Wagen hält? Nein, Wagen fährt...

Eine Bestandsaufnahme des aktuellen und künftigen Augsburger Nahverkehrs

Mobil und am besten noch flexibel sein. In der Menschheitsgeschichte war es nie wichtiger, genau diese beiden Eigenschaften erfüllen zu können. Was macht eigentlich Augsburg in Sachen öffentlichen Nahverkehr? Komme ich schnell von A nach B und kann ich meine Termine pünktlich erreichen? Eine Bestandsaufnahme.


179 Fahrzeuge, 24 Linien

Fünf Straßenbahnlinien und 19 Buslinien bilden zusammen das Rückgrat des Nahverkehrs in Augsburg und werden von 86 Straßenbahnen, sowie 93 Erdgas-Bussen bedient. Die Staßenbahnen fahren zu 100 Prozent mit Öko-Strom, die Busse zu 100 Prozent mit Bio-Erdgas.

Die Hauptlast des Augsburger Nahverkehrs wird von den Straßenbahnlinien geschultert. Sie verbinden das Stadtzentrum sternförmig mit den größten Stadtteilen. Der Königsplatz ist derzeit wichtigster Umsteigebahnhof in alle Richtungen. Die vielen Buslinien in Augsburg verbinden die kleineren Stadtteile mit dem Stadtzentrum oder sorgen für Anbindung an das Straßenbahnnetz. Genutzt wird der hiesige Nahverkehr von über 120.000 Augsburger*innen pro Tag, jährlich sind es mehr als 60 Milliione Fahrgäste.

Neben dem öffentlichen Verkehr bieten die Stadtwerke Augsburg (swa) für den individuellen Verkehr auch Carsharing an. Von der swa stehen über 100 Autos an rund 50 Standorten bereit. Die Initiative BeiAnrufAuto hat 30 Fahrzeuge in ihrem Fuhrpark. Auch ein Leihrad ist in Augsburg leicht zu finden: In Augsburg stehen 175 Fahrräder an über 30 Standorten bereit. Hier kooperieren die Stadtwerke mit „NextBike“, einem Leipziger Start Up-Unternehmen. Eine Übersicht über die Leihstationen für PKWs finden Sie hier und für Räder hier.

 

Service in Tram, Bus und an Haltestellen

Vieles erscheint den Augsburger*innen als Selbstverständlichkeit, ist aber im nationalen Vergleich eine Besonderheit.

  • So bieten seit 2016 alle Busse und Straßenbahnen der swa einen Zugang zum kostenlosen WLAN an. 2017 gab es bereits 9.500 tägliche Zugriffe auf dieses Angebot. Einen Service, den nicht einmal die Deutsche Bahn allen Regionalzügen umgesetzt hat.
  • Jede Straßenbahnhaltestelle ist mit einer Anzeige für die nächsten Abfahrten ausgestattet, das betrifft inzwischen auch viele Bushaltestellen. In anderen Städten bekommen diese Ausstattung oft nur stärker oder höchst frequentierte Haltestellen.
  • Seit 2015 blinkt das Haltestellendreieck in den Abendstunden grün, um auf die gesicherten Anschlussfahrzeuge hinzuweisen.
  • Alle ab 2009 angeschafften, neueren Mercedes-Busse und Straßenbahnen haben Bildschirme, die auf Verbindungen an den Haltestellen hinweisen und in Zukunft auch Schlagzeilen der Augsburger Allgemeinen-Zeitung anzeigen. Aktuell werden alle älteren Straßenbahnen gleichfalls mit solchen Bildschirmen nachgerüstet.
  • Viele Fahrzeuge sind, ebenso wie die meisten Haltestellen, barrierefrei ausgebaut und ermöglichen einen nahezu ebenerdigen Ein-und Ausstieg. So wurden konsequent alte Straßenbahnen mit hohem Einstieg aus dem Verkehr gezogen und durch neue Trambahnen ersetzt. Diese neuen, teilweise 42 Meter langen Straßenbahnzüge sind die längsten Tram-Bahnen, die jemals in Augsburg eingesetzt wurden. Die alten Bahnen werden nur noch zur Hauptverkehrszeit eingesetzt. Im Januar 2019 wurde bekannt, dass die Stadtwerke bis zu 27 neue Trambahnen für zusätzliche Strecken und als Ersatz für ältere Wagen kaufen wird. Hierfür erhielt sie einen Förderbescheid der Bayerischen Staatsregierung über fünf Fahrzeuge.
  • Viele Straßenbahnlinien fahren direkt mehrere Park and Ride-Parkplätze im Stadtgebiet an um Autofahrer*innen einen Umstieg auf den öffentlichen Stadtverkehr zu ermöglichen.

