Oikocredit vergibt weltweit Mikrokredite

Ein Bericht über die Arbeit auf den Philippinen

73% aller Philippinen sind „unbankable poor“. Sie haben weder ein Bankkonto noch Eigenkapital oder andere Sicherheiten. Sie würden bei keiner Bank ein Kredit bekommen. Als Händler*innen oder Kleinbäuer*innen sind sie jedoch auf kurzfristige Kredite für Saatgut oder Handelsware angewiesen. Mikrokredite für einen Tag, eine Woche oder mehrere Monate sind für diese Menschen von existenzieller Bedeutung.

Über 800 Partner von Oikocredit vergeben weltweit solche Mikrokredite. Marilou Pantua-Juanito von Oikocredit Südostasien stellte in Augsburg die Arbeit der Genossenschaft auf den Philippinen vor. Hier unterstützt Oikokredit vorwiegend Kleinunternehmer*innen und Bäuer*innen, hilft aber auch Gemeinden und Genossenschaften beim Bau von Siedlungen und Krankenhäusern oder bei der Wasserversorgung. Außerdem ist Oikocredit in Katastrophengebieten in der Vorsorge und Soforthilfe aktiv. Ab 2017 wird sich der Oikocredit Förderkreis Bayern im Agendaforum „Eine Welt Augsburg“ einbringen.

Leben in Würde

Oikocredit wurde vor mehr als 40 Jahren als internationale Genossenschaft gegründet, mit der Vision einer weltweit gerechten Gesellschaft, in der sich jeder Mensch in Würde eine Existenz aufbauen kann. Das System ist einfach: Anlegerinnen und Anleger können bei Oikocredit ihr Geld investieren. Jede beliebige Summe ab 200 Euro ist möglich. Jährlich wird eine Dividende festgelegt, die maximal zwei Prozent beträgt, aber – je nach Geschäftsergebnis - auch komplett ausfallen kann. Das Geld wird weltweit sogenannten „Mikrofinanzinstitutionen“ oder Produktionsgenossenschaften zur Verfügung gestellt. Aktuell sind über 900 Millionen Euro an mehr als 800 Partner vergeben. Ein Beispiel für eine Mikrofinanzinstitution ist Alalay Sa Kaunlaran Inc (ASKI) in Südostasien. ASKI hat über 70 Filialen und bedient 100.000 Kundinnen und Kunden. „Bei ASKI arbeiten Field-Manager und Managerinnen, die in den Gemeinden leben und über die Situation der Menschen vor Ort bestens informiert sind“, berichtet Marilou Pantua-Juanito. Diese Manager*innen werden von Oikocredit geschult und unterstützt.

Der erste Kredit sichert die Existenz, der zweite bringt Licht

ASKI vergibt regional meist kleinere Kredite mit einem Volumen von 100 bis 1.000 Euro, manchmal auch 2.000 Euro. Die Laufzeit der Kredite hängt vom Vorhaben ab: Für den kurzfristigen An- und Verkauf von Waren reicht manchmal schon eine Laufzeit von einem Tag oder einer Woche, für die Aufzucht eines Ferkels werden etwa drei Monate gerechnet, der Anbau von Reis mit einem halben Jahr veranschlagt. Mikrokredite werden auf den Philippinen häufig für Saatgut gebraucht – seit einer Bodenreform steht jedem Filipino zwar ein Hektar Land zu, oft fehlt aber das Geld für Samen, Dünger oder maschinelle Hilfe beim Bestellen der Felder. „80 % unserer Kreditnehmer*innen gehören zu der sehr armen Bevölkerung, 85% von ihnen sind Frauen in ländlichen Gebieten“, so Marilou Pantua-Juanito. ASKI vergibt maximal zwei Kredite gleichzeitig, davon ist der zweite häufig für eine Solarlampe, weil nicht überall die Stromversorgung gewährleistet ist. Erneuerbare Energien sind ein wichtiger Investitionsschwerpunkt von Oikocredit.

