Vier Jahre Lokalhelden

Interview mit Mona Ridder

Mona Ridder sitzt auf „ihrer“ Bank im hintersten Eck der Lokalhelden, beantwortet freundlich und konzentriert alle Fragen und entscheidet wie nebenbei, wann die Sammelbestellung an den Gemüsehändler rausgeht und wie der anwesende Handwerker irgendwelche Reparaturen ausführen soll. Bei ihr wirkt „arbeiten“ unangestrengt, entspannt und als ob sie zu Hause wäre. Stimmt ja auch irgendwie.

Denn seit vier Jahren betreibt Mona Ridder die Lokalhelden im Bismarckviertel – einen Laden und ein Lokal, in dem ökologisch angebaute, vegetarische und regionale Produkte und Gerichte angeboten werden. Anfangs waren sie zu zweit. Katharina Scharnowski ist immer noch dabei, geht aber inzwischen ihrem Beruf als Sozialpädagogin nach und hilft nur ab und zu aus.

Auch Mona Ridder könnte längst als Diplompädagogin arbeiten, denn das hat sie in Augsburg studiert. Stattdessen entschied sie sich, in der „Gastro“ zu bleiben. Ihr Studentenjob im Café Viktor hatte ihr einfach zu gut gefallen. Nach ihrem Studium erlernt sie in einem 15-monatigen Schnelldurchlauf den Beruf der Köchin, gründet im August 2013 die Lokalhelden und ist heute Chefin von 10 Angestellten und Ausbilderin eines Koches.

 

Name: Mona Ridder

Alter: 34

Geboren in: Hamburg

Lebt in: Augsburg

Lieblingsort: Siebentischwald und natürlich Bismarckviertel

Ich finde es so schön, zu wissen, woher das, was ich auf dem Teller habe, kommt. Wir haben einen Bezug zu unseren Produkten, einen Bezug zu unserer Lebensgrundlage. Das macht richtig Spaß, so zu arbeiten, das ist nicht so anonym, ganz anders als auf dem Großmarkt. Wir treffen regelmäßig unsere Lieferanten und besprechen mit denen, was es in den verschiedenen Jahreszeiten gibt. Das hat alles ein Gesicht.

Lifeguide: Was hast du als Kind am liebsten gegessen?

Mona Ridder: Ich war schon immer ein großer Spinatfan – es gibt Babybilder von mir, wie ich mit grün verschmiertem Mund meinen Brei völlig begeistert löffele und das hat eigentlich nie aufgehört. Als Kind waren Spinat, Spiegeleier und Kartoffeln eines meiner Lieblingsessen. Ich mache das auch jetzt noch manchmal, wenn es schnell gehen soll.

Dann war eine „Gemüseaffinität“ schon immer vorhanden?

Ja, als ich vor 10 Jahren Vegetarierin geworden bin, hat meine Mutter gesagt, eigentlich wundert sie sich, dass das jetzt erst passiert. Ich mochte noch nie so gern Fleisch. Braten hätte ich nicht runtergekriegt oder einen ganzen Fisch, wo der Kopf noch dranhängt. Also wenn Fleisch oder Fisch, dann als Frikadelle oder Fischstäbchen, möglichst in ganz kleine Würfel geschnitten. Wir waren einmal in der Woche bei meinen Großeltern essen, da wurde immer ein bisschen böse geguckt, wenn ich meinen fetten Speck aus den leckeren Nudeln gefischt habe.

Früher war ich also ein bisschen „krüsch“, wie man in Hamburg sagt, also „heikel“, aber nur in Bezug auf Fleisch. Das gibt es jetzt nicht mehr. Ich sage, ich bin Vegetarierin und dann kann man mir eigentlich alles hinstellen, ich mag alles.

Du hast einmal gesagt, „Nicht wir sind die Helden, sondern unser Obst und Gemüse sind die Helden.“ In einem anderen Leben: Was wärst Du gern für ein Obst oder Gemüse?

