Das Gemeinwohl gehört in die Bilanzen von Kommunen, Unternehmen und Banken

Interview mit Christian Felber

88% der Deutschen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Der Österreicher Christian Felber hat mit der Gemeinwohl-Ökonomie eine alternative Wirtschaftsordnung entwickelt, in der verfassungsrechtlich festgelegte Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie berücksichtigt und „bilanziert“ werden können und in der Gemeinden und Kommunen ihren eigenen Gemeinwohl-Kodex definieren. 

Sie sagen, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem im Kern fehlprogrammiert ist, was heißt das?

Christian Felber: Der zentrale Systemfehler ist, dass wir das falsche Ziel anstreben und den Erfolg mit den falschen Indikatoren messen. Wir streben die Vermehrung des Geldes und Kapitals als Ziel des Wirtschaftens an. Entsprechend messen wir den Erfolg einer Investition mit der Finanzrendite, den Erfolg eines Unternehmens mit der Finanzbilanz und den Erfolg einer Volkswirtschaft mit dem Bruttoinlandprodukt. Und das, obwohl alle Verfassungen demokratischer Staaten, die etwas über das Ziel des Wirtschaftens aussagen, als Ziel das Gemeinwohl festlegen, am präzisesten die Bayerische Verfassung.

Und es ist natürlich nicht schlecht, das Finanzergebnis eines Unternehmens zu messen, aber letztendlich sagt es nichts über den Erfolg eines Unternehmens in Bezug auf die Grundwerte aus. Faktoren wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie spielen in diesen Bilanzen keine Rolle.

Deshalb haben wir das Gemeinwohl-Produkt für die volkswirtschaftliche Ebene, die Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen und die Gemeinwohl-Prüfung für Kredite und Investitionen entwickelt.

Und wie kann man Gemeinwohl messen?

Christian Felber: Wir haben uns methodisch der Messung des Gemeinwohls angenähert. Zunächst einmal: Das Gemeinwohl ist per se nicht definiert, in einer Demokratie muss es demokratisch definiert werden – so wie jeder andere Begriff auch. Wir haben es im ersten Schritt einfach aus den häufigsten Verfassungswerten zusammengesetzt.

Gemeinwohl ist gleich Menschenwürde plus Gerechtigkeit plus Solidarität plus Nachhaltigkeit plus Demokratie.

Diese fünf Werte werden in der Gemeinwohlbilanz gemessen. Damit haben wir ein erstes anwendbares Instrument für Unternehmen.

Das Gemeinwohl-Produkt würden wir partizipativ in den Kommunen, den kleinsten politischen Einheiten, entwickeln: Die souveränen Bürgerinnen und Bürger komponieren aus den 20 wichtigsten Zielen des Zusammenlebens oder den 20 wichtigsten Aspekten von Lebensqualität ihr Gemeinwohl-Produkt und das wäre dann das Gemeinwohl.

Das heißt, Gemeinwohl wird jedes Mal anders definiert?

Christian Felber: Das möchte man vermuten – die Möglichkeit ist grundsätzlich gegeben, dass es von Kommune zu Kommune anders sei, aber wenn Menschen sich auf die zehn oder 20 wesentlichen Dinge des Seins oder des Zusammenlebens verständigen müssen, dann gehen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das sogar weltweit konvergent ist. Warum? Aus dem ganz banalen Grund, weil wir alle derselben Spezies angehören und Menschen, egal in welcher Kultur wir leben, die gleichen Grundbedürfnisse haben. Und mit den Zielen und Werten des Zusammenlebens werden schlussendlich unsere Grundbedürfnisse geschützt. Deshalb entstehen überall die gleichen Beziehungswerte und wir vermuten, dass weltweit ganz ganz ähnliche Bausteine für das Welt-Gemeinwohl-Produkt herauskommen werden.

Wie sieht so ein Wertekatalog aus, der das Gemeinwohl berücksichtigt? 

Christian Felber: Zunächst einmal: Wie sieht er nicht aus: Die Ökonomen haben ja immer geglaubt zu wissen, wie der Mensch sei und haben ihren Homo Oekonomicus in die Welt hinaus gesandt und damit das ökonomische und Zeitgeistdenken über uns Menschen geprägt. Obwohl sie keine Ahnung von Psychologie, Anthropologie, Soziologie oder Glücksforschung haben.

