Open Factory: Ein Tag bei Tatonka in Vietnam

Der Rucksackhersteller aus Dasing öffnet in HoChi Minh Stadt jede Woche seine Fabriktore

Reportage von Stefan Heller / Ein Interview mit Tatonka-Geschäftsführer Andreas Schechinger finden Sie hier.

Frühjahr 2018, die Boom-Metropole Ho Chi Minh Stadt im Süden Vietnams. Es ist tropisch heiß und ich bin mit einem Mototaxi auf dem Weg zu der Rucksackfabrik von Tatonka aus Dasing bei Augsburg. Die deutsche Tatonka GmbH unterhält in Vietnam ein 100 prozentiges Tochterunternehmen – die Mountech Co.Ltd. -  in deren eigenen Fabriken in Ho Chi Minh City und Anh Nhon in Vietnam Outdoor-Produkte hergestellt werden. Das Schwäbische Unternehmen hat das Werk in Ho Chi Minh City Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnet das Werk in Ho Chi Minh City seine Tore und jeder kann sich persönlich vom nachhaltigen und sozialen Engagement der Firma Tatonka überzeugen. Open Factory heißt das Konzept und ich bin nun hier, um mir davon selbst ein Bild machen zu können.

Freundlich werde ich am Empfang begrüßt und man weiß sofort, weswegen ich hier bin: Als Europäer falle ich auf. Außerdem bin ich heute der einzige Gast. Ich werde Herrn Nguyễn Thái Dương übergeben und gehe mit ihm in einen Besprechungsraum. Der Nachname wird in Vietnam immer vor den Vornamen gestellt. Nguyễn ist ein gebräuchlicher Nachname, den zirka 40 Prozent aller Vietnamesen tragen. Bevor es losgeht wird ein offizielles Foto von uns beiden geschossen.

 

Barfuß in die Ideenzentrale

Vom kühlen Treppenhaus geht es sofort in die „Ideenzentrale“ des Werkes. Doch bevor wir den Raum betreten, werde ich von Herrn Nguyễn freundlich darauf hingewiesen, meine Schuhe auszuziehen. In Vietnam betritt man jeden privaten Raum ohne Schuhe. Diese kleine Geste zeigt mir, welchen Stellenwert die Fabrik für ihre Angestellten hat. Barfuß betrete ich eine kleine Halle. Hier kommen neue Ideen, Designs und Informationen aus Dasing an und werden in die Realität umgesetzt. Im kleinen Stil werden in der Mustermacherei die sogenannten Samples hergestellt, die für die nächste Saison vielleicht in die Serienproduktion gehen sollen.

Die heutige Tatonka GmbH mit Sitz in Dasing wurde 1981 durch Winfried Schechinger gegründet und befindet sich seither im Familienbesitz. Sein Sohn Andreas Schechinger ist heute Geschäftsführer und mehrmals im Jahr für einige Wochen in Vietnam. Das Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. wurde 1989 komplett in Eigenregie errichtet und wird seitdem auch in Eigenregie geführt.
Mountech stellt für Tatonka nicht nur die Eigenmarken Tatonka mit den verschiedensten Rucksäcken, Zelten und Taschen her. Hier werden auch die Rucksäcke für deutschen Rettungskräfte mit der Marke PAX hergestellt oder die Rucksäcke für die Eisenbahner der Deutsche Bahn, welche man des Öfteren an hiesigen Bahnhöfen bei Schichtwechsel zu Gesicht bekommt. Sogar für Militär und Polizei werden bei Mountech Rucksäcke und Ausrüstung unter dem Markennamen Tasmanian Tiger produziert. Herr Nguyễn führt mich durch den Raum mit den fertigen Samples für die nächste Saison, wo ich alle Marken entdecken kann.

Nachdem ich meine Schuhe wieder angezogen habe gehen wir runter in die Lagerhalle. Hier ist reichlich Platz in den Gängen und alles blitzsauber. Gut so, denn die Schuhe bleiben wieder vor der Tür. Ein großes Regal mir Stoffrollen tut sich vor mir auf. Um die Rollen körperschonend aus dem Regal holen zu können, lagern die schweren unten und die leichten oben, daneben ein Behältnis mit vielen Metern blauen und roten Reißverschlüssen. Die Materialien selbst werden nicht in Vietnam produziert, sondern aus anderen asiatischen Ländern importiert. So kommen 80 Prozent der Waren aus Südkorea, der Rest aus Indien, China und Malaysia. Ein Arbeiter holt gerade Nachschub für seine Kollegen.

