12 Jahre Einsatz für ein nachhaltiges Augsburg

Dr. Norbert Stamm im Gespräch mit Agendaspecherin Ute Michallik

Sie haben 12 Jahre eng zusammengearbeitet: Ute Michallik, ehrenamtliche Agendasprecherin seit 2006. Und Dr. Norbert Stamm, Leiter des Büros für Nachhaltigkeit der Stadt Augsburg. Beide haben viel dafür getan, dass unsere Stadt heute nachhaltiger ist als viele deutsche Städte. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass der Wert Nachhaltigkeit in Augsburg politisch fest verankert und gesellschaftlich anerkannt ist. Sie haben gemeinsam Niederlagen hingenommen und freuten sich 2013 gemeinsam über den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für die nachhaltigste deutsche Großstadt. Jetzt hört Ute Michallik nach 12 Jahren auf.

„Wenn jemand mehr als die Hälfte der langen Arbeitszeit des Augsburger Agendaprozesses (21 Jahre!) Sprecherin war und nun diese Rolle abgibt, ist das schon ein Schnitt“, sagt Norbert Stamm. Er schätzt an Ute Michallik, dass sie „zielstrebig, freundlich, neugierig, kompetent und ungeduldig“ ist. Und ist froh, dass sie auch nach dem Ausscheiden als Agendasprecherin weiter im Prozess der Lokalen Agenda 21 mitarbeiten wird.

Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass die Stadt Augsburg bis heute nicht auf Recyclingpapier umgestellt hat. Ich hoffe, dass wir in Kürze einen Stadtratsbeschluss bekommen, damit wir diesen beschämenden Zustand beenden. Wir sind die „nachhaltigste Großstadt Deutschlands“!

Norbert Stamm: Ute, hast Du einen nachhaltigen Lieblingsplatz in Augsburg?
Ute Michallik: Oh, da gibt es gleich mehrere: Meine Lieblingsplätze in Augsburg sind die Wassertürme am Roten Tor, der Annahof, der Siebentischwald mit Kuhsee und das Parkhäusl. Ich mag aber auch das Textilviertel besonders gern. Ich war früher in der Bürgerinitiative Textilviertel aktiv und wohne hier. Ich mag die Ensembles aus alter Industriearchitektur, Bächen und altem Baumbestand, die jetzt mit neuem Leben erfüllt sind. Zum TIM und zum Theater im Martini Park kann ich zu Fuß laufen. Das sind für mich tolle Plätze, die für „mein“ Augsburg stehen. Ich radele täglich durch das Viertel und kann sehen, was sich alles entwickelt hat. Beim Anblick der vielen Neubauten, die jetzt dazu kommen, weiß ich besonders zu schätzen, was an alter Substanz erhalten und entwickelt wurde.


Norbert Stamm: Du hast als Sprecherin der Lokalen Agenda 21 seit dem 23. Februar 2006, also über elf Jahre, maßgeblich an Augsburgs nachhaltiger Entwicklung mitgewirkt, zunächst mit Christoph Wessel als weiterem Agendasprecher, dann mit Susanne Thoma, zuletzt mit Thomas Hecht. Warum solange diesen Job?
Ute Michallik: Nachhaltige Entwicklung ist mir seit über 30 Jahren eine Herzensangelegenheit. Die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen, gegen den gesellschaftlichen Trend des „Immer-mehr“, ist aber so ein großes Thema – das kann man praktisch und auch psychisch nur in einem guten Team bewältigen. Und genau das finde ich in der Agenda:

Im monatlichen Agendateam gibt es immer ein Miteinander, einen lebendigen Austausch, neue Ideen und neue Akteure. Das fand ich immer inspirierend. Und das nach außen zu vertreten, hat einfach Spaß gemacht.


Norbert Stamm: Welche Themen und Projekte lagen dir besonders am Herzen?
Ute Michallik: Wie gesagt: Das Thema nachhaltige Entwicklung ist sehr komplex. Deshalb habe ich mir zwei relativ „einfache“ Projekte gesucht, bei denen jeder auf Anhieb sieht, wie er oder sie täglich zu Ressourcenschutz und Gerechtigkeit beitragen kann: Mit der „Papierwende“ werben wir für den Umstieg auf Recyclingpapier. Und mit der „Fairtradestadt“ für gerechte und ökologische Wirtschaftsbeziehungen. Bei beidem wird unmittelbar klar, wie jeder mit seinem persönlichen Konsum und Verhalten Verantwortung für eine bessere Welt übernehmen kann. Beim Fairen Handel freut es mich ganz besonders, dass die Initiative jetzt in den Schulen ankommt. Wir haben in Augsburg jetzt schon zwei Fairtrade Schulen und zwei weitere stehen in den Startlöchern. Diese Schulen verpflichten sich, die Idee des Fairen Handels zu leben und bekannt zu machen. Dabei machen alle mit: Im Lehrerzimmer gibt’s fairen Kaffee und am Schulkiosk faire Schokoriegel. Der Faire Handel ist Teil des Unterrichts und es findet jährlich eine Aktion an der ganzen Schule statt. Die Papierwende steht exemplarisch für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Da waren wir auch bei großen Organisationen, wie den Stadtwerken, der Hochschule und der Handwerkskammer erfolgreich, die mittlerweile von Frischfaser- auf Recyclingpapier umgestiegen sind.