Wir wissen aber heute, dass nicht ein hoher Geldbetrag oder eine randvolle Geldschatulle uns am stärksten motiviert, sondern gelingende Beziehungen. Sie sind der zentrale Faktor, der uns am ehesten zu Leistungen motiviert und am verlässlichsten zu unserem Glück und Wohlbefinden beiträgt.

Die Gemeinwohl-Ökonomie beruht auf Verfassungs- und Grundwerten. Und das sind dieselben, die Beziehungen und Gemeinschaften gelingen lassen. Diese positiven Beziehungswerte sind universell und tauchen immer wieder auf:  Von Ehrlichkeit, Vertrauensbildung, Toleranz, Kooperation, Wertschätzung zu Solidarität und Teilhabe. Sie sind zeitlos und in allen Kulturen vorfindbar.

Mein persönlicher Weg zum Glück ist das Gelingen von Beziehungen auf vier Ebenen: Beziehung zu mir selbst, Beziehungen zu anderen Menschen, Beziehung zur Natur und zum großen Ganzen. Anhand dieser vier Beziehungs-Ebenen kann man dann die konkreteren Grundbedürfnisse aufschlüsseln. Diese sind tendenziell universell, dahin gehen auch die psychologische Forschung und die Glücksforschung konform. Von Erkenntnis über Autonomie zu Kompetenz, Entfaltung, Gesundheit natürlich, Bindung natürlich, Zugehörigkeit, Teilhabe, Mitbestimmung, Beziehungsqualität, Sicherheit, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Umwelt, Friede. Das waren ungefähr zehn und die sind mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit universell.

Eine Anekdote dazu: Ich lade bei meinen Vorträgen die Menschen oft ein, für eine halbe Minute die Augen zu schließen und den glücklichsten Moment ihres Lebens zu erinnern und zu imaginieren. Und dann lade ich sie ein, mit einem Wort diese Erfahrungen oder diesen Moment zu benennen. Und praktisch immer kommen zu 100% Erfahrungen auf den vier Beziehungsebenen. Nämlich Momente der Selbsterkenntnis oder Selbsterfahrung, Beziehung, Liebe, Partnerschaft. Der mit Abstand größter Gewinner ist immer „Geburt“, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Dann noch Naturerfahrungen, Sonne, Strand und Bergbesteigungen, sowie spirituelle Erfahrungen. Diese vier.

Und nie und nie und nie kommt Geld vor. Das ist einfach überhaupt nicht wichtig, wenn man die Frage stellt: Worum geht es mir eigentlich, was macht mich wirklich glücklich.

Und auch bei meinen Vortragsübungen, wie sich das Gemeinwohl zusammensetzen könnte, da kam Geld auch nicht vor und es wird auch nicht vorkommen. Geld ist ein Mittel, um vielleicht einige dieser Bedürfnisse zu befriedigen, aber es geht letztlich um diese Bedürfnisse und es geht nie auch nur annäherungsweise um Geld an sich.

Wie kann man diese Gewichtung, die man auf persönlicher Ebene unmittelbar nachvollziehen kann, auf politischer Ebene realisieren?

Christian Felber: Wir haben einen demokratischen Verfassungsprozess entwickelt, für den ein 20-seitiger Leitfaden vorliegt. Die Idee: Es ist ein Prozess von einem Jahr, wo sich die Menschen einer Kommune oder Stadt alle ein bis zwei Monate einen halben oder ganzen Tag treffen. In diesem „kommunalen Konvent“ werden die 20 Schlüsselfragen, die absoluten Grundsatzfragen geklärt: Was ist unser Ziel des Wirtschaftens, welche Werte wollen wir erfüllt sehen, wie messen wir wirtschaftlichen Erfolg? Eine dieser 20 Fragestellungen könnte das Gemeinwohlprodukt sein. Die Ergebnisse werden über eine Delegierte in den Bundeskonvent entsandt, der die finalen Alternativen zu jedem Thema ausarbeitet. Diese werden vom gesamten Souverän (= allen Bürgerinnen und Bürgern) abgestimmt, die Endergebnisse gehen in die zukünftige Verfassung ein – oder sind das demokratische Gemeinwohl-Produkt.

