Wir müssen mal raus aus unseren Autos!

Entschleunigen: Mit der Fahrradrikscha durch Augsburg

Seit 2013 gibt es in Augsburg die Fahrradrikschas von Biotaxi: Inzwischen fahren drei dieser überdimensionierten Plastikeier durch die Stadt und bieten im Wohlfühltempo individuelle Stadtrundfahrten oder Picknick-Touren ins Grüne an. In die Pedale treten Gründer Christoph Mießl und fünf freie Fahrer. Sie kommen auch zu Stadtfesten, Geburtstagen oder Hochzeiten. Wer sich  selbst sportlich betätigen will, kann die Rikschas tageweise mieten. Seit neuestem bietet Christoph Mießl außerdem Stadtrundfahrten auf dem E-Bike an. http://bio-taxi-augsburg.de/

Zwei Passagiere haben Platz in der dreirädrigen Rikscha und können im entspannten Radlertempo den Trubel der Stadt an sich vorbeiziehen lassen oder einen Ausflug ins Grüne unternehmen. „Der Wohlfühlfaktor in Rikschas ist wirklich groß - man ist an der frischen Luft und ganz im Gegensatz zum Auto hat man sofort Kontakt zu anderen Menschen auf der Straße. Außerdem fühlt man sich wie ein König“, schwärmt Christoph Mießl. Und in der Tat: Es ist entspannend, erheiternd und sehr fern von unserer schnelllebigen Zeit, in ein überdimensioniertes Plastikei zu klettern und sich mit Hilfe fremder Muskelkraft von A nach B kutschieren zu lassen. Rikschafahren hat wirklich etwas Königliches und man ist geneigt, den Passanten hoheitsvoll zuzuwinken! „Wir werden von einem Elektroantrieb unterstützt“, beruhigt Christoph Mießl alle, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie einen Radler strampeln lassen.

Wenn man Fahrrad fährt ist man in allen Lebensbereichen bewusster unterwegs.

Für Christoph Mießl war Radfahren schon immer seine große Leidenschaft. „Wenn man Fahrrad fährt ist man in allen Lebensbereichen bewusster unterwegs.“, sagt er. Schon als Schüler kurvt er mit dem Mountainbike durch das Trinkwasserreservoir von Leitershofen. „Das war toll, auf den schmalen Wegen durch den Wald zu radeln. Ich war ständig unterwegs. Ich hatte unheimlich viel Spaß“, erinnert sich der 30-Jährige. Mit 18 hat er bereits sein drittes Rad. Aber an eine berufliche Perspektive in diesem Bereich denkt er nach der Schule noch nicht. Er macht erst einmal eine Ausbildung zum Industrieelektroniker und studiert anschließend Informatik. „Ich war vier Jahre als IT-Techniker beschäftigt - nur Maschinen, nur Technik, nur Geldverdienen“, erinnert er sich. Dann merkt Mießl, dass ihm auf Dauer etwas fehlt: „Ich will in meinem Leben mehr als arbeiten, essen und schlafen“, beschließt er und besinnt sich auf das, was ihm immer schon gut getan hat: Fahrradfahren und an Rädern schrauben. Nachdem er an jedem freien Tag als Fahrradkurier auf Augsburgs Straßen unterwegs war, initiiert er im Mai 2011 mit anderen Fahrradbegeisterten die Bikekitchen in Augsburg. Das Vorbild für diese Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt  kommt aus San Francisco. Mießl  schraubt, recycelt und repariert seitdem mehrmals in der Woche. Nach der Werkstattarbeit  wird gemeinsam gekocht und gegessen. http://www.bikekitchen-augsburg.de/

Die Menschen sollten sich die Städte wieder zurückerobern: Das Leben kann doch viel mehr auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen stattfinden

Der Schritt zum eigenen Biotaxi-Unternehmen war dann nicht mehr so groß. Inzwischen ist Radfahren nicht mehr nur Hobby und Leidenschaft für Christoph Mießl, sondern seine Lebensphilosophie. Deshalb spielt auch der ökologische Gedanke eine zentrale Rolle in seinem Unternehmen. „Das Biotaxi ist ein ja ökologisches Fortbewegungsmittel, wir setzten auf Muskelkraft und erneuerbare Energien. Auch unser Büro wird mit 100% erneuerbaren Energien betrieben und natürlich werden alle Rechnungen, Briefe und Flyer auf Papier mit dem blauen Engel gedruckt. Für den Verkehr in Augsburg wünsche ich mir, dass der Anteil des Fahrradverkehrs sich auf 20-30 % erhöht und dass das Biotaxi Teil der Mobilitätskette in unserer Innenstadt wird“, sagt Mießl. Wichtig ist ihm auch die Re-Humanisierung des Stadtraumes. „Damit meine ich, dass die Menschen sich die Städte wieder zurückerobern sollten: Das Leben kann doch viel mehr auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen stattfinden – wir müssen mal raus aus unseren Autos!“

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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