Ökonomie als Donut

Ein neues Bild für zukunftsfähiges Wirtschaften von Kate Raworth

Kate Raworth ist eine britische Wirtschaftswissenschaftlerin, der nicht gefiel, was sie an der Universität von Oxford lernte. Denn das, was gelehrt wurde, berücksichtigte in ihren Augen nicht das Wichtigste: die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb entschloss sie sich, die Lehre vom Wirtschaften „vom Kopf auf die Füße zu stellen“.


Einfach zeichnen

Raworth griff zum Bleistift und zeichnete einen „sicheren und gerechten Raum für die Menschheit“ - den Bereich, in dem ein gutes Leben für alle Menschen auf der Welt auch langfristig möglich scheint. Heraus kam etwas, das aussieht wie ein Donut (Bild Donut vom Buchcover). Das war um 2011. Sie legte ihre Zeichnung verschiedenen Menschen und Gruppen vor – und stieß auf viel Zustimmung. 2017 veröffentlichte sie ihre gesammelten Überlegungen im Buch „Doughnut Economics. Seven ways to think“, es ist im März 2018 unter dem Titel „Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“ auf Deutsch erschienen.  

 

Wirtschaftsraum zwischen planetaren Grenzen und Weltentwicklungszielen

Raworths Donut ist der Freiraum, in dem zukunftsfähiges Wirtschaften heute möglich ist. Der innere Rand steht für zwölf  Grundbedürfnisse aller Menschen - wie sauberes Wasser, ausreichend Nahrung, Zugang zu Bildung, Wohnen und rechtliche Sicherheit. Den äußeren Donut-Rand bilden natürliche Faktoren wie Klima, Luft, Süßwasserqualität, Stickstoffkonzentration und Artenvielfalt. Sie sind begrenzt durch das, was das Erdsystem an menschlicher Aktivität verträgt. Dazwischen können wir leben.
 
Angeregt wurde Raworth durch das Modell der planetaren Grenzen, das der schwedische Agrar- und Erdsystemwissenschaftler Johan Rockström 2009 zusammen mit anderen einführte. Und durch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die zuletzt 2015 als 17 Weltnachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) beschlossen wurden. Raworth vereint beides – und leitet daraus den Spielraum für unser Wirtschaften ab.

 

Die Macht der Grafiken

Uns Menschen beeindrucken vor allem Bilder. So auch die Bilder, die uns die Wirtschaftswissenschaften bisher von erfolgreichem Wirtschaften vermitteln: das vom geschlossenen Kreislauf, von der mathematisch exakten Kurve von Angebot und Nachfrage... All diese schönen Diagramme haben jedoch weder den Finanzcrash von 2008 vorher angezeigt noch beziehen sie Artensterben, Klimawandel und die Zahl der Hungernden mit ein.
Raworth erkannte: wir brauchen nicht nur neue Erzählungen, sondern vor allem auch neue Bilder. Nicht mehr die exponentielle Wachstumskurve, sondern einen Donut. Nicht mehr Bilder von eigenständigen Kreisläufen, sondern von der Einbettung der Ökonomie. Nicht mehr das Konstrukt vom Menschen als einem homo oeconomicus, sondern ein Bild vom Menschen, das unsere soziale Verbundenheit zeigt. Solch neue Bilder findet sie und versucht, sie zu vermitteln.


Sieben wichtige Gedankenschritte für ein neues Bild von Wirtschaft

Am Anfang steht für Raworth der Abschied vom Bruttoinlandsprodukt als der Maßzahl für Wohlstand. Stattdessen geht es darum, allen Menschen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu ermöglichen.

Zweiter Schritt ist die Realisierung der Tatsache, dass Ökonomie eingebettet ist in Gesellschaft und Natur und eben kein eigenständiger Kreislauf.

Drittes Thema ist ein zutreffenderes Bild vom Menschen – nicht mehr als homo oeconomicus, sondern sozial eingebunden - das Raworthsche Modell zeigt die Bedeutung  menschlicher Beziehungen.

Vierter Bereich: wir müssen systemisch denken, aber nicht mehr mechanistisch – es gibt keine einfachen Hebel, um ein solch komplexes System wie Wirtschaft zu steuern. 