 

Hohe Sicherheitsstandards

Wir betreten jetzt eine weitläufige Halle mit angenehmem Tageslicht. Hier werden mehrere Stoffbahnen auf einmal zugeschnitten. Als ich mir das genauer anschauen will, zieht mich Herr Nguyễn schnell zurück, denn beinahe hätte ich eine gut sichtbare gelbe Linie am Boden überschritten. Dahinter fährt ein Mitarbeiter auf dem Schlitten einer automatischen Stofflegemaschine schnell hin und her. Die bis zu 50 Lagen hohen Stoffbahnen werden anschließend präzise mit Schablone und elektrischem Stoßmesser zugeschnitten. Hier sind Sicherheitshandschuhe Vorschrift, damit kein Finger im späteren Rucksack landet. Stolz wird mir die Stanzmaschine für kleinteilige Stoffteile gezeigt.
Im Treppenhaus schlüpfe ich wieder in meine Schuhe. Während ich die Treppe hochgehe, muss ich unwillkürlich an das Rana-Plaza-Unglück in Bangladesch denken, wo 2013 über 1.000 Näherinnen starben, weil sie sich nicht rechtzeitig aus einem neunstöckigen Hochhaus retten konnten, das in sich zusammenfiel. Das Produktionsgebäude von Mountech hat nur zwei Stockwerke, die Treppenhäuser sind breit, die Fluchtwege gut gekennzeichnet.
Wieder barfuß betrete ich das Herzstück der Produktion, die Nähhalle. Auch hier breite, saubere Gänge, helle Beleuchtung, reichlich Platz.


Per Knopfdruck können die Näherinnen um Hilfe bitten

Die Arbeiterinnen sitzen hintereinander aufgereiht an ihren Tischen und fügen aus unzähligen Teilen einen Rucksack zusammen.  Sie haben verschiedenfarbige Shirts an, die ihre Funktion im Team aufzeigen. Die Näherinnen und Näher sind Grün, die Zuarbeiter*innen hell-orange und die höher gestellten Produktionshelfer*innen lila gekleidet. Über jedem Arbeitsplatz hängen zudem drei Glühlampen in rot, gelb und grün, die von den Näherinnen betätigt werden können, wenn ihnen die Ware ausgeht, sie technischen Support brauchen oder einfach einmal zwischendurch auf Toilette müssen.

 

Der TÜV Rheinland war hier

Obwohl es hier wie in einem Bienenstock zugeht, wirken die Mitarbeiter*innen allesamt auf ihre Arbeit fokussiert, aber nicht gehetzt. Tatonka hat seine Produktionstätten der Mountech Co. Ltd. 2011 durch den TÜV Rheinland nach mit dem Sozialstandard SA-8000 zertifizieren lassen. Dieser garantiert die Einhaltung sämtlicher Menschenrechte und sozialen Standards nach internationalen Kriterien im Produktionsablauf und wird alle drei Jahre kontrolliert, zuletzt 2017. So sind die Kernarbeitszeiten für die rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Vietnam von 7:30 bis 16:30 Uhr. Es gibt drei Pausen, normal ist in Vietnam nur eine Pause. Außerdem steht den Mitarbeiter*innen eine Kantine zur Verfügung. Für die vielen weiblichen Arbeiterinnen existiert zudem Schwangerschaftsschutz. Alle Angestellten sind über 17 Jahren alt, die meisten Angestellten haben ein Alter zwischen 24 und 35 Jahren.