 

Die Mobilitätsdrehscheibe

Eines der umfangreichsten Verkehrsprojekte in Augsburg ist die Mobilitätsdrehscheibe. Ziel des 2007 initiierten Projekts ist zum einen der Ausbau und die Verbesserung des Straßenbahnnetzes, zum anderen die optimale Verknüpfung von Fernverkehr und Nahverkehr. Ein Zentrum des Umbaus ist somit der Hauptbahnhof Augsburg. Als eines der ersten für den Nahverkehr relevanten Projekte ging 2010 die neue Straßenbahnlinie 6 in Betrieb und verbindet seither Hauptbahnhof, Rotes Tor, Textilviertel und Hochzoll. Außerdem sichert die Linie 6 den Anschluss per Bus nach Friedberg.

Als nächstes Projekt wurde das Herzstück von Augsburgs Nahverkehr in Angriff genommen: Der Königsplatz. An diesem Verkehrsknotenpunkt treffen Straßenbahnen, Busse, Fußgänger*innen, Fahrradfahrer*innen und Autoverkehr aufeinander. Bis 2013 war das ein Problem, das regelmäßig zu Staus führte. Nach mehrjähriger Bauzeit eröffnete 2013 das neue Gleisdreieck. Der Autoverkehr wird nun an dem futuristischen Neubau in der Mitte des Platzes, wo Busse und Trams halten, vorbeigeleitet. Der Kö selbst ist autofrei und ein weitläufiger Bereich mit alten Bäumen und Springbrunnen bietet den Fußgänger*innen Platz für Erholung.

 

Spätestens ab 2022 wird im Tunnelgeschoss umgestiegen

Die Untertunnelung des Hauptbahnhofes ist ein weiterer Teil des Projekts Mobilitätsdrehscheibe, das gemeinsam von den swa, der Stadt Augsburg und der deutschen Bahn realisiert wird. Unter dem Bahnhof entsteht derzeit die erste unterirdische Straßenbahnstation Augsburgs. Bis zum Jahr 2022 sollen hier alle Fahrgäste bequem vom Fernverkehr-Zug in die Nahverkehrs-Tram umsteigen. Im Dezember 2018 war mit dem Bahnsteig F und den Gleisen 10 und 12 ein wichtiges Teilziel erreicht.

Auch eine unterirdische Tunnelschleife für das Wendemanöver der Tramlinie 4 zurück in Richtung Oberhausen Nord ist geplant. Die Linie 6, die bisher am Hauptbahnhof wendet um nach Hochzoll zu fahren, wird am Hauptbahnhof künftig zur Linie 5. Diese neue Linie 5 soll sogar noch vor dem untertunnelten Hauptbahnhof fertig sein und dann die Innenstadt direkt mit dem Universitäts-Klinikum verbinden. Von der neuen Linie profitiert nicht nur das Klinikum und der künftige Medizin-Campus der Universität, sondern auch der südliche Teil Kriegshabers.

 

Eine Straßenbahn bis nach Königsbrunn

Die Idee Königsbrunn mit Augsburg per „Localbahn“ zu verbinden ist schon über 100 Jahre alt – demnächst könnte sie jedoch realisiert werden. Eine Verlängerung der Linie 3 in Richtung Königsbrunn wurde 2018 beschlossen und befindet sich aktuell noch bei der Prüfung durch die Regierung von Schwaben. Wenn alles gut läuft, soll die Linie 3 bereits Ende 2019, spätestens jedoch bis 2022 fahren. Dann dauert eine Fahrt zum Kö 30 Minuten und hat acht neue Haltestellen: Haunstetten West, Naturfreibad Haunstetten, Brahmsstraße, Bereitschaftspolizei, Guldenstraße, Brunnenzentrum, Mindelheimer Straße und schließlich Königsbrunn Zentrum.

