Blick auf Brutpaare und Jungvögel. Unsere langjährigen Schutzbemühungen zeigten erste nachweisbare Erfolge! Selbstverständlich hatte ich etliche, anregende Gespräche mit lieben Menschen. Genauso begegneten mir aber auch unbelehrbare Asoziale und zweibeinige Kuriositäten im Adamskostüm. Gerade stark alkoholisierte Jugendliche und Obdachlose stellen einen regelmäßig vor besondere Herausforderungen. Zwar bleibe ich immer freundlich und - trotz so manch nörgelnder Unke - wirklich höflich, doch trete ich möglichst bestimmt auf, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. „Entschuldigen Sie die Störung, aber Sie befinden sich hier in einer Schutzzone! Ich muss Sie bitten in die extra für Besucher ausgewiesenen Erholungszonen umzuziehen.“

 

„Entschuldigen Sie die Störung, Sie befinden sich hier in einer Schutzzone!"

Hier zücke ich meine Karte, in der die mir bekannten Brutpaare eingetragen sind. Anschließend deute ich auf den genauen Punkt, wo sich „der Störenfried“ gerade befindet. “Hier brütet der Flussregenpfeifer! Bei häufigen Störungen durch Mensch und Hund lassen die Elterntiere ihre Küken zurück und die armen Kleinen müssen verhungern und verdursten leider bei dieser Hitze. Vielen Dank für ihr Verständnis.“  In 99 Prozent der Fälle sind die Erholungssuchenden daraufhin einsichtig und ziehen um.

 

Die meisten Menschen sind verständnisvoll

Manchmal läuft das Ganze aber auch anders: Mein tausendfach heruntergebeteter Kiesbanktext veranlasste einige vagabundierende, ältere Herren mich mit leere Schnapsflaschen zu bewerfen. Ganz zu schweigen von den Verwünschungen als „dreckiger Zigeuner“ oder „Hurenbulle“ die sie mir an den Kopf warfen. Wobei ich mich hüte Amtsanmaßung zu betreiben! Vielleicht führte meine gelbe Warnweste zu dieser Verwechslung? Als mir die Gruppe das nächste Mal begegnete, nahmen die Herrschaften Reißaus. Mit weniger Promille waren sie nicht so mutig …
Glücklicherweise gab es auch gegenteilige Situationen die mir ein breites Grinsen aufs Gesicht zauberten. Zu meinem Amüsement besuchen auch diverse Nudisten die Kiesbänke. Meist eher von der grau bebuschten Sorte. Doch im Juni mitten in der härtesten Mittagshitze kamen mir zwei FKKler von der ganz besonderen Sorte unter. Anfang zwanzig waren die Beiden echte Hingucker oder etwas flapsig gesagt: Rattenscharf! Da sich die Schönheiten in einer Schutzzone befanden, kam ich nicht umhin sie über unser Besucherlenkungskonzept aufzuklären. Ihre Ausrede, warum sie sich dort aufhielten, war grandios. Sie wären „professionelle Porno Darstellerinnen“ und müssten deswegen vom Scheitel bis zur Sohle durchgängig gebräunt sein. Da die Kerle in den reger besuchten Zonen des Lechs aber penetrant gaffen würden, suchten sie die Einsamkeit. Ich vermochte es mir nicht zu verkneifen die zwei Grazien schallend auszulachen. Nachdem ich ihre nett gemeinte Einladung, sie doch beim nächsten Videodreh zu besuchen, abgelehnt hatte, überließ ich die „Möchtegern- Pornostars“ ihrem Schicksal um meine Kiesbank-Ranger-Tätigkeit wieder aufzunehmen. Diese Entscheidung würde meine geliebte Ehefrau gewiss unterstützen.

 

Unterwegs mit dem BR

Die Woche darauf besuchte uns der Bayerische Rundfunk um eine Doku über das Müllproblem des Lechs zu drehen. Dafür legte ich mich voll ins Zeug, organisierte eine Müll sammelnde Schulklasse und begleitete das Kamerateam über den Tag hinweg. Ich sei ja schließlich „der gelbe Faden“ des Berichtes. Eine einzigartige Erfahrung. Wer denkt Film und Fernsehen sei ein Zuckerschlecken, der irrt. Es ist knochenharte Arbeit, allein schon wegen der Menge an empfindlicher, teurer und unglaublich schwerer Ausrüstung die uns begleitete. Am steil zum Lech abfallenden Ufer, in brütender Hitze, eine besondere Herausforderung.

Eine Sache liegt mir noch am Herzen. Bitte, liebe Jogger! Bei 31 Grad und praller Sonne mal kurz eine Rund zu drehen ist ziemlicher Schwachsinn! Mir fiel beinahe wortwörtlich eine Joggerin vor die Füße. Ich fand die Mittdreißigerin am Wegesrand. Kreidebleich und ohnmächtig. Als sie auf mein sachtes Schütteln nicht reagierte und ihr Herzschlag eher einer Mischung aus Speed-Metal und Free-Jazz glich, blieb mir nichts anderes übrig, als den Notarzt zu rufen. Glücklicherweise war ich in der Lage die Dame wiederzubeleben. Nachdem sie zu meiner Erleichterung die Besinnung wiederfand, um sich plötzlich und herzhaft zu übergeben, kam auch schon der Rettungssanitäter. Wäre sie dort auch nur für kurze Zeit länger und ohne Hilfe liegengeblieben, hätte sie schwere Hirnschäden davon tragen können. Selbst jetzt noch, wenn ich nur daran denke, rast ein Adrenalinstoß durch meine Blutbahn. Mein Schock fürs Leben.

 

Eine wunderbare Zeit

Letztendlich war es aber wieder eine wunderbare Zeit in den Lechauen. Ich liebe einfach die Natur dort und das Privileg sie zu bewahren. Viele Menschen dieser Region sind mir zudem wirklich ans Herz gewachsen, wie die Wasserwachtler in Langweid und der ortsansässige Imker. Ich freue mich bereits auf nächstes Jahr. Es warten gewiss wieder eingeschlafene Badegäste mit furchtbarem Sonnenbrand, die es zu wecken gilt und possierlich hopsende Flussregenpfeifer-Küken, denen ich meine Stimme leihen darf.
Herzlich
euer Kiesbank-Ranger Benjamin Vogt

Allen, die mehr über das Miteinander von Naturgenuss und Artenschutz am Lech nördlich von Augsburg wissen möchten, empfehlen wir unseren Lifeguide-Artikel "Lebensraum Kiesbank"

Die Schutz-oder Erholungszonen am Lech:

Von April bis Juni dürfen die Flussregenpfeifer nicht gestört werden, ansonsten verlassen sie ihre Küken. Foto: Stephan Jüstl
Die Küken des Flussregenpfeifers sind perfekt getarnt. Foto: Christa Kohout
Flussregenpfeifer. Grafik: Benjamin Vogt
Am Lech bei Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Flussregenpfeifer. Foto: David Bertuleit

Über den Autor

Benjamin Vogt

Benjamin Vogt ist in Krumbach aufgewachsen und hat in Augsburg studiert. Der Lehrer ist engagierter Umweltschützer, CityFarmer der ersten Stunde, Schriftsteller, Kiesbank-Ranger und sowohl Lehrer als auch Lernender in Sachen Naturschutz, Tierwohl und Artenschutz .

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