 

Der finale Rucksack

Jetzt kommt eine besonders wichtige Station. Aber erstmal: Schuhe an, Treppenhaus, Schuhe aus. Nun befinden wir uns in der Endmontage und der Qualitätskontrolle. In kleinen Gruppen sitzen Männer auf dem Fußboden und arbeiten konzentriert. Jeder Riemen und jede Öse wird per Hand in die Rucksack- Halterung gezogen. Bänder werden festgezurrt oder Reißverschlüsse zugezogen. Am Schluss sehen die Rucksäcke wie im Laden aus – alles Handarbeit. Die Qualitätssicherung überprüft jeden einzelnen Rucksack oder jedes Zelt auf Fehler. Erst wenn alles in Ordnung ist, wird die fertige Ware nach Deutschland gebracht. Einen Rucksack kann ich mir hier nicht kaufen, denn einen Werksverkauf gibt es nicht. Alle Rucksäcke werden nach Deutschland transportiert, Überproduktionen werden so also nicht vor Ort zu Dumpingpreisen angeboten um Bonus oder Zuverdienst für die Mitarbeiter zu generieren, wie es häufiger mit anderen Markenprodukten geschieht.


Ich nehme meine Schuhe und gehe mit Herrn Nguyễn zurück in das Verwaltungsgebäude. Das war für mich ein wirklich interessanter und aufschlussreicher Vormittag in den Produktionshallen Tatonkas in Südost-Asien. Die erfolgreiche Produktion hat Tatonka und Mountech dazu verlasst in Anh Nhon in der Province Binh Dinh etwa 650 Kilometer nördlich von Ho Chi Minh City eine zweite Fabrik in Vietnam zu errichten. Das Unternehmen zeigt also, dass Waren aus der Textilbranche entgegen der landläufigen Meinung sehr wohl fair hergestellt werden können, ohne auf den notwendigen Profit als Wirtschaftsunternehmen verzichten zu müssen.

 

INFO: Tatonka

Tatonka ist ein junges bayerisches Familienunternehmen – mittlerweile in der zweiten Generation. Der Firmengründer Winfried Schechinger erkannte frühzeitig in Deutschland und Europa einen wachsenden Markt für Outdoor-Produkte und gründete bereits 1980 die Mountain Sport GmbH zum Vertrieb von Sportartikeln. Im Jahr 1993 entstand die Marke Tatonka und die Firma wurde in TATONKA GmbH umbenannt.

  • Gründung 1981
  • Sitz Dasing, Bayern
  • Leitung Andreas Schechinger (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter*innen 65 in Dasing, 800 in Vietnam
  • Branche Outdoor-Textilien und Ausrüstung

Open Factory
Open Factory heißt „Offene Fertigung“: Einmal in der Woche öffnet Mountech Co.Ltd., die Produktionsstätte von Tatonka in Vietnam, ihre Türen. Alle, die es interessiert – Verbraucher, Händler, Journalisten, Wirtschaftsfachleute, NGO-Vertreter, können die Fertigung bei laufendem Produktionsbetrieb besichtigen.

Innerbetriebliche Regelungen
Die innerbetrieblichen Regelungen orientieren sich an den Gesetzen der Volksrepublik Vietnam, an den Gewerkschaftsbestimmungen des Landes und an der betrieblichen Mitbestimmung.
Die Regelungen betreffen:

  • Arbeitszeit
  • Pausen
  • Urlaub
  • Lohnsystem
  • Überstundenregelung
  • Mittagessen / Abendessen
  • Sozialversicherung
  • Kinderarbeit und Mutterschutz
  • Ausbildung/Weiterbildung
  • Arbeitssicherheit, Brandschutz, Hygiene

www.tatonka.com

Die kostenlosen Führungen finden jeden Freitag um 10 Uhr vormittags in englischer Sprache in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam statt. Eine Anmeldung für die Führung ist auf der Seite der Open Factory online notwendig. Anmeldung und weitere Informationen unter https://openfactory.tatonka.com/?lang=de.

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Über den Autor

Stefan Heller

Der gebürtige Thüringer mit Station und Abitur in Niedersachsen studiert seit 2015 Geographie an der Universität Augsburg und hat seither Augsburg stolz als Heimat verinnerlicht. Verkehr und insbesondere der Öffentlicher Verkehr sind sein persönliches Herzensthema. In seiner Freizeit ist er auch gern mit Rucksack im Ausland anzutreffen um neue Kulturen kennenzulernen.

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