Nachhaltigkeit im Gepäck

Interview mit Andreas Schechinger, CEO von Tatonka

Für viele Menschen wird es immer wichtiger, Produkte zu erwerben, die unter sozial verträglichen, fairen Bedingungen hergestellt werden. Der Dasinger Rucksackhersteller Tatonka geht in Vietnam vorbildliche Wege.

Unternehmertum bedeutet für mich und meine Familie in erster Linie Verantwortung zu übernehmen." Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH

Das schwäbische Unternehmen Tatonka unterhält in Vietnam ein 100 prozentiges Tochterunternehmen, die Mountech Co.Ltd., in deren eigenen Fabriken in Ho Chi Minh City und Anh Nhon in Vietnam Outdoor-Produkte hergestellt werden. Tatonka hat das Werk in Ho Chi Minh City Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnet das Werk in Ho Chi Minh City seine Tore und jeder kann sich persönlich vom nachhaltigen und sozialen Engagement der Firma Tatonka überzeugen. Die Lifeguide-Reportage "Ein Tag bei Tatonka in Vietnam" finden Sie hier. Annabell Hummel sprach mit Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH.

 

Lifeguide: Herr Schechinger, Sie sind der Geschäftsführer der Tatonka GmbH in zweiter Generation. Was bedeutet Unternehmertum in Ihrer Familie und für Sie selbst?
Andreas Schechinger: Unternehmertum bedeutet für mich und meine Familie in erster Linie Verantwortung zu übernehmen. Das gilt besonders für die weitere Entwicklung des Unternehmens, sowohl in Bezug auf einen sicheren Arbeitsplatz für unsere Mitarbeiter, aber auch in Sachen Umweltschutz und Sozialstandards.
 

Gibt es konkrete Ziele und Werte in Bezug auf Nachhaltigkeit, die Sie als Unternehmer verfolgen? Wie sind diese entstanden?
Konkret gibt es keinen globalen, geradlinigen Plan – wir handeln in allem was wir tun nach der Abwägung zwischen ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll. Sprich wir verfolgen nicht blind nur ökologische Ziele, wenn sich diese nicht auch ökonomisch sinnvoll erachten. Wir geben nicht nur soziale Versprechen ab, wenn wir diese nicht langfristig ökonomisch verantworten und beibehalten können.
Ein Beispiel: Vor knapp 5 Jahren sind wir auch stark unter Druck geraten, unsere Sozialstandards in unserer Fabrik in Vietnam öffentlich zu machen. Viele unserer Konkurrenten haben sich damals entschieden Mitglied der „Fair Wear Foundation“ aus den Niederlanden zu werden, um Sozialstandards in ihren Fertigungen in Fernost darstellen zu können. Wir haben uns damals jedoch dazu entschlossen, diesen Weg nicht zu gehen, weil wir ihn langfristig nicht als ökonomisch betrachten. Wir haben uns entschieden unsere Produktion einerseits nach dem Sozialstandard SA8000 zu zertifizieren (also Sozialstandards fest im Unternehmen zu implementieren an Stelle von jährlichen Audits nur zu kontrollieren) und andererseits haben wir an Stelle von jährlichen Berichten unsere Produktion durch unser „OPEN FACTORY“ Projekt komplett für Besucher geöffnet.
 

Was ist Ihre persönliche Motivation?

Mein persönliche Motivation ist, es als mittelständisches Unternehmen durch andere Herangehensweisen langfristig gleich oder sogar besser machen zu können als die Branchenriesen." Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH

Was würden Sie als Ihre größten Erfolge mit dem Unternehmen Tatonka bezeichnen? Welche Barrieren mussten Sie dabei überwinden?
Unser größter Erfolg liegt sicherlich in unserer eigenen Produktion in Vietnam. Die Barrieren, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen müssen waren und sind heute riesig. Seien es rechtliche oder gesetzliche Barrieren, finanzielle Hürden wie z.B. Inflation und Wechselkurse oder mehr und mehr Naturkatastrophen wie Unwetter oder Überschwemmungen an unserem Produktionsstandort.
 

Wie wichtig ist für Sie der Austausch innerhalb der Outdoor-Branche und darüber hinaus? Welche Rolle spielt Konkurrenz beim Thema Nachhaltigkeit/CSR?
Den Austausch innerhalb der Outdoor-Branche betreiben wir mit unseren Konkurrenten in Arbeitsgruppen sowohl im Bundesverband der Deutschen Sportartikelindustrie (BSI) als auch in Arbeitsgruppen der European Outdoor Group (EOG).
Die gesunde Konkurrenz untereinander motiviert uns, da auch selbst immer wieder am Ball zu bleiben und unseren aktiven Beitrag zu leisten, um jeden Tag die Welt ein Stück weit besser zu machen. Wir sind zwar Konkurrenten zueinander, aber in den Arbeitsgruppen haben wir teilweise so komplexe und umfangreiche Themen, die keiner von uns, egal wie groß er ist, alleine bearbeiten oder lösen kann. Deshalb gibt es dort nur ein gemeinsames Denken und Handeln.
 