Dezentralität und Vielfalt ist ein durchgängiges Erfolgsprinzip. Sowohl in der Natur, als auch bei der Organisation der menschlichen Gesellschaft. Unsere Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie orientiert sich in jeder Beziehung dezentral. Unsere Regionalgruppen existieren bis hinunter zur Kommunalebene. Ganz konkret gibt es jetzt den bayerischen Förderverein als 17. Förderverein in unserer Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie und es gründen sich dann innerhalb von Bayern unterschiedliche Regionalgruppen, wie beispielsweise die Gruppe in Augsburg.

Welchen Weg würden Sie der Stadt Augsburg mit etwa 280.000 Einwohner*innen empfehlen?

Christian Felber: Den ganz üblichen Weg einer Gemeinwohlgemeinde. Das erste ist, dass in den Kommunalbetrieben Gemeinwohl-Bilanzen erstellt werden. Das hat einen ganz großen Vorteil: Dadurch wird der Öffentlichkeit bewusst, was die Kommunalbetriebe leisten, und zwar über die betriebswirtschaftlichen Zahlen hinaus. Ethische Werte und soziales Handeln kommen ja in der Gemeinwohl-Bilanz so richtig zum Ausdruck. Das schützt die Betriebe dann auch vor Privatisierung, weil sie ihren Mehrwert für die Gesellschaft im Vergleich zu privatwirtschaftlichen Anbietern zeigen können.

Der zweite Schritt wäre, dass Augsburg die private Wirtschaft motiviert, Gemeinwohl-Bilanzen durchzuführen, sie dafür belohnt, sie dafür ehrt und die Vergabe von Aufträgen an die Gemeinwohl-Bilanz koppelt: Wir kaufen nur bei ethischen Unternehmen.

Das dritte wäre dann der BürgerInnen-Beteiligungsprozess, der sich wiederum aus zwei Teilen zusammensetzt: Zum einen entwickeln die Menschen Kriterien für das Gemeinwohl-Produkt, damit klar ist, was die wichtigsten Aspekte für Gemeinwohl in der Augsburger Bevölkerung sind. Zum anderen klären sie wie oben beschrieben die 20 Grundbausteine der Wirtschaftsordnung, sie sind der Beginn einer demokratischen Wirtschaftsverfassung.

Ein weiteres Element wäre das ethische Finanzsystem, zum Beispiel die bewusste Ansiedlung der Bank für Gemeinwohl. In Augsburg ist es vielleicht noch einfacher, die Sparkassen oder Genossenschaftsbanken dazu anzureizen, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Denn die schlägt sich ja dann wieder in der Gemeinwohl-Bilanz der Kommunen nieder, mit welchen Banken sie Geschäfte machen. Wenn eine Kommune also eine Sparkasse oder Genossenschaftsbank motiviert, eine Gemeinwohlbank zu werden und dann mit dieser zusammenarbeitet, ist das ein doppelt positiver Effekt.

Ich komme noch einmal auf die 20 Schlüsselfragen zurück, die von den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt werden. Wer würde in diesen Ausschüssen sitzen?

Christian Felber: Das ist die Gretchenfrage und wir haben bisher vier verschiedene Varianten entwickelt, wie die Zusammensetzung des Konvents sein könnte und sind offen, dass es noch bessere Verfahren geben kann. 1. Wer kommt, ist da – das halten wir für die mit Abstand schlechteste Möglichkeit. 2. Alle Menschen können kandidieren, die Unterschriften von mindestens einem Promille oder Prozent der Kommunalbevölkerung sammeln. 3. Alle Vereine, die eine Mitgliedschaft von mindestens ein oder drei oder fünf Prozent der Kommunalbevölkerung haben, können einen oder zwei Delegierte entsenden – das ist höchst repräsentativ. Und die vierte Möglichkeit: Zufallsprinzip. Weil es sich bewährt hat. Weil das in den USA und in europäischen Ländern schon praktiziert wurde, mit sehr guten Ergebnissen.

Ein Konvent setzt sich aus vielleicht 50 bis 100 Personenzusammen. Die Frage ist: Was ist eine sinnvolle Struktur, wenn man 20 Grundsatzfragen klärt. Wenn man zum Beispiel 20 Arbeitsgruppen mit drei Personen besetzt, hätte das Konvent 60 Mitglieder, bei vier Personen wären es 80 – also zwischen 50 und 100 wäre vermutlich die optimale Größe, unabhängig von der Größe der Kommunen.