Beim Fairen Handel freut es mich ganz besonders, dass die Initiative jetzt in den Schulen ankommt. Wir haben in Augsburg jetzt schon zwei Fairtrade Schulen und zwei weitere stehen in den Startlöchern.

Norbert Stamm: Gegen welche Mauern bist du gelaufen?
Ute Michallik: Ich vermeide gern Mauern, weil sie so viel Energie kosten und konzentriere mich lieber auf Aktionen mit Erfolgschancen. Sehr enttäuscht bin ich darüber, dass die Stadt Augsburg bis heute nicht auf Recyclingpapier umgestellt hat. Ich hoffe, dass wir in Kürze einen Stadtratsbeschluss bekommen, damit wir diesen beschämenden Zustand beenden. Wir sind die „nachhaltigste Großstadt Deutschlands“! Die andere Mauer ist der hohe Prozentsatz an Menschen in der Bevölkerung, der Wirtschaft und bei politisch Verantwortlichen, die wir einfach nicht mit unseren Themen erreichen.

Uns fehlen mehr Menschen, die erkennen, dass unser Lebensstil eine der Ursachen für den Klimawandel ist und dass wir gemeinsam daran etwas ändern können


Norbert Stamm: Die Zahl der Agendaforen  hat sich allerdings von 2006 bis heute verdreifacht, von 10 auf 29. Diese Foren sind ja das zivilgesellschaftliche Rückgrat des Nachhaltigkeitsprozesses…
Ute Michallik: …diese Erfolgsgeschichte freut mich riesig! Wir sind mittlerweile attraktiv für Menschen, die am zukunftsfähigen Augsburg mitarbeiten wollen, und neue Interessierte sagen jedes Mal: „Ich wusste gar nicht, dass es in Augsburg so einen tollen Prozess gibt!“ Mich begeistert auch immer die Lebendigkeit des Prozesses. 29 Agendaforen heißt ja nicht nur, dass neue Akteure dabei sind, sondern bedeutet auch, dass ganz neue Themen bearbeitet werden. Beispiele wie „Lebensraum Schwabencenter“, „Urban Gardening“ oder „Plastikfreies Augsburg“ zeigen die tolle Vielfalt.

Der deutsche Nachhaltigkeitspreis war für mich einer der Höhepunkte der gemeinsamen Arbeit – darüber war ich richtig glücklich. Er hat bestätigt, wie wichtig es ist, die Nachhaltigkeit auch in das Verwaltungshandeln einzubinden.

Norbert Stamm: Ein Meilenstein im Prozess war 2011 der erste Augsburger Nachhaltigkeitsbericht . Er zeigte, was in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft alles geleistet wurde. Und er war die Grundlage für die erfolgreiche Bewerbung um die Auszeichnung Augsburgs mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis als nachhaltigste deutsche Großstadt. Ich weiß noch, wie du mich bei der ersten – gescheiterten – Bewerbung 2012 getröstet hast, weil Freiburg gewonnen hat und wir „nur“ unter den ersten drei waren. 2013 hat es dann aber geklappt…

Ute Michallik: Der deutsche Nachhaltigkeitspreis war für mich einer der Höhepunkte der gemeinsamen Arbeit – darüber war ich richtig glücklich. Er hat bestätigt, wie wichtig es ist, die Nachhaltigkeit auch in das Verwaltungshandeln einzubinden. Das ist sehr mühselig und es sind viele Widerstände zu überwinden, aber ohne diese Überzeugungsarbeit wird sich nichts verändern. Der Titel hat aber auch vor Ort viel bewirkt, weil für viele Verantwortliche damit sichtbar wurde, was in Augsburg schon getan wurde und welch hohes Ansehen wir bundesweit genießen! Der Name „Augsburg“ fällt sofort bei Fachleuten, wenn es um kommunale Ansätze bei der Nachhaltigen Entwicklung geht. Damit hat die Arbeit der Lokalen Agenda 21 in Augsburg einen höheren Stellenwert bekommen. Und die ehrenamtlichen Akteure hat das natürlich sehr motiviert. Davon abgesehen, dass durch das Preisgeld auch der Lifeguide ermöglicht wurde! Wir haben jetzt ein Internetportal für nachhaltiges Leben in Augsburg und der Region.  

