Wo Nachhaltigkeit in jeder Wandpanele steckt

Ein Gastbeitrag von Jana Tallevi

Schulbauten können mehr. Das zeigt das Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf. Dort wird mit Körperwärme geheizt. Der Bau ist inzwischen mehrfach ausgezeichnet.

Kann es das geben, eine Schule, die mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht, ein Plus-Energie-Schulbau also? Ja, kann es. Das Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf ist so ein Gebäude. Nachhaltigkeit ist hier der Gedanke, dem die gesamte Planung zugrunde liegt. Einzigartig ist zudem, das hier vom Bauherrn, dem Landkreis Augsburg, integral geplant wurde: Ausgehend von der Pädagogik entstand die passende Schule.

 

Eine Schule, "maßgeschneidert" für ihr pädagogisches Konzept

Hier sollte alles stimmig sein, hatte sich das Team aus Architekten, Ingenieuren, Handwerkern und Pädagogen vorgenommen. Und so ist die Schule gleichzeitig Forschungsobjekt: Die Geräuschdämmung der Decken beispielsweise wurde eigens für das Gebäude entwickelt. Sollte sie sich bewähren, kann sie auch anderswo verwendet werden. 470 Werkstoffe hat Architekt Holger König auf ihre Umweltverträglichkeit hin beurteilt, nicht alle wurden genommen. Durch die Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt die Schule, auf eine Bestandszeit von 50 Jahren gerechnet, mehr Energie, als sie vom Baubeginn über die gesamte Lebensdauer einschließlich Abriss verbraucht - ein Weg für die Zukunft, sind die Architekten und Projektleiter Florian Nagler (München) Hermann Kaufmann (Vorarlberg) überzeugt. Sie haben mitten im Schmuttertal einen Holz-Gebäudekomplex geschaffen, der mit seinen vier Teilen in grauer Lasur unaufgeregt daher kommt und sich fast wie ein Ensemble aus traditionellen landwirtschaftlichen Bauten in die Umgebung einpasst. Und einer, der inzwischen anerkannt und mit vielen Auszeichnungen, wie dem deutschen Nachhaltigkeitspreis, belohnt worden ist.
 

Schüler und Lehrer gehen gerne in ihre neue Schule

Das Ziel des gesamten Teams: Am Ende sollen sich hier alle wohlfühlen, die täglich in die Schule gehen, Schüler und Lehrer ganz besonders. Auch deren Befindlichkeiten werden wissenschaftlich überwacht: Über mehrere Jahre hinweg befragten Mitarbeiter des Lehrstuhls für Psychologie der Universität Augsburg Schüler und Lehrer unter anderem nach ihrer Motivation und ihrer (Berufs-)Zufriedenheit und verglichen die Ergebnisse vor dem Einzug im September 2015 mit jenen danach. Die komplette Auswertung liegt noch nicht vor, Schulleiter Günter Manhardt verrät jedoch, dass der Schein nicht trügt: Schüler und Lehrer gehen gerne in ihre neue Schule.

Und so hatte es angefangen: Die Gymnasien in der Region Augsburg waren vor allem in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends völlig überlastet. Eine weitere Schule im Landkreis sollte für Entlastung sorgen. Im Jahr 2008 fiel die Entscheidung im Kreistag für Diedorf. Das spätere Schmuttertal-Gymnasium sollte vor allem die Schulen in der Stadt Augsburg entlasten - und mehr Kindern aus dem Landkreis eine Ausbildung auf dem Gymnasium ermöglichen. Jede Jahrgangsstufe kann heute vier Klassen aufnehmen, insgesamt sind das am Ende knapp 1000 Schüler.

