NANU! 10 Jahre Umweltbildung in der Region

Interview mit Anna Röder, Vorstand des NANU! e.V.

Wer kennt es nicht? Das hochformatige NANU!-Heft, prall gefüllt mit jährlich 300 Veranstaltungen rund um Umwelt und Natur. NANU! steht für die Umweltbildung in Augsburg und der Region. Bei NANU! wird Vergnügliches, Wissenswertes, Außergewöhnliches und Aufregendes rund um die heimatlichen Wälder und Gewässer, die Tiere und Pflanzen vermittelt. Kinder sind mit den Wasserdetektiven an den Stadtbächen unterwegs, Familien den Jägern der Nacht auf der Spur und Wissensdurstige jeden Alters lernen mehr über die Weidestadt Augsburg oder das Gänseblümchen als Heilpflanze.

NANU! ist eine Erfolgsgeschichte für Augsburg und die Umweltpädagogik in dieser Stadt. Gestartet ist NANU! vor 14 Jahren, mit 25 engagierten Menschen aus den unterschiedlichsten Organisationen und Vereinen. Sie wollten ihre Kräfte und ihr Wissen um die heimatliche Natur bündeln und der Umweltbildung in der Region ein Dach geben.

Der Verein NANU! das Netzwerk Augsburg für Naturschutz und Umweltbildung wurde 2007 gegründet und feiert im Juli 2017 sein 10-jähriges Bestehen.

Wir sprachen mit Anna Röder. Sie ist Vorstand des NANU! e.v. und war von Anfang an dabei. Die Umweltpädagogin und Technikerin für Landschafts- und Gartenbau arbeitet in der Gemeinde Markt Diedorf im Bereich Umwelt, Naturschutz und Gewässer.

NANU! hat viele Gesichter. Es gibt Biologen, es gibt Landschaftsarchitekten, es kommen Menschen aus der Kunstrichtung, es kommen Ehrenamtliche aus allen Berufen…

Lifeguide: 10 Jahre NANU! – Erst einmal herzlichen Glückwunsch!

Anna Röder: Danke!

Wie fing alles an, mit NANU!?

Eigentlich ganz unspektakulär. Dr. Norbert Stamm, Leiter des Büros für Nachhaltigkeit der Stadt Augsburg, und Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband der Stadt Augsburg, haben alle Vereine und Organisationen zu einem Workshop eingeladen, die mit Umweltpädagogik, Naturschutz oder Umwelt zu tun haben. Das dürften so um die 25 Leute gewesen sein. Dann war sehr schnell klar, dass wir ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm herausgeben wollen und dafür einen einheitlichen Ansprechpartner brauchen: Damit zum Beispiel die Lehrer jemanden haben, an den sie sich wenden können, wenn sie  eine Waldführung, eine Wiesenführung oder ans Wasser wollen. Schon in der nächsten Sitzung ist dann der Name „NANU!“ kreiert worden. Seitdem machen wir als Netzwerk jedes Jahr ein nachhaltiges Programmheft.

Was war Deine Motivation, bei NANU! mitzumachen?

Ich bin ja Umweltpädagogin und das passte bestens in mein Umfeld und meine Tätigkeit hinein. Die Stärkung der Umweltbildung in Augsburg und der Region war und ist mir sehr wichtig. Denn dieser alte Satz, „Nur was Du kennst, das schützt Du“, gilt ja immer noch.

Ich fand es deshalb sehr gut, dass wir alle Umweltaktivitäten in Augsburg und der Region bündeln, damit sich die Aktiven nicht verzetteln. Alleine ist es zum Beispiel  viel schwerer, die eigenen Veranstaltungen bekannt zu machen.

Auch für die Wahrnehmung in der Stadt, bei der Politik und bei den gesellschaftlichen Gruppen, zum Beispiel bei den Schulen, ist diese Bündelung der Kräfte vorteilhaft. Mittlerweile ist das NANU!-Heft meines Erachtens schon eine Marke geworden.

Wenn die Leute unser dickes Heft in die Hand bekommen und wissen: Das ist jetzt die Umweltbildung in der Region - dann haben wir viel erreicht.

Uns war es von Anfang an auch wichtig, Qualität reinzubringen. Wir haben Fortbildungen angeboten und immer darauf geachtet, dass die Leute von der Didaktik und vom Wissensstand her qualifiziert sind. Jede Waldführung, jede Wanderung oder jede Entdeckertour soll ja vor allem für die Teilnehmer*innen eine schöne Veranstaltung sein.

Gab es damals schon die Umweltstation Augsburg?

Nein, man kann fast sagen, NANU! ist mit „Schuld“ daran, dass es die Umweltstation in Augsburg gibt. Wir haben das NANU!-Heft in den ersten vier Jahren, also von 2004 bis 2007, teilweise im Ehrenamt erstellt. Dann wurden es immer mehr Veranstaltungen und immer mehr Leute. Wir konnten das einfach nicht mehr schultern. Zum einen riefen die Leute bei uns an und wollten die Veranstaltungen buchen oder selbst etwas anbieten und zum anderen musste das Heft gemacht werden.