Norbert Stamm: Was hältst du von neuen „Zukunftsleitlinien für Augsburg“?
Ute Michallik: Mit den Zukunftsleitlinien, die vom Stadtrat mit großer Mehrheit verabschiedet wurden, haben wir jetzt einen langfristigen Kompass, an dem wir Entscheidungen überprüfen können.

Die 75 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung unserer Stadt sind eine tolle Sache. Jeder Beschluss des Augsburger Stadtrats orientiert sich an diesen Zukunftsleitlinien.

Besonders wichtig sind mir zum Beispiel im Zusammenhang mit meinen Projekten Papierwende und Fairtradestadt die Ziele „Energie- und Materialeffizienz verbessern“ und „Soziales und ökologisches Wirtschaften fördern“.
Bei den Zukunftsleitlinien war zunächst der Prozess des gemeinsamen Erarbeitens, das Ringen um Ziele und Maßnahmen, sehr wichtig. Wir hatten von März 2014 bis Juli 2015 einen lebendigen Austausch mit anderen Akteuren aus der Gesellschaft und konnten damit unser Blickfeld weiten. Ein großer Fortschritt war die Erweiterung der drei bisherigen Handlungsfelder – Ökologie, Ökonomie und Soziales – um die Kultur. Wir leben ja auf viel zu großem Fuß. Und dieser Lebensstil ist auch kulturell geprägt. Deshalb ist Kultur als viertes nachhaltiges Handlungsfeld auch so wichtig. Diese Argumentation hat nicht auf Anhieb alle überzeugt, aber nach intensiven Diskussionen schon.

Norbert Stamm: Lokale Agenda 21– das ist so ein schwieriger Begriff, den auf Anhieb niemand versteht. In Augsburg ist er in Politik und Teilen der engagierten Zivilgesellschaft und Verwaltung mittlerweile bekannt. Du hast immer davon geträumt, dass es einen schöneren, leicht verständlicheren Begriff gibt…

Ute Michallik: Bei den Zukunftsleitlinien sehen wir ja, wie komplex das Thema ist, es lässt sich einfach nicht auf ein griffiges Schlagwort reduzieren. Das läuft dem politischen Trend zur Vereinfachung völlig entgegen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder an alltäglichen Themen zu zeigen, wie alles zusammenhängt – und sei es die Abholzung des Regenwaldes für unser Toilettenpapier…

Norbert Stamm: Wie beurteilst du die Entwicklung Richtung Nachhaltigkeit in und um Augsburg in den letzten zwölf Jahren?
Es hat sich viel getan, die Vernetzung wird vor allem immer besser. Das zeigt ein Blick in das aktuelle Programm der „Wochen der Nachhaltigkeit im Wirtschaftraum Augsburg“ Hier beteiligen sich viele Akteure aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit aktuellen Themen. Das geht in die richtige Richtung.


Norbert Stamm: Was brauchen wir für die Zukunft?
Ute Michallik: Wir brauchen von allem mehr: mehr Engagierte, vor allem aus der jungen Generation, mehr politische Unterstützung, mehr Bewusstsein in der Bevölkerung, mehr Aufmerksamkeit in den Medien und natürlich mehr Geld.


Norbert Stamm: Wie geht es für dich jetzt weiter?
Ute Michallik: Als ehrenamtliche Geschäftsführerin des Augsburger Weltladens steht für mich im Moment dessen Zukunftsfähigkeit im Vordergrund. Der Faire Handel mit seiner ehrenamtlichen Struktur steht auch in Augsburg vor großen Herausforderungen, für die wir ganz aktuell Lösungen finden müssen. Wenn wir hier einen Schritt weiter sind, kann ich wieder mehr für die Lokale Agenda 21 tun. Für die familiäre Zukunftsfähigkeit sorgen meine Kinder mit den Enkelkindern. Wenn es zeitlich geht, möchte ich hier großmütterliche Unterstützung bieten.


Norbert Stamm: Schön, dass du weiter dabei bist – auch wenn es zeitlich für dich gerade schwierig ist. Es muss ja weitergehen. Es gibt noch so viel zu tun.

 

 

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Dr. Norbert Stamm, Leiter des Büros für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Foto Regine Laas
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Über den Autor

Dr. Norbert Stamm

Mitarbeit schon beim alten "Lifeguide Augsburg". Leitet das Büro für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Ausbildung als Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Afrika, zusätzlich Studium Christlicher Sozialwissenschaft. Ehrenamtlich Mitvorstand des Eine Welt Netzwerks Bayern e.V. Verschiedene Veröffentlichungen, darunter "Augsburg Afrika. Ein Buch über Beziehungen" (1996) und "Rendite plus - Möglichkeiten sozialverantwortlicher Geldanlage" (2000). Mitherausgeber von "Kommunen und Eine Welt" (3. Auflage 2014), "Entwicklungspolitik in Bayern - Analysen und Perspektiven" (8. Auflage 2015) sowie "Runder Tisch Bayern: Sozial- und Umweltstandards bei Unternehmen" (jährlich seit 2007).

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