Fünftes: der Abschied vom Bild, das vorübergehend Ungleichheit nötig sei, um später Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen, sondern stattdessen von vorneherein auf die Herstellung von Gleichheit zu setzen, z.B. durch öffentliche Investitionen in Gesundheit und Bildung.

Sechstens eine soweit wie möglich kreislaufförmige, regenerative Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft, ähnlich wie sich Cradle to Cradle das vorstellt.

Und siebtens sollten wir uns von der Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum befreien: Wirtschaft muss nützen, auch ohne Wachstum.

 

Der Donut scheint zu schmecken - um im neuen Bild zu bleiben

Heute lehrt Kate Raworth Ökonomie in Oxford und Cambridge. Und ihr „Donut-Modell“ macht ebenfalls Karriere: es findet sich in immer mehr Powerpoint-Präsentationen. Und der Umweltökonom Daniel o'Neill der Universität Leeds hat ein Indikatorensystem entwickelt, das Donuts für über 150 Staaten anzeigt. Damit ist auf einen Blick sichtbar, wie nachhaltig diese Staaten derzeit wirtschaften: die Donuts zeigen an, wie vollständig das jeweilige soziale Fundament ist (der innere Kreis) und wie sehr die ökologischen Grenzen eingehalten oder überschritten werden (der äußere Kreis). Diese Datenbank mit dem Titel „A Good Life For All Within Planetary Boundaries“ zeigt unter anderem auch den Donut für Deutschland: während die sozialen Grundbedürfnisse fast vollständig abgedeckt seien, würden die ökologischen Grenzen oft weit überschritten.


Im März 2018 erschien Kate Raworths 413 Seiten starkes, gut lesbares Buch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“. Auf den Seiten des Hanser-Verlags ist das umfangreiche Einführungskapitel auf Deutsch als PDF zu finden. Hier fnden Sie außerdem einige anschauliche Videos von Kate Raworth zu dem Thema (auf der Seite ein wenig nach unten scrollen).

 

Zur Person: Kate Raworth studierte um 1990 Ökonomie in Oxford. Doch mit dem, was sie dort über Wirtschaft lernte, war sie unzufrieden. Denn das, was gelehrt wurde, berücksichtigte in ihren Augen nicht das Wichtigste: die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb verbrachte sie anschließend drei Jahre bei sogenannten Barfuß-Unternehmerinnen auf Sansibar. Und wechselte dann zu den Vereinten Nationen in New York, um am Human Development Index mitzuarbeiten. Zum Schluss arbeitete sie über zehn Jahre für die Entwicklungsorganisation Oxfam, wo sie gegen die unfairen Spielregeln und die Doppelmoral der internationalen Handelsbeziehungen kämpfte und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschenrechte erforschte. Nach einem Jahr Erziehungszeit, entschloss sie sich, die Lehre vom Wirtschaften „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Und unterrichtet heute Ökonomie – u.a. in Oxford.

Kate Raworth: "Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört"
Übersetzung: Hans Freundl und Sigrid Schmid, Hanser Verlag, 413 Seiten, 24 Euro

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Kate Raworth, „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Buchtitel: Hanser-Verlag
Kate Raworth, „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Foto: Richard Raworth
Kate Raworth, „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Grafik: Kate Raworth

Über den Autor

Dr. Norbert Stamm

Mitarbeit schon beim alten "Lifeguide Augsburg". Leitet das Büro für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Ausbildung als Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Afrika, zusätzlich Studium Christlicher Sozialwissenschaft. Ehrenamtlich Mitvorstand des Eine Welt Netzwerks Bayern e.V. Verschiedene Veröffentlichungen, darunter "Augsburg Afrika. Ein Buch über Beziehungen" (1996) und "Rendite plus - Möglichkeiten sozialverantwortlicher Geldanlage" (2000). Mitherausgeber von "Kommunen und Eine Welt" (3. Auflage 2014), "Entwicklungspolitik in Bayern - Analysen und Perspektiven" (9. Auflage 2017) sowie "Runder Tisch Bayern: Sozial- und Umweltstandards bei Unternehmen" (jährlich seit 2007).

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