 

Deutschlandweit die erste Stadt mit kostenloser City-Zone

Mitte Februar 2018 schlug die damalig geschäftsführende Bundesregierung in einem internen Papier der EU-Kommission einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr in Deutschland vor. Dieser soll die erhöhten Stickstoffdioxidwerte in den deutschen Innenstädten nachhaltig senken. Die Bundesregierung wollte in drei Modellstädten zunächst einen kostenfreien Nahverkehr testen. Jürgen Fergg, Pressesprecher der SWA, sagte damals im Interview mit der stadtzeitung Augsburg: „Wir würden es sehr begrüßen, wenn Augsburg und die Region eine der jetzt angedachten Modellstädte werden würde.“ Dazu kam es nicht. Also preschten die swa und Stadt Augsburg allein vor und beschlossen die „City-Zone“. Augsburg ist damit deutschlandweit die erste Stadt, die in der Innenstadt einen Gratis-Nahverkehr anbieten möchte. Voraussichtlich Ende 2019 sollen die ersten Fahrgäste ganz ohne Ticket mit Straßenbahn und Bus durch die Innenstadt kommen. Die unten abgebildeten Stationen können dann gratis genutzt werden.

 

Aber manchmal sieht man die positiven Seiten vor lauter Bussen und Tram-Bahnen nicht und ärgert sich über die zweiminütige Verspätung einer Straßenbahn, die einen fünfminuten-Takt fährt. Ein Tram-Takt von fünf Minuten - das ist keine Grundversorgung, sondern absoluter Luxus in einer Stadt wie Augsburg und stellt das Maximum dar, was gefahren werden kann. Während man also auf die Tram wartet und vielleicht sogar langsam kalte Füße bekommt, kann man sich vielleicht ein besonders schönes Extra in Augsburg vor Augen führen: Die Christkindl-Tram, die in der Vorweihnachtszeit durch die Stadt rollt. Hier werden Weihnachtslieder gesungen und Christbaumkugeln hängen von der Decke. Die Christkindl-Tram ist die liebenswerte, umweltfreundliche Augsburger Antwort auf den bekannten Dieseltruck einer großen Getränkefirma. Hier gilt: Schiene sticht Diesel. Und die Tatsache, dass der Schienenverkehr umwelttechnisch den Dieselverkehr aussticht, gilt ja das ganze Jahr über!

Die Linienfahrpläne

Kontrovers diskutiert: Die neuen Tarife vom 1.1.2018

 

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Christkindl-Tram, Stadtwerke Augsburg, ÖPNV, Ökostrom,  Fotos: swa/Caroline Reili
Mobilitätsdrehscheibe, Augsburg, Tunnel Ost, Hauptbahnhof Augsburg, HBF Augsburg, Foto: Stadtwerke Augsburg, swa
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Über den Autor

Stefan Heller

Der gebürtige Thüringer mit Station und Abitur in Niedersachsen studiert seit 2015 Geographie an der Universität Augsburg und hat seither Augsburg stolz als Heimat verinnerlicht. Verkehr und insbesondere der Öffentlicher Verkehr sind sein persönliches Herzensthema. In seiner Freizeit ist er auch gern mit Rucksack im Ausland anzutreffen um neue Kulturen kennenzulernen.

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Kommentare

Gast

Dieser Artikel bleuchtet die SWA leider nur einseitig. Ich hätte mir lieber einen besser recherchierten Artikel gewünscht, der auch auf die Schwächen des Ausbaus und der Strategie der SWA eingeht.

* Die Preisumstellung von 2018 war keine Vereinfachung des komplizierten Tarifsystems (Einzige nennenswerte Aussage der SWA), sondern eine Preiserhöhung von 200% für die meisten Tramfahrer*innen. Und dieses Jahr wurde der Preis erneut erhöht.
* Die City Zone ist ein Witz, das ist ein absoluter Randfall, dass man vom Rathhausplatz and den Königsplatz mit der Tram fährt.
* Das System, das alle Trams am Kö warten funktioniert nur in der Theorie und bei reduzierter Taktung (So und Feiertage). Für manche Linien verpasst man fast immer den Anschluss.
* Der Umbau am Hauptbahnhof verbessert für die meisten Menschen gar nichts. Es ist zwar nett vom Zug direkt in die Tram zu steigen. Aber das Geld hätte man auch andersweitig verwenden können.

Bitte lieber Lifeguide, redet euch die öffentliche Verkehrsmittel nicht schön. Die SWA hat (fast) Monopolstellung und einen profitorientierten Charakter. Öffentliche Verkehrsmittel gehörten nicht private Hand, das wird nicht funktionieren.

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