In einer Kommune gibt es ja eine Vielzahl von Interessen. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie ermitteln Sie Lösungen?

Christian Felber: Mit einem Verfahren, dem „systemischen  Konsensieren“. Es werden immer mindestens zwei Alternativen angeboten. Einmal der Zustand, wie er jetzt ist und dann mindestens eine weitere Alternative: Es können aber auch drei, vier, fünf Alternativen angeboten werden. Und dann wird nicht die Zustimmung, sondern der Widerstand gemessen, gegen jeden einzelnen Vorschlag. Es gewinnt der Vorschlag, der den geringsten Widerstand hervorruft. Das ist ein hoch intelligentes und effektives Verfahren, das von zwei Mathematikern der Universität Graz entwickelt wurde und das wir mit Leidenschaft und höchster Zufriedenheit selbst anwenden.

Die Philosophie dahinter lautet: Jede Regel, auch die Entscheidung, dass ein Zustand nicht reguliert werden soll, schränkt die Freiheit von manchen Mitgliedern des demokratischen Gemeinwesens ein und löst dadurch einen gewissen Schmerz aus. Und das Verfahren des systemischen Konsensierens erlaubt es uns, die Regel ausfindig zu machen, die den geringsten Summenschmerz in der Bevölkerung auslöst und die Freiheit von uns allen zusammen genommen so gering wie möglich einschränkt.

Über 200 Firmen im deutschsprachigen Raum haben sich für die Gemeinwohl-Bilanz entschieden. Darunter die Sparda-Bank München , der Outdoorhersteller Vaude, die Polarstern-Energie , oder Life Food GmbH in Freiburg. Wie funktioniert das, wenn sich ein Unternehmen für eine Gemeinwohlbilanz entscheidet?

Christian Felber: Das ist ein Prozess, auf den sich das Unternehmen seichter oder tiefer einlassen kann. Wir empfehlen sofort tiefer, weil das ist am spannendsten, am lohnendsten und auch am chancenreichsten für die Entwicklung des Unternehmens in seiner Gesamtheit ist. Sprich, dass die gesamte Belegschaft eingeladen wird, die Bilanz mit zu erstellen. Das verteilt gleichzeitig die Arbeit breit. Das haben schon einige Unternehmen gemacht mit sehr sehr guten Erfahrungen und Ergebnissen. Die Grundlage für die Bilanzerstellung ist die Gemeinwohl-Matrix und das zugehörige Arbeitsbuch. Die Matrix 5.0 wird gerade fertig und ist ab 2017 zur Verfügung. Für besonders Interessierte gibt es noch ein ausführlicheres wissenschaftliches Handbuch. Alle unsere Dokumente sind frei zugänglich und können kostenlos gedownloadet werden. Mit Recherche, Diskussion und Verfassen des Berichts sowie dem Testat als Schlussstein dauert der Prozess rund sechs Monate. Das Testat - die Gemeinwohl-Zertifizierung – ist zwei Jahre gültig.

Das Testat wird von einer externen Gemeinwohl-Auditor*in erstellt. Langfristig schwebt uns die Integration von Finanzbilanz und Gemeinwohlbilanz vor. Und eines Tages könnten ganzheitlich ausgebildete Wirtschaftsprüfer*innen den gesamten Unternehmenserfolg prüfen: den Mittelerfolg (Finanzbilanz) und den Zielerfolg (Gemeinwohlbilanz).

Wie können ethisch verantwortlich handelnde Unternehmen unterstützt werden, um auch im traditionellen Sinne „wirtschaftlich erfolgreich“ zu werden?

Christian Felber: Wir schlagen vor, uns einfach der breiten Palette an wirtschaftspolitischen Anreizinstrumenten, die bereits zur Verfügung stehen, zu bedienen: Steuern, Zölle, Kreditkonditionen, öffentliche Aufträge oder Forschungskooperationen.