Also haben wir gesagt, wir benötigen in Augsburg eine anerkannte Umweltstation. Normalerweise braucht eine Umweltstation ein eigenes Haus. Weil wir das in Augsburg nicht hatten, haben wir ein Konstrukt entwickelt: NANU! hat mit den „Lernorten“ seiner Mitglieder die Basis gestellt. Das sind die Orte, wo unsere Veranstaltungen stattfinden. Also der Botanische Garten, der Zoo, der Waldpavillion, der Naturpark Westliche Wälder. Und dann haben wir argumentiert: Wir brauchen ja kein eigenes Haus, unsere Lernorte sind das „Dach“ der Umweltstation. Damit konnten wir uns durchsetzen. Als die Umweltstation anerkannt wurde, gab es im Mai 2007 ein rauschendes Fest.

2017 habt Ihr über 150 Mitglieder und bietet etwa 300 Veranstaltungen im Jahr an - welche Menschen stehen hinter NANU!?

NANU! hat viele Gesichter. Es gibt Biologen, es gibt Landschaftsarchitekten, es kommen Menschen aus der Kunstrichtung, es kommen Ehrenamtliche aus allen Berufen… Wie  zum Beispiel Hubert Schuster, der ein wahnsinnig umfangreiches Wissen über Fische hat. Er ist Vorsitzender des Fischereivereins Meitingen und vertritt gleichzeitig den Fischereiverband Schwaben.  Oder Günther Groß, der ein wandelndes Pilzlexikon ist, das ist unglaublich. Bei NANU! gibt es sehr viele hochqualifizierte Menschen, die sich in ihren Themen wirklich ausgesprochen gut auskennen. Zu unseren Mitgliedern zählt zum Beispiel auch der Alpenverein oder der Naturpark Westliche Wälder. Der BUND war natürlich auch von Anfang an dabei. Das ist ein sehr breites Spektrum. Mich freut sehr, dass mit der Zeit immer mehr dazu gekommen sind, wie zum Beispiel Grow up - Urbane Gärten oder die CityFarm… Man kann sich jetzt mit Umweltbildung auch teilweise eine Existenz aufbauen – das gab es vorher nicht. Und das motiviert zum Mitmachen.

Gibt es bei so vielen Akteuren auch manchmal Missstimmungen?

Könnte man meinen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Bei NANU! treffen sich ja auch Organisationen, die sich nicht immer so ganz grün sind. Beispiel Kormoran. Da haben Vogelschutzverbände und Fischereivereine verschiedene Ansichten. Aber durch NANU! kennt man sich persönlich, man redet miteinander, man macht vielleicht sogar gemeinsame Veranstaltungen, es ergeben sich Synergieeffekte. Das stärkt den Umweltschutz insgesamt.

Wir haben es auch geschafft, dass kein großes Konkurrenzdenken herrscht. Alle, die im NANU!-Heft sind, bemühen sich ja im Prinzip um dieselben Leute. Trotzdem weiß jeder: Es ist eine große Plattform, also genug für alle da.

Für mich persönlich ist auch motivierend, dass wir immer einen tollen Vorstand hatten, wir haben immer harmoniert. Daraus sind teilweise richtige Freundschaften entstanden.

Was war für Dich ein besonders wichtiges Projekt?

Unter anderem das Blaue Quartett, das wir 2008 zusammen mit der Umweltstation erstellt haben.

Unter dem Motto „Wasser ist Kultur und Natur, es verbindet und transportiert“ haben wir einen Wasser-Führer zu Orten in der Region Augsburg erstellt.  Und zwar in sechs Sprachen: türkisch, russisch, italienisch, griechisch, englisch und deutsch.

Der ursprüngliche Gedanke war, dass in Augsburg fast 50% Bürgerinnen und Bürger wohnen, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Und dass da viele Vorurteile existieren ist auch klar. Wir haben zusammengesessen und gesagt: Mensch, da müssen wir doch eigentlich was tun, wie können wir nicht muttersprachliche Mitbürger*innen für unser Vorgehen und unser Umweltverstehen gewinnen. Und daraus entstand das Blaue Quartett.

Wir haben zunächst mit den verschiedensten Gruppen Workshops gemacht. Unter anderem mit russischen Landsleuten, mit Schüler*innen vom Griechischen Gymnasium im Bärenkeller oder den türkischen Stadtteilmüttern in Lechhausen. Die Kernfragen lauteten immer:  Kennt Ihr Gewässer in Augsburg, nutzt Ihr die Gewässer in Augsburg, welche Erfahrungen habt ihr in Eurer Heimat mit Wasser gemacht, welche Bräuche verbindet Ihr mit Wasser?  Die Recherche dauerte ein halbes, dreiviertel Jahr und war total interessant. Für unseren Punkt „Kulturelle Brücken“ haben wir viele Geschichten und Bräuche zum Wasser gesammelt. Zum Beispiel das Winterschwimmen der Russen oder das Feiern von Neujahrsfesten, Hochzeiten und Beschneidungen am Wasser. Natürlich hat jede Gruppe ganz andere Erfahrungen mit Wasser oder auch mit Natur gemacht.

