Fahrradfrühling

Eine Liebeserklärung an das Radfahren. Von Eva Leipprand.

Es war ein langer Winter, lang, schneereich und trübe. Die Medien erteilten ganz offiziell die Lizenz zum Trübsinnblasen, schließlich war es der dunkelste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Aber irgendwann hört auch der längste Winter auf, der Schnee schmilzt, die Glätte weicht – und man kann endlich wieder Fahrrad fahren! Das Gefühl ist fast so wie in der Kindheit, als es nach einigen Schrammen und blauen Flecken endlich klappte und man sich auf dem Sattel halten konnte. Das Geräusch der Reifen auf dem Kies war das Geräusch der Freiheit. Was für eine Potenzierung der Geschwindigkeit! Was für eine Erweiterung der Möglichkeiten!

Und so erlebe ich es auch nach diesem langen Winter wieder. Unabhängig von Bus- und Straßenbahnfahrplänen gehe ich entspannt aus dem Haus. Laptop und Tasche  haben in den Körben Platz, auf dem Rückweg passen auch noch Einkäufe hinein, ich muss nichts schleppen, ich bin frei. Meine Fahrzeit hängt nur von meiner Kondition ab und kann genau berechnet werden, ganz anders als wenn ich das Auto nähme. Das Auto kann vor Ampeln versauern oder im Stau stecken bleiben, aber mit dem Fahrrad, das weiß ich, komme ich immer durch, da wird dann der Stadtindianer in mir wach, der immer Wege findet. In der Stadt ist kein anderes Verkehrsmittel schneller. Und wenn die Zeit wirklich einmal knapp ist, dann trete ich eben schneller in die Pedale und muss nicht vor Ungeduld ins Steuerrad beißen. Bei der Ankunft bin ich vielleicht außer Atem, aber der Stress ist ausgetobt.

Die Luft ist ungewohnt mild, aber die Linkskurve in die Provinostraße hinein nehme ich doch langsam, vorsichtshalber. An dieser Stelle dachte ich schon einmal – es ist ein paar Jahre her -, es sei Frühling, aber dann war da doch noch morgendliche Reifglätte, und mein Schlüsselbein anschließend ein Trümmerfeld. Vor dem tim sind die bunten Schirme noch nicht aufgespannt, die Freiluftsaison hat noch nicht begonnen, man ist also gut beraten, wenn man nicht zu leichtsinnig wird.

Auf dem Weg zum Forsterpark wird allerdings klar: das Eis hat keine Chance mehr, ich rausche durch Pfützen, die Vögel zwitschern, die Sonne lässt sich endlich wieder sehen und bringt die Winterdepression zum Schmelzen, und die Leute, die mir entgegenkommen, fahren schon ohne Mütze, Schal und sonstige Vermummung. Jetzt erkennt man sich wieder und grüßt von Sattel zu Sattel.

Am Predigerberg muss ich einen Gang tiefer schalten als gewohnt. Macht das fehlende Training so viel aus? Oder waren es doch zu viele Weihnachtsplätzchen? Ich merke, wie mir das tägliche Radfahren gefehlt hat. Auch wenn es keine weiten Strecken sind, so bringt es mich doch mindestens einmal täglich in Schwung, und das ganz selbstverständlich und ohne Aufwand. Jetzt jedenfalls wird alles anders, und wenn ich tagsüber entsprechend viele Termine habe, muss ich abends nicht zum Kieser.

Oben in der Wintergasse scharen sich die Zwerge vor der Tür zum Kindergarten. Ein Bürschchen kommt mit breitem Grinsen vom Moritzplatz her auf seinem neuen Laufrad gefahren – fast so stolz wie einst Herr Drais auf seiner Draisine bei der ersten Fahrt 1817. So hat es ja einmal mit dem Fahrrad angefangen. Es war das erste und ist bis heute immer noch das preiswerteste Verkehrsmittel, für jeden erschwinglich, anders als die Kutschen seinerzeit, und somit ein Beitrag zu demokratischen Verhältnissen – und auch zur Gleichberechtigung der Geschlechter, wenn man der amerikanischen Frauenrechtlerin Susan B. Anthony glauben will: „Das Fahrrad hat mehr getan für die Emanzipation der Frau als alles andere.“ Es steht also für Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter – und auch insgesamt für Zukunftsfähigkeit, wie schon H. G. Wells wusste: „Jedes Mal, wenn ich einen Erwachsenen auf einem Fahrrad sehe, mache ich mir keine Sorgen mehr um die Zukunft der Menschheit.“

Nun fahre ich vor dem Rathaus vor, direkt vor die Tür, und schließe das Rad an dem schweren Eisenring an. Zwölf Minuten von Haus zu Haus. Konkurrenzlos schnell. Und so habe ich nicht nur die durch den Fahrtwind erzeugte geistige Frische, sondern auch genügend Zeit, um mich darum zu kümmern, dass das Fahrrad für noch mehr Leute zum selbstverständlichen Verkehrsmittel wird – die Fahrradstadt 2020 muss kommen!

Eva Leipprand, geboren 1947, engagierte sich seit den achtziger Jahren in der Umweltbewegung und Bürgerinitiativen, wurde 1996 für Bündnis 90/Die Grünen in den Augsburger Stadtrat gewählt und war dort von 2002 bis 2008 dritte Bürgermeisterin und Kulturreferentin. Seit 2015 ist Eva Leipprand Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

 

 

Eva Leipprand

Über den Autor

Lifeguide Augsburg

Nachhaltig leben in der Region Augsburg

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Kommentare

Gast

Ein sehr erfrischender Beitrag. Auch ich glaube an den weiteren Siegeszug der Fahrradfahrer. Schon werden die Wege breiter, die ersten Kreuzungen mit grünen Pfeilen zum rechts abbiegen, und die Einbahnstraßen zu "Zweibahnstraßen" für Radler. Genießen wir das weiter!

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