Irgendetwas Saftiges, vielleicht, rote Beete, oder Karotte… Ich stelle mir das Leben als Gemüse allerdings etwas kurz vor, deshalb wäre ich eigentlich nicht so gern ein Gemüse. Bei der Lebensmittelverschwendung, die wir haben, würde man dann vielleicht sogar auf den Müll geworfen und das wäre ja noch trauriger.

Mit den Lokalhelden - Wie fing alles an?

Kathi und ich hatten bei „Unser Land“ für eine Saison einen Sonnenacker gepachtet, einen Bifang. Das ist ein 50 Meter langer, schmaler Streifen Acker. Wir waren totale Laien im  Gemüseanbau und haben vor allem Bio-Saatgut von alten oder besonderen Sorten ausprobiert. Und wir waren dann völlig baff, was wir im ersten Jahr schon alles ernten konnten. Außerdem hat es total lecker geschmeckt und war so viel, dass wir gar nicht wussten, wie wir alles verarbeiten sollten. Vor allem aber hat uns begeistert, dass wir leckere Gemüsesorten hatten, die wir im Supermarkt nicht so einfach bekamen.

Du stehst ja sogar im Sommer vor dem Supermarktregal und denkst: Nichts spricht mich hier richtig an. Es ist immer das Gleiche: Paprika, Zuccini, Möhren, Auberginen und Kartoffeln. Die auch zum Teil von sonst woher kommen. So was wie Mangold sieht man eigentlich total selten.

Und da kam uns die Idee: Wenn wir das können, muss es ja auch Bauern geben, die das können.Wir hatten erst einmal an einen Laden gedacht, in dem wir Gemüse und Obst aus der Region verkaufen wollten und vielleicht in einer kleinen Ecke ein, zwei Suppen servieren. Als wir dann dieses Lokal fanden, mit einer voll ausgestatteten Küche, war klar: Das wird eine viel größere Sache. Wir haben dann unser Doppelkonzept entwickelt.

Das Konzept war anfangs so, dass einer in der Küche schnippelt und mal schnell nach vorn in den Laden geht, wenn jemand zum Einkaufen kommt und mittags ist man dann für zwei, drei Stunden zu zweit und gibt das Essen raus. Denn nachmittags ist die Küche ja schon zu und dann muss nur noch ein Verkäufer vorne stehen. Wir wollten das mit anderthalb Stellen stemmen. Zwei Tage, nachdem wir eröffnet hatten war klar, dass das total utopisch war, dass das nicht klappt.

Die ersten Monate waren schon krass, da hatten wir immer 13-Stunden-Schichten und abends oder am Sonntag noch das Organisatorische, Mails beantworten, Interviews geben, Buchhaltung, Bestellwesen. Damals haben wir allerdings um 19.00 Uhr geschlossen.

Schon nach einem halben Jahr haben wir die Öffnungszeiten erweitert, weil wir meistens mittags schon ausverkauft waren und am Nachmittag dann reihenweise Gäste mit langen Gesichtern hatten.

Wir haben dann das Zwei-Schichten-System eingeführt und jetzt ist es schon ganz schön, dass wir zu mehreren sind.

Wie sieht Deine Bilanz nach vier Jahren aus?

Ich finde immer noch, dass das Konzept toll ist. Ich merke aber jetzt erst, wie viel wir uns von Anfang an zugemutet haben. Wie umfangreich dieses Doppelkonzept ist. Als völliger Neueinsteiger im Bereich Selbstständigkeit einen Laden und ein Lokal zu managen …

So ein Laden macht ja auch verdammt viel Arbeit. Wir haben zwar wunderschöne Räumlichkeiten, die sind aber nicht so superpraktisch. Wir müssen zum Beispiel mit unseren Sackkarren ums Haus herumfahren, um in unseren Kühlkeller zu kommen. Das machen wir zwei Mal am Tag: Wir bringen jeden Morgen und jeden Abend die frische Ware in unseren Keller. Das ist viel körperliche Arbeit. Manchmal kommen Studenten und denken: Och, das ist doch so ein netter Laden, hier will ich arbeiten. Aber sie haben sich das dann doch ein bisschen einfacher vorgestellt…

Jetzt mal etwas Selbstlob: Was ist Tolle an den Lokalhelden?