Welche Bedeutung hat der Standort Dasing für Sie und welche Vor-und Nachteile sehen Sie?
Mit dem Standort in Dasing haben wir unsere volle Eigenständigkeit erreicht – wir hatten bis zum Neubau und Umzug 1989 immer nur ein gemeinsam genutztes Lager und waren ab dann auf einmal eigenständig. Ab da mussten wir alles selbst erwirtschaften und selbst finanzieren, egal ob es die Lagerräume, die Lagereinrichtung oder die EDV war – alles musste auf einmal nur durch unser eigenes Handeln funktionieren und erwirtschaftet werden.
Der Vorteil von Dasing liegt natürlich in der guten Erreichbarkeit über die voll ausgebaute A8 oder die B300 und der guten Lage von Dasing/Bayern innerhalb Europas. Nachteile waren bisher eine schwache Online-Anbindung (seit letztem Jahr durch M-net deutlich verbessert) und ein recht wackeliges Stromnetz mit E.ON Bayern.
 

Wie leben Sie Nachhaltigkeit in Ihrem persönlichen Umfeld?
Ich versuche in meinem Unternehmen alle Mitarbeiter langfristig für das Unternehmen zu gewinnen und zu halten. Sei es durch einen attraktiven und sicheren Arbeitsplatz, gute Werkzeuge, Maschinen, EDV usw., mittel- und langfristige Entwicklungsperspektiven im Unternehmen und gute und angemessene Bezahlung.

Jeder Mitarbeiter bringt erst langfristig für das Unternehmen einen nachhaltigen Erfolg." Andreas Schechinger, Geschäftsführer der Tatonka GmbH

Ihre Freizeit ist sicherlich knapp bemessen? Wie verbringen Sie diese am liebsten?
Ja, in der Outdoor- und Freizeitbranche zu arbeiten bedeutet leider nicht automatisch auch Freizeit zu haben, insbesondere mit einer eigenen Marke und einer Produktion in Vietnam muss man mindestens in drei Saisonen gleichzeitig denken, handeln und entscheiden. Wenn ich dann mal freie Zeit finde, verbringe ich diese gerne Zuhause, aber auch irgendwo unterwegs, Hauptsache zusammen mit meiner Familie.
 

Hand aufs Herz: Haben Sie ein Lieblingsprodukt bei Tatonka?
Ja - meinen täglichen Begleiter - den Team Tatonka Tagesrucksack „NEW HAVEN“ in welchem ich alles mit dabei habe, was ich wo auch immer benötige – von Laptop über Handy bis hin zu Pflaster oder Kopfschmerztabletten.
 

 

INFO: Tatonka

Tatonka ist ein junges bayerisches Familienunternehmen – mittlerweile in der zweiten Generation. Der Firmengründer Winfried Schechinger erkannte frühzeitig in Deutschland und Europa einen wachsenden Markt für Outdoor-Produkte und gründete bereits 1980 die Mountain Sport GmbH zum Vertrieb von Sportartikeln. Im Jahr 1993 entstand die Marke Tatonka und die Firma wurde in TATONKA GmbH umbenannt.

  • Gründung 1981
  • Sitz Dasing, Bayern
  • Leitung Andreas Schechinger (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter*innen 65 in Dasing, 800 in Vietnam
  • Branche Outdoor-Textilien und Ausrüstung

Open Factory
Open Factory heißt „Offene Fertigung“: Einmal in der Woche öffnet Mountech Co.Ltd., die Produktionsstätte von Tatonka in Vietnam, ihre Türen. Alle, die es interessiert – Verbraucher, Händler, Journalisten, Wirtschaftsfachleute, NGO-Vertreter, können die Fertigung bei laufendem Produktionsbetrieb besichtigen.

Innerbetriebliche Regelungen
Die innerbetrieblichen Regelungen orientieren sich an den Gesetzen der Volksrepublik Vietnam, an den Gewerkschaftsbestimmungen des Landes und an der betrieblichen Mitbestimmung.
Die Regelungen betreffen:

  • Arbeitszeit
  • Pausen
  • Urlaub
  • Lohnsystem
  • Überstundenregelung
  • Mittagessen / Abendessen
  • Sozialversicherung
  • Kinderarbeit und Mutterschutz
  • Ausbildung/Weiterbildung
  • Arbeitssicherheit, Brandschutz, Hygiene

www.tatonka.com

Die kostenlosen Führungen finden jeden Freitag um 10 Uhr vormittags in englischer Sprache in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam statt. Eine Anmeldung für die Führung ist auf der Seite der Open Factory online notwendig. Anmeldung und weitere Informationen unter https://openfactory.tatonka.com/?lang=de.

Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Foto: Tatonka
Tatonka, Rucksäcke, Open Factory, Dasing, Mountech Co.Ltd., Outdoor, Rucksack, Andreas Schechinger, Foto Tatonka

Über die Autorin

Annabell Hummel

Annabell Hummel studierte Geografie in Mainz und lebt seit 2008 in Augsburg. Sie arbeitet als Regionalmanagerin bei der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH. Hier hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Unternehmen von den Vorteilen nachhaltigen Wirtschaftens zu überzeugen. Da dies am besten mit Inspiration gelingt, ist der Lifeguide nicht nur ihr Herzensprojekt sondern auch ein gutes Kommunikationsmittel. Ihre Artikel erscheinen auch im Ahochdrei Magazin.

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