Die Karten enthalten neben diesen individuellen Geschichten natürlich vor allem Basis-Informationen zu den Orten, also zu Lech, Wertach, zu Seen, Quellen und Tümpeln der Region. Außerdem enthalten sie Aktionsvorschläge und organisatorische  Hinweise wie z.B. Ansprechpartner*innen, Gaststätten in der Nähe oder Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit dem Blauen Quartett kann man  Wandertage mit Schulklassen, Vereinsausflüge oder ganz individuelle Wasserrouten gestalten. Wir sind mit dem Blauen Quartett sogar zu einer Umwelttagung nach Österreich eingeladen worden.

Was würdest Du tun, wenn Du Bürgermeisterin von Augsburg wärst?

Für Augsburg würde ich mir wünschen, dass das Umweltbildungshaus wirklich mal gebaut wird.

München hat drei Häuser, Nürnberg hat eine echte Anlaufstelle, Roggenburg hat ein Umwelthaus, Legau hat eine richtige Umweltstation, es gibt in Füssen, in Immenstadt am Alpsee ein Umwelthaus… Da steht es Augsburg als drittgrößter Bayerischer Stadt schon zu, ein eigenes Umweltbildungshaus zu haben. Jetzt gibt es ja schon einen prämierten Entwurf, durch einen Architektenwettbewerb – jetzt wissen wir schon einmal, wie das Haus aussehen könnte. Wenn das Haus der Umweltstation steht, wird sich in der gesamten Umwelt-Bildungslandschaft nochmal etwas tun. Das wird dann noch einmal neue Impulse setzen. Das ist wichtig für die Zukunft.

Wenn ich Bürgermeisterin wäre, würde ich außerdem den NANU! e.V. finanziell zumindest ein wenig unterstützen. Dann würden wir uns mit vielen Arbeiten leichter tun.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Augsburg oder der Region:

Es gibt viele Lieblingsplätze, einer ist sicherlich der Stadtmarkt und ein weiterer der Botanische Garten. Ich mag dort besonders gern die Abende, wenn der Garten beleuchtet wird – das ist zwar wahnsinnig kitschig, aber auch wahnsinnig schön.

Was bedeutet nachhaltig leben für Dich?

Die Ganzheitlichkeit im Blick zu haben. Dass ich mir schon bewusst bin, sei es nun mein Freizeitverhalten, oder beim Einkaufen, dass ich damit etwas anstoße oder verwirkliche.

Ich kann nicht alles ändern, das geht in unserer Zeit einfach nicht, aber ich kann mit Hirn agieren.

Dass ich mich frage: brauche ich jetzt gewisse Dinge, oder kann ich darauf verzichten? Dass ich immer die Welt im Blick habe. Das, finde ich, ist nachhaltig.

 

Der Verein NANU feiert  sein 10-jähriges Bestehen unter anderem mit einem Kreativ-Wettbewerb für Kinder und Jugendliche, mit 12 Veranstaltungen, die umsonst „verschenkt“ werden und mit einem Fest im Botanischen Garten: NANU! - das wird eine lange Nacht. Hier finden Sie das vollständige Progamm von NANU: Das NANU-Programmheft

 

Das Blaue Quartett: Gewässer entdecken in der Region Augsburg
von Umweltstation Augsburg; NANU! e.V.

Wißner-Verlag, 9,80 €

ISBN 978-3-89639-769-0 

 

 

NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Foto: NANU!
NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Foto: NANU!
Logo NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg.
NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Das erste NANU!-Heft von 2004. NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Repro: Cynthia Matuszewski
Anna Röder, Vorstand von NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski

Umweltstation Augsburg

Zentrum für Umweltbildung

Landschaftspflegeverband und Umweltstation Augsburg
Dr. Ziegenspeck-Weg 10
86161 Augsburg

Die Umweltstation Augsburg koordiniert die Umweltbildungsveranstaltungen in Stadt und Landkreis Augsburg und ist Anlaufstelle für alle Interessierten, die sich in der Umweltbildung engagieren wolle

NANU! e.V.

Initiative

Forum der Lokalen Agenda 21
Dr. Ziegenspeck-Weg 10
86161 Augsburg

NANU! - ein Zusammenschluss von Organisationen und Einzelpersonen - macht sich die Natur- und Umweltbildung zur Aufgabe.

Anna Röder, Vorstand von NANU! e.V.: Umweltbildung in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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