Betrachtet man die Zinsen, die die Händler*innen oder Kleinbäuer*innen an ihr Kreditinstitut vor Ort zahlen, erscheinen diese mit 15 bis 30% sehr hoch. „Man darf die Mikrokredite nicht mit unseren Hypothekenkrediten mit langen Laufzeiten vergleichen, sie ähneln eher unseren Dispokrediten“, sagt Eva Bahner von Oikokredit Bayern. „Die durchschnittliche Laufzeit von Mikrokrediten ist kurz, sie beträgt vier Wochen bis ein Jahr. Außerdem berücksichtigen die Zinsen die teils sehr hohen Inflationsraten in den jeweiligen Ländern. Und der Mikrokredit ist meist ein völlig ungesicherter Kredit: Für die Menschen vor Ort ist er jedoch die einzige Möglichkeit, Startkapital für den Aufbau einer eigenen Existenz zu bekommen.“

Krankenhäuser und Trinkwasserversorgung in Dörfern und Gemeinden

Die Genossenschaft unterstützt nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Dörfer und Gemeinden. Beispielsweise in Gebieten, wo es keinen Zugang zu Trinkwasser gibt. Hier werden Trinkwasseraufbereitungsanlagen aufgebaut, LKWs liefern jeden Morgen Wasser an, das von geschulten Mitarbeiter*innen aufbereitet und für 25 Cent pro 20 Liter-Kanister verkauft wird. In abgelegenen Gegenden werden Gemeinden auch beim Bau von Krankenhäusern unterstützt. 

Im Rahmen der „Gender Equality“ bietet ASKI außerdem Schulungen speziell für Frauen an, die häufig weder über Geld noch über eine Ausbildung verfügen. Sie lernen einen Businessplan zu erstellen, absolvieren Seminare und tauschen sich aus. Durch ihre Erfolge innerhalb der Kommunen und über das Verdienen eigenen Geldes, gewinnen sie mehr Einfluss und ein stärkeres Selbstbewusstsein.

Frühwarnsystem und Soforthilfe bei Naturkatastrophen

„Die Philippinen sind reich an Wasser, Sonne und Wind. Aber mit 20-30 Taifunen im Jahr, 20 aktiven Vulkanen und einer hohen Tsunamigefahr ist es auch ein Land, das häufig von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Von den Folgen sind die Ärmsten am stärksten betroffen“, berichtet Marilou Pantua-Juanito. Deshalb hat Oikocredit auf den Philippinen zusammen mit regionalen Netzwerken ein Trainingsprogramm zum Umgang mit Naturkatastrophen entwickelt. Es umfasst Frühwarnsysteme, Soforthilfen im Katastrophenfall und einen Solidaritätsfond, der Schäden finanziell auffängt.

Und wie sieht es mit der Rückzahlung der Kredite aus? Die Motivation der Kleinunternehmer*innen ist sehr hoch. „In 40 Jahren wurden nur 4% Ausfälle registriert“, zieht Marilou Pantua-Juanito eine positive Bilanz.

Mehr zu dem Informationsabend in Augsburg: https://www.bayern.oikocredit.de/k/n2053/news/view/166377/3614/oikocredi...

Kontakt:

Oikocredit Büro Friedberg:

Eva Bahner ebahner [at] oikocredit.de

0821 40 89 21 19

Oikocredit Förderkreis Bayern e.V.

Hallplatz 15 – 19

90402 Nürnberg

www.bayern.oikocredit.de

 

Investitionsmodell Oikocredit.
Marilou Pantua-Juanito (rechts) von Oikocredit Südostasien zu Gast in Augsburg. Hier mit dem 2. Bürgermeister von Augsburg, Stefan Kiefer und Eva Bahner vom Oikocredit Förderkreis Bayern/ Friedberg. Foto Cynthia Matuszewski
Marilou Pantua-Juanito von Oikocredit Südostasien zu Gast in Augsburg. Foto Cynthia Matuszewski
Marilou Pantua-Juanito von Oikocredit Südostasien zu Gast in Augsburg. Foto Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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Kommentare

Gast

Yeah that's what I'm talking about bab y - nice work!

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