"Eine Fahrradstadt ist eine menschenfreundliche Stadt"

Sven Külpmann lebt seit 15 Jahren autofrei

Sven Külpmann, wuchs mit Benzin im Blut auf und lebt dennoch seit knapp 15 Jahren autofrei. Er arbeitet hauptberuflich als Webentwickler, war aktiv bei der Augsburger Bikekitchen, sammelte mit seinem Bilderblog „Things on Augsburgs Lanes“ ein 2.000 Bilder starkes Album der Fehlnutzung von Radwegen und initiierte die Bürgerinitiative Fahrradstadt 2020. Heute schreibt er in der Augsburger Allgemeinen die Kolumne „Radlerleben“ und betreibt im Nebengewerbe eine Lastenrad(-Fuhrpark-)beratung die Firmen die Potentiale von Lastenrädern nahebringt und bei der Wahl der passenden Fahrzeuge anleitet.

Steckbrief:
Name: Sven Külpmann
Alter: 36
Beruf: Webentwickler und Lastenradberater
Geboren in: Lindau
Lebt in: Augsburg
Lieblingsort: auf dem Rad

Sie leben seit knapp 15 Jahren autofrei. Was hat Sie dazu bewegt?
Sven Külpmann: Ich lebte damals in der Heidelberger Altstadt. Irgendwann waren die Parkkosten, Knöllchen, Abschleppgebühren und die Instandhaltungskosten für den 14 Jahre alten Passat Variant schlicht zu hoch für den studentischen Thekenjob.

Ganz ehrlich: Wie häufig und in welchen Situationen haben Sie schon mal einen Pkw vermisst?
Ich lebte eine Weile im tiefsten Schwarzwald. Da hätte ein Auto sicherlich dabei geholfen öfter einen Tapetenwechsel zu bekommen.

Aktuell vermisse ich den Pkw tatsächlich nie, denn mein Lastenrad hat Laderaum für über 400 Liter und 175 Kilogramm Zuladung.

Einzig meine Lebenspartnerin greift seit drei Monaten hin und wieder zum Car-Sharing, aber wenn wir zusammen Möbel kaufen, steigt sie noch immer aufs Rad, weil es mehr Platz bietet.

Mit welchen Argumenten bewegen Sie Menschen, auf ein eigenes Auto zu verzichten?
Als Radenthusiast neigt man gern dazu, das Fahrrad zu romantisieren. Damit können Sie aber nur den Freizeitradler oder andere Enthusiasten erreichen. Das, womit man jeden überzeugen kann, ist letztlich das Geld.

Ein durchschnittlicher Autobesitzer in Deutschland gibt laut ADAC rund 600 Euro im Monat für sein heilig's Blechle aus.

Wenn Sie nun dieses Auto weggeben, bezahlt sich ein qualitativ brauchbares (Lasten-)Rad in weniger als einem Jahr – allein vom Wegfall der laufenden Kosten.

Autofrei funktioniert ja vor allem in der Stadt. Was raten Sie Menschen in ländlicheren Regionen?
Natürlich ist die Wahl des Verkehrsmittels immer von der persönlichen Situation abhängig. Ich selbst habe schon Zeiten hinter mir, in denen ich 40 Kilometer auf dem Fahrradtacho gesammelt habe, bis ich endlich in der Arbeit angekommen war. Dass das nichts für jeden ist, sehe ich auch. Jedoch ist es wichtig, dass wir uns bewusster für ein Verkehrsmittel entscheiden: Sehen Sie sich genau an, für welche Wege Sie das Auto wirklich brauchen. Vielleicht können Sie sich einen (Zweit-)Wagen mit Nachbarn oder der Gemeinde teilen, so dass diese Ressource auch wirklich effektiv genutzt wird.

Engagieren Sie sich für Mobilitätsalternativen in ihrer Gemeinde: Es muss ja nicht gleich die Wiedereröffnung des Bahnhofs sein, doch ein Car-Sharing-Verein oder eine Mitfahrinitiative könnte in einem Dorf flexibel weiterhelfen.

Was müsste Augsburg tun, um dem Namen Fahrradstadt 2020 tragen zu dürfen?
Das „2020“ wurde ja bereits gestrichen. Per Definition ist eine Fahrradstadt eine Stadt, in der das Fahrrad im Fokus der verkehrspolitischen Agenda steht. Nach dieser Definition ist Augsburg schon eine Fahrradstadt. Doch der Wille allein macht noch keine nachhaltige Infrastruktur.

In meinen Augen ist es enorm schade, dass wir heute Radwege bauen, die in vielen Fällen nicht einmal dem aktuellen Radfahraufkommen gewachsen sind.