Das Tolle ist, dass es genauso aufgeht, wie wir uns das gewünscht haben. Dass die regionalen Produkte angenommen werden.

Ich finde es so schön, zu wissen, woher das, was ich auf dem Teller habe, kommt. Wir haben einen Bezug zu unseren Produkten, einen Bezug zu unserer Lebensgrundlage. Das macht richtig Spaß, so zu arbeiten, das ist nicht so anonym, ganz anders als auf dem Großmarkt. Wir treffen regelmäßig unsere Lieferanten und besprechen mit denen, was es in den verschiedenen Jahreszeiten gibt. Oder wir bestellen persönlich am Telefon und so. Das hat alles ein Gesicht.

Und in unserem Laden und Restaurant haben wir kaum Lebensmittelabfälle, weil wir Ware aus dem Laden rechtzeitig weiterverarbeiten können. Zum Beispiel Gemüse, was vielleicht nicht mehr so gut aussieht und nicht gekauft wird, was aber noch wunderbar zu Püree oder Suppe verarbeitet werden kann.

Wir bekommen hier aus dem Viertel auch sehr viel positives Feedback: „Es ist super, dass es Euch gibt, wir wollen, dass Ihr nie mehr weggeht, wir wollen mit Euch alt werden“, so ungefähr… Wir haben natürlich auch sehr viele Stammkunden und Stammgäste. Manchmal wäre es allerdings toll, wenn noch mehr Menschen aus ganz Augsburg und Umgebung den Weg zu uns finden würden. Wir passen zwar total gut ins Bismarckviertel und wollen hier auch gar nicht weg, aber man hat natürlich nicht die gleiche Menge Laufkundschaft wie in der Innenstadt.

Wären dann die „Lokalhelden 2“ am Moritzplatz eine Option?

Nein. Wenn, dann will ich lieber wieder neue Projekte mache, also nicht den Abklatsch einer alten Idee. Ich bin ein eher ehrgeiziger Mensch und mich motiviert es immer wieder, mir neue Ziele zu stecken und diese dann auch zu erreichen.

Überträgst Du deine berufliche Überzeugung auch auf andere Bereiche?

Ja. Wir verwenden bei den Lokalhelden und auch privat natürlich Ökostrom und Ökogas, außerdem Bio-Putzmittel und beim Verkauf möglichst wenig Plastik.

Und wie verreist Du?

Ich bin jetzt tatsächlich nach acht Jahren wieder mal geflogen, als ich ganz dringend nur für ein Wochenende nach London musste. Die Zugfahrt dauerte einfach zu lange und war sehr teuer. Aber ansonsten finde ich es auch ganz toll, regionalen Urlaub zu machen.

Ich habe schon oft in Deutschland Urlaub gemacht und ich mag das echt gern.

Das lange Reisen kann ja auch stressig sein: Wenn ich mir nur 14 Tage Jahresurlaub freischaufeln kann, bin ich ganz froh, wenn ich einfach nur um unsere Seen herum Fahrrad fahren kann und nicht bis Neuseeland muss. Also diesen Sommer wollen wir am Bodensee Radfahren. Um anderen einen preiswerten Urlaub zu ermöglichen, finde ich auch einen Wohnungstausch interessant - wenn wir im Urlaub sind bieten wir unsere Wohnung deshalb manchmal Freunden an.

Du kommst ja aus Hamburg, also von der Waterkant … was ist toll an Augsburg?