Zunächst in Container startete der Unterricht im Jahr 2010 mit zwei fünften Klassen. Währenddessen wurde im Hintergrund gearbeitet. Nach zweijähriger integraler Planung eines Teams aus Architekten, Ingenieuren und anderen Beteiligten begann der Bau im September 2013, seit September 2015 wird dort unterrichtet. Insgesamt hat die Schule gut 40 Millionen Euro gekostet, gefördert mit zwölf Millionen Euro von der Regierung von Schwaben nach denselben Vorgaben wie alle staatlichen Schulen. Zudem hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt mehr als eine Million Euro gegeben - wegen des beispielhaften Charakters des Neubaus. Der Holzbau kostet etwa 25 Prozent mehr als ein herkömmlicher Bau. Im Betrieb spart das Gebäude in Passivhaus-Plus-Standard aber 75 Prozent der sonst üblichen Betriebskosten ein. Überwacht werden seit dem  Bezug drei Jahre lang sämtliche Daten von der Energiebilanz bis zum Raumkomfort in einem wissenschaftlichen Monitoring.

 

Im Schmuttertal-Gymnasium gibt es nicht den üblichen Schulhausmief

Apropos Raumkomfort: Den üblichen Schulhausmief gibt es am Schmuttertal-Gymnasium nicht. Und das, obwohl Schüler und Lehrer im Winter zum Teil das Gebäude mit ihrer eigenen Körperwärme heizen. Die Lüftungsanlage sorgt kontinuierlich für frische Luft. Das ausgeklügelte Energiekonzept ist nur ein Detail, durch das diese neue Schule seit ihrer Eröffnung vor nicht einmal zwei Jahren alle möglichen Preise abräumt. Einer davon ist der deutschen Nachhaltigkeitspreis, ein anderer der bayerische Energiepreis. Gerade erst hat Schulleiter Manhardt wieder eine Auszeichnung zu den Akten nehmen können, die engere Wahl beim Preis für Architektur, den das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt jährlich vergibt. Bei seiner Eröffnung war das Schmuttertal-Gymnasium die modernste Schule Deutschlands, wie Schulleiter Manhardt immer wieder gerne betonte. Die ersten Monate fühlte er sich übrigens fast wie ein Touristenführer im Nebenjob, denn sogar bis aus Japan kamen interessierte Multiplikatoren aus den Bereichen Schule und Architektur, die durch die Schule geführt werden wollten. Eine Zahl, nach der Manhardt bei diesen Gelegenheiten ebenfalls immer wieder gerne fragt: Wie lange dauert es, bis das gesamte Holz, das fürs Schmuttertal-Gymnasium verwendet wurde, nachgewachsen ist? Antwort: Fünf Minuten, wenn man Bayern als Grundfläche nimmt.

Und funktioniert ist das Lernen in offenen Lernlandschaften? Darüber schreibt Jana Tallevi in ihrem Lifeguide-Beitrag "Unterricht in Bewegung".

Das Schmuttertal-Gymnasium ist ein Plus-Energie-Bau. Das Schulgebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht. Hier wird mit Körperwärme geheizt. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Das Schmuttertal-Gymnasium ist ein Plus-Energie-Bau. Das Schulgebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht. Hier wird mit Körperwärme geheizt. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Das Schmuttertal-Gymnasium ist ein Plus-Energie-Bau. Das Schulgebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht. Hier wird mit Körperwärme geheizt. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Schmuttertal Gymnasium: Lernen in offenen Lernlandschaften. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Schmuttertal Gymnasium: Lernen in offenen Lernlandschaften. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Schmuttertal Gymnasium. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner
Das Schmuttertal-Gymnasium ist ein Plus-Energie-Bau. Das Schulgebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht. Hier wird mit Körperwärme geheizt. Foto: Schmuttertal Gymnasium, Thomas Hafner

Über die Autorin

Jana Tallevi

Jana Tallevi hat fast ihr ganzes Leben in Augsburg verbracht. Seit dem Abschluss ihres Magister-Studiengangs in Geschichte und Literatur arbeitet sie seit 1996 zunächst als Volontärin und dann als Redakteurin bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Ein Themenschwerpunkt ist dabei die Schulpolitik im Landkreis Augsburg. Mit ihrem Mann hat sie drei Kinder in Grundschule, Realschule und Gymnasium und engagiert sich unter anderem im Elternbeirat des Schmuttertal-Gymnasiums.

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