Nachhaltiges Leben hier für dort

Warum wir bei fairem Kaffee aus Wegwerfbechern nicht stecken bleiben können

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? „Richtig“ ist wohl ein Leben, das auf Umwelt und Menschen achtet, das sich gut anfühlt. „Falsch“ wohl eher die Tatsache, dass viel zu viele Menschen woanders auf der Welt hungern, im Krieg leben müssen oder unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Wie schaffen wir es hier bei uns, so zu leben, dass wir diese Bedingungen dort verbessern? „Revolutionieren“ können wir das Ganze nicht von heute auf morgen, aber ignorieren? Nein.

Augsburg ist da ein gutes Pflaster für Engagement. Es gibt hier viele Initiativen, die den Weg zu einem nachhaltigen Leben ebnen. Einige davon haben sich im Augsburger Agendaprozess zusammengeschlossen. Aber es gibt viel, viel mehr. Einen guten Einblick bieten die fast 400 Projekte, die in den letzten zehn Jahren für den Augsburger Zukunftspreis vorgeschlagen worden sind. (www.nachhaltigkeit.augsburg.de). Manche sind Initiativen, andere Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen, alle engagieren sich für mehr Umwelt- und Menschengerechtigkeit.

Genau das ist es doch, was Leben lebenswert macht: mensch kann selbst etwas tun, Ideen entwickeln, sich engagieren, ob in der Flüchtlingsarbeit, als Mentorinnen und Mentoren in Schulen, für regionale UNSER LAND-Lebensmittel oder umweltfreundliche Mobilität, für Tierwohl, Upcycling oder politische Beteiligung. Manche Projekte schaffen es zu Recht bis in die Schlagzeilen wie das Grandhotel Cosmopolis, das Sozialkaufhaus contact oder verschiedene Bürgerbegehren. Andere sind Konstanten, deren Arbeit erst nach langen Jahren so richtig geschätzt wird – etwa die Flüchtlings- und Migrationsarbeit des Tür an Tür e. V. oder die Kriminalprävention der BRÜCKE. Und wieder andere sind noch fast verborgene Geheimtipps wie das vegane Kleinrestaurant Café dreizehn im Bleigässchen. Gut, dass es den Lifeguide-Augsburg gibt, um genauso so etwas bekannter zu machen.

Augsburg wurde 2013 ausgezeichnet mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis als „nachhaltigste deutsche Großstadt“, ein Jahr nach Freiburg. Was ist dran? Das hat eine lange Vorgeschichte. Schon 1980 z. B. gründeten junge Leute in Augsburg einen der ersten deutschen Weltläden, um zu zeigen, dass es Alternativen geben muss und Alternativen gibt, so zu wirtschaften, dass nicht nur hauptsächlich wir profitieren. Zum Augsburger Weltladen gehört von Anfang an die Werkstatt Solidarische Welt, die Veranstaltungen und Aktionen organisiert. Sie startete vor 20 Jahren den Augsburger Nachhaltigkeitsprozess. Dort hat auch das Eine Welt Netzwerk Bayern seinen Sitz – und veranstaltet jährlich die Fair Handels Messe Bayern in Augsburg, jetzt erweitert zu den Bayerischen Eine Welt Tagen. Fairer Kaffee ist inzwischen legendär, es gibt ihn in und um Augsburg in immer mehr Cafés, Läden und Bäckereien. Gleichzeitig trinken immer mehr Menschen Kaffee aus Wegwerfbechern. Ressourceneffizienz sieht anders aus. Bisher sind die Becher nur zum Verbrennen gut. In Augsburg gibt es sogar ein Café auf dem Rathausplatz, mit Filiale am Königsplatz, das seine sämtlichen Angebote nur in Wegwerfbehältern anbietet – ein Relikt aus eigentlich längst vergangenen Zeiten, oder? Aber es wird nicht weniger frequentiert als die benachbarten Kaffeehäuser. Ressourceneffizienz ist also längst noch nicht in allen Köpfen angekommen. Da muss noch einiges passieren.

Richtiges Leben im falschen? Fangen wir doch einfach mit dem Richtigen an. Letztens habe ich die Bäckerei Wolf getestet, bin mit Kaffeetasse in die Filiale gegenüber und habe mir einen Cappucino reinbrühen lassen - kein Problem. Und à propos nettes Café: sehr gerne gehe ich in die beiden Museumscafés - des Maximilianmuseums am Fuggerplatz und des Schaezlerpalais beim Herkulesbrunnen an der Maximilianstraße. Christine Wagner bietet dort seit neuestem fairen Kaffee an. Das Ganze in einer sehr schönen, anregenden Umgebung. Und in hübschen Porzellantassen sowieso.

Dr. Norbert Stamm, Leiter des Büros für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Foto Regine Laas

Über den Autor

Dr. Norbert Stamm

Mitarbeit schon beim alten "Lifeguide Augsburg". Leitet das Büro für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Ausbildung als Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Afrika, zusätzlich Studium Christlicher Sozialwissenschaft. Ehrenamtlich Mitvorstand des Eine Welt Netzwerks Bayern e.V. Verschiedene Veröffentlichungen, darunter "Augsburg Afrika. Ein Buch über Beziehungen" (1996) und "Rendite plus - Möglichkeiten sozialverantwortlicher Geldanlage" (2000). Mitherausgeber von "Kommunen und Eine Welt" (3. Auflage 2014), "Entwicklungspolitik in Bayern - Analysen und Perspektiven" (8. Auflage 2015) sowie "Runder Tisch Bayern: Sozial- und Umweltstandards bei Unternehmen" (jährlich seit 2007).

Kommentare

Gast

Ich denke immer, ich weiß schon, wo es fair gehandelten Kaffee gibt... jetzt weiß ich mehr. Danke

Neuen Kommentar schreiben