Wenn wir aktuelle Maßnahmen so planen würden, dass die resultierende Infrastruktur wirklich 25 Prozent Radverkehrsanteil aufnehmen kann, dann wäre das nicht nur ein Zeichen, dass es die Stadt mit dem angestrebten Anteil der einzelnen Verkehrsarten ernst meint. Es wäre auch eine nachhaltigere Investition, denn sonst bauen wir in sieben Jahren alles nochmal um. Außerdem braucht es eine bessere Kommunikation mit Bedenkenträgern. Die Handwerks- und Handelsverbände denken immer noch, dass eine Fahrradstadt ihren Umsatz schmälert. Ganz im Gegenteil denke ich, dass eine Fahrradstadt auch gleichzeitig eine menschenfreundliche Stadt ist, die mit weniger Kraftverkehr zum Verweilen einlädt und die Menschen zum genussvollen Bummeln animieren kann. Diese Chancen und die Potentiale neuer Mobilitätsmittel und Logistiklösungen muss man dem Handel und dem Handwerk nahebringen. Wenn man diese Gruppen hinter sich hat, funktioniert diese Menschenstadt.

Was erlebe ich, wenn ich bei einer Critical-Mass-Veranstaltung mitradle?
Das kommt ganz auf Sie an. Und auf das Wetter. Und auf die Route.

Wie ökologisch ist eigentlich ein Pedelec?
Das hängt davon ab, wie weit man ins Detail geht und das auseinander klamüsert. Dann stellen sich Fragen wie: Besteht der Rahmen aus Stahl, Alu oder Carbon und wo wurde er gefertigt. Kaum einer wird ihnen die Differenz der Ökobilanzen von Gummi- versus Ledergriffen vollumfänglich aufrechnen können. Ich will damit sagen: Die genaue Ökobilanz eines Konsumguts, welches so sehr durch seine Einzelkomponenten definiert wird, zu beschreiben ist hochkomplex. Die Nutzung spielt aber eine viel größere Rolle als die Produktion und sie lässt sich vereinfacht in Zahlen festhalten (in Kürze): Für die CO2-Emission, die ein Pkw auf 100 Kilometer verursacht, können Sie 3.900 km Pedelec fahren. Die Emissionen der Akkuproduktion (vereinfach ca. 26 kg Treibhausgas) haben sich nach nur 100 Kilometer ökologisch amortisiert, wenn dadurch Pkw-Kilometer eingespart werden. Außerdem sind der Flächenbedarf und der Verschleiß der Infrastruktur deutlich geringer als beim Auto. Wenn Sie dann den Akku schonend behandelt haben, ihn im Winter und im Hochsommer zum Parken mit ins Haus genommen haben und ihn am Ende seiner Lebenszeit dem Recycling zugeführt haben, dürften Sie nach 1.000 Ladezyklen und ca. 70.000 km gute 15.500 Kilogramm C02 im Vergleich zum Pkw gespart haben. Glückwunsch!

Sind moderne Lastenräder der Anfang vom Ende des Autos in den Städten?
Nein.

Das Auto ist selbst der Anfang vom Ende des Autos in Städten.

Stau, Feinstaub und Dieselskandal machen uns die Bredouille nur bewusst, in die wir uns mit unserer automobilen Bequemlichkeit gelenkt haben. Dank dieser Schlagwörter entwickeln wir wieder einen Sinn dafür, was der tatsächliche Preis für die Bequemlichkeit ist, die das Auto verspricht:

Wir leben in Städten, die für das Auto geplant wurden und nicht für Menschen.

In der nächsten Stufe wird sein, dass wir abwägen, wieweit wir städtische Lebensqualität weiter über Bequemlichkeit definieren, oder ob es da vielleicht wichtigere Faktoren gibt. Dann werden wir an autofreie Wohnviertel denken und dabei nicht vom potentiellen Verlust von Freiheit abgeschreckt sein. Am Ende werden wir einen Wertewandel vollführt haben: Öffentlicher Raum wird in 20 Jahren mehr sein als Parkraum. Er wird wieder für Menschen bereitstehen, Raum für Begegnung und Entspannung bieten. Die menschenfreundliche Stadt wird leiser sein und ein gesünderes Umfeld bieten in dem wir uns gerne aufhalten werden.
Lastenräder sind dabei nur ein kleiner Teil im Gesamtkonzept der zukünftigen Mobilität und ich sehe sie als einen Evolutionsschritt zu neuen Leichtfahrzeugen. Wo Lastenräder noch viel Potential haben, das ist das Handwerk und die dezentralisierte innerstädtische Logistik: Als Teil einer smarten Lieferkette können ein bis zwei Lastenräder einen Sprinter ersetzen.