Augsburg ist eine Großstadt, die sich oft genug wie ein Dorf anfühlt.

Hier kennt sich jeder zweite, ich kenne im Bismarckviertel natürlich noch mehr Menschen, weil die Lokalhelden schon eine Institution geworden sind. Manchmal geht man fünf Minuten nach Hause und trifft zehn Leute.  Das ist richtig nett. Außerdem habe ich hier alles: Ich bin mit den Fahrrad in fünf Minuten in der Innenstadt und in fünf Minuten im Wald. Augsburg ist mir total ans Herz gewachsen. Als ich 2002 zum Studieren hergekommen bin, hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jetzt immer noch da bin.

Wenn Du Bürgermeisterin von Augsburg wärst, was würdest Du dann machen?

Oh, gar nicht so einfach, was darf man denn als Bürgermeisterin entscheiden?

Eine autofreie Innenstadt fände ich super und freie Benutzung des ÖPNV für alle. Mehr bezahlbaren Wohnraum, Förderung kultureller Events - auch abseits des Massengeschmacks. Ich würde die Sperrstunde abschaffen und Biergartenöffnungszeiten auf 24 Uhr verlängern. Super wäre auch mehr Unterstützung der regionalen Landwirtschaft und überhaupt regionaler Wirtschaftskreisläufe.

Wenn Du die Möglichkeit hättest: Was würdest Du gern ändern, in dieser Welt?

Wenn man sich das Weltgeschehen im Moment so anschaut, dann würde man gerne Vieles ändern.

Es gibt so viele Themen, die mir nicht einleuchten, die ich nicht verstehe: Warum sind so viele Menschen so gierig nach Macht und nach Geld? Warum ist es so vielen Leuten egal, dass wir unseren Planeten Tag für Tag mit unserer Lebensweise zerstören? Warum ist Trump Präsident? Warum wird an vielen Orten gehungert, während wir tonnenweise Essen auf den Müll schmeißen. Warum sterben Fabrikarbeiter*innen in fernen Ländern, während sie Billigkleidung für uns nähen. Warum verenden Wale mit 20 Plastiktüten im Bauch? Warum dieses ganze Elend, wenn wir doch eigentlich längst besser wissen, wie es geht?

Es ist vielleicht hart, das zu sagen, aber man möchte die Menschen ändern. Man möchte die Gedanken und Einstellungen der Menschen ändern, man möchte ihnen so gern Werte vermitteln, ohne dogmatisch zu sein. So, dass es gar nicht nötig sein muss Verbote, Gesetze, Restriktionen zu schaffen.

In Bezug auf die Flüchtlingsfrage zum Beispiel kann ich bis zu einem gewissen Grad die Ängste der Mitmenschen verstehen, aber die Meinung muss doch überwiegen, dass man niemanden zurück in Kriegsgebiete schicken kann, dass man den Menschen nicht verwehren kann, hierherkommen zu  wollen und in einem Land leben zu wollen, in dem es keinen Krieg und einen ganz guten Wohlstand gibt. Es klingt immer so lapidar… was wünscht man sich am meisten? … aber ich wünsche mir tatsächlich mehr Frieden und ein entspanntes Zusammenleben auf der Welt.   

 

 

Mona Ridder. Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Im Lokal der Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Im Lokal der Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Im Lokal der Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Im Lokal der Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Mona Ridder. Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Bei den Lokalhelden in Augsburg gibt es regionales, saisonales Gemüse. Foto: Cynthia Matuszewski
Mona Ridder. Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Bei den Lokalhelden in Augsburg gibt es regionales, saisonales Gemüse. Foto: Cynthia Matuszewski

Lokalhelden

regional fair lecker

Lokalhelden
Bismarckstraße 10
86159 Augsburg

Mona Ridder und Katharina Scharnowski sind die Lokalheldinnen Augsburgs.

Mona Ridder. Lokalhelden in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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