Sie engagieren sich neben Ihrem Beruf in zahlreichen Initiativen und auch als Lastenrad-Berater: Was ist Ihre geheime Superkraft?
Naja. Ich habe mein Engagement seit der Geburt meiner Tochter stark zurückgefahren und musste mich erst einmal auf dem Boden der Tatsachen umsehen: der Tag hat eben nur 24 Stunden. Heute konzentriere ich mich nur noch auf die positiven Aspekte des Radfahrens und Aktionen die begeistern können.

Dabei treibt mich die Hoffnung an, dass meine Enkel in einer menschenfreundlichen Stadt auf der Straße spielen können.

Das und die Faszination am Fahrrad: Es ist und bleibt eines der effizientesten Fortbewegungsmittel. Es besitzt eine fesselnde Einfachheit und technische Ästhetik und lässt uns dennoch Teil der Natur bleiben, durch die wir uns bewegen.

Welche Ihrer Radtouren war die interessante?
Um den Kopf frei zu bekommen, fahre ich gerne kleine Runden am Lech oder in den Westlichen Wäldern. Für den mentalen Frühjahrsputz bin ich dann einmal im Jahr etwas weiter unterwegs. Mit sportlichem Lastenrad und Zelt bei gehobenem Tempo und niedrigen Temperaturen im Frühjahr reichen mir vier Tage um den Geist von Alltagslasten zu befreien.
Wirklich inspirierend war die Teilnahme an der #Schokofahrt im April. Bei der Schokofahrt wird Schokolade zu 100 Prozent CO2-frei im Staffelprinzip von Amsterdam bis München und Dornbirn gebracht, nachdem die Kakaobohnen bereits mit der „Tres Hombres“, einem Segelfrachter ohne Motor nach Europa geschifft wurden. Insgesamt wurden im April eine knappe Tonne feinste Fair-Trade-Schoki absolut C02-neutral transportiert. Es war wundervoll zu sehen, wie ein solches Projekt Leute mitreißt, unglaublich schön zu spüren, wie eine einzige Etappe über die Geislinger Steige drei Menschen zusammenbringen kann. Jetzt gerade fährt die Schokofahrt wieder durch Deutschland und fest steht, dass wir sie 2019 wieder nach Augsburg bringen.

Wofür würden Sie gern mehr Zeit haben?
Ich würde gern mehr basteln: Mein erstes Lastenrad habe ich 2013 selbst geschweißt. Für solche Projekte hätte ich gerne wieder Zeit, würde gern ordentlich WIG-schweißen lernen und dann Lastenräder und Anhänger bauen. Aber nur so zum Spaß, denn als Quereinsteiger im Handwerk Fuß zu fassen, scheint schier unmöglich zu sein.

Wer oder was inspiriert Sie?

Jede Familie, die ihr Kind nicht mit dem Auto zu Schule oder Kindergarten bringt und so dabei hilft der SUVsierung der Innenstadt entgegenzutreten. Denn genau bei dieser Gelegenheit formen wir das Mobilitätsbewusstsein der nächsten Generation.

Wenn Sie Bürgermeister von Augsburg wären: Was würden Sie ändern?
Ich würde alles zwischen Grottenau und Eser Wall, Schießgraben und Oberem Graben für den Individualverkehr abriegeln.

Die Maxstraße würde zum grün bewachsenen Boulevard auf dem wir im Schatten der Bäume den Sommer genießen.

Augsburg hätte innerhalb weniger Jahre eine autofreie Innenstadt. Die Tram würde Teil der Lieferkette und sorgte Hand in Hand mit Lastenrädern für eine getaktete, kostengünstige und emissionsarme Stadtlogistik. Am Schluss würden Bürger und Handel selbst mehr autofreie Wohnviertel initiieren. Im Landkreis würde sich Augsburg dafür einsetzen, Schnellwege und Sharing-Systeme für pedalbetriebene Leichtfahrzeuge auszubauen.

Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Sven Külpmann, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Cynthia Matuszewski, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Sven Külpmann, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Cynthia Matuszewski, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Cynthia Matuszewski, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei, Foto: Cynthia Matuszewski, Fahrrad, Lastenfahrrad,
Sven Külpmann, Tretlager, Augsburg, autofrei,Foto: Cynthia Matuszewski, Fahrrad, Lastenfahrrad,

Über den Autor

Torsten Mertz

Torsten Mertz studierte Geographie in Köln und Trier, lebt seit 2000 in Augsburg und arbeitet seit vielen Jahren im Münchner oekom verlag, der auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert ist. Hin und wieder findet er Zeit, für den Lifeguide zu schreiben oder ein Buch zu veröffentlichen. Zuletzt erschien „Veggieparty. Vegane Leckereien für Buffet, Brunch und Biergarten“, aus dem der Lifeguide auch ein paar Rezepte vorstellt.

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