Je besser die Gemeinwohl-Bilanz, desto weniger Gewinnsteuern oder Zölle muss ein Unternehmen zahlen. Oder es erhält Vorrang im öffentlichen Einkauf. Wichtig ist auch, dass die ethischen Produkte und Dienstleistungen von ethischen Unternehmen für die Konsumentinnen und Konsumenten preisgünstiger werden. Das ist ja heute genau umgekehrt. Derzeit haben die Konsument*innen nur die Möglichkeit, die ethischen Produkte zu kaufen, obwohl sie teurer sind, also wenn sie bereit sind, ihre „Bestrafung“ durch den Markt in Kauf zu nehmen. Und deshalb greifen auch 40 Jahre nach Einführung von „bio“ und „fair“ nur zwischen zwei und vier Prozent zu fairen und ökologischen Produkten.

Sie sprechen auch die Kreditvergabe an…

Christian Felber: Wir gründen selbst gerade eine Bank für Gemeinwohl und entwickeln hier Kriterien für eine ethische Kreditprüfung. Als Prüfinstrument für ein Projekt, für eine Investition.

Hier noch einmal ein blinder Fleck der klassischen Wirtschaftswissenschaft: Wir messen den Erfolg einer Investition heute mit der Finanzrendite. Und wenn die zweistellig ist, betrachten wir die Investition als außergewöhnlich erfolgreich. Diese Zahl gibt aber keine Auskunft darüber, ob die Investition die Umwelt schont und saniert, oder zerstört, ob es die Ungleichheit vergrößert oder verkleinert, ob Frauen diskriminiert oder gleichbehandelt werden, ob der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt oder geschwächt wird, ob die Demokratie untergraben oder gefördert wird. Nichts dergleichen.

Das sind aber Verfassungswerte, die heiligen Werte dieser Gesellschaft, die geschädigt werden können. Das heißt die Investitionen können einen ökologischen, kulturellen und humanen Minderwert schaffen anstelle eines Mehrwerts – sie können die Gesellschaft ärmer machen und Gemeinschaftsgüter enteignen! Das fällt aber niemandem auf, weil darüber kein Bericht geschrieben und keine Bilanz gezogen werden muss.

Die Gemeinwohlprüfung stellt genau dies sicher. Es wird zuerst die Ethikprüfung gemacht und nur wenn keines dieser wichtigen Gemeinschaftsgüter enteignet wird, nur dann wird überhaupt noch die Finanzprüfung gemacht. Und wenn dann beide Prüfungen bestanden sind, dann wird der Kredit vergeben, mit umso besseren Konditionen, je höher der ethische Mehrwert der Investition ist.

Ihre Idee gibt es seit 2010 – wie entwickeln sich Ihre Gespräche mit Politikerinnen und Politikern?

Christian Felber: Wir sind nach sehr kurzer Zeit mit so gut wie allen politischen Parteien ins Gespräch gekommen, allerdings mit einem radikalen Gefälle von der kommunalen zur Bundesebene. Unsere Mitglieder sind Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus praktisch allen Parteien. Das Interesse bei den Spitzen der Bundesparteien liegt allerdings zwischen „zur Kenntnisnahme“, „leichtes Interesse“ und „erste Gespräche mit Einzelnen“, aber es gibt auch noch das vollkommene Ignorieren.

Die ersten Kommunen haben schon Gemeinderatsbeschlüsse gefasst, in Deutschland hat zum Beispiel die Stadt Mannheim beschlossen, für einen Kommunalbetrieb eine Gemeinwohlbilanzen zu erstellen. Baden-Württemberg wird einen Landesbetrieb bilanzieren, und Sevilla hat soeben einen Kooperationsvertrag mit dem andalusischen Förderverein unterzeichnet.

Und wir haben einen sehr großen Erfolg auf EU-Ebene gelandet. Im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) haben 86 % der Ausschussmitglieder das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftsmodells in Europa Stellungnahme ECO/378 2015 empfohlen. Das ist ein sensationeller politischer Erfolg, auch wenn der Ausschuss kein gesetzgebendes Organ ist. Das bestärkt uns in der Ansicht, dass die Gemeinwohl-Ökonomie ganz tief aus der Mitte der Gesellschaft und ihren Grundwerten kommt. 

 

Zur Person:

Christian Felber studierte in Wien und Madrid romanische Philologie und Spanisch, sowie Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Er beendete sein Studium 1996 mit einem Magister in romanischer Philologie. Seitdem arbeitet er als freier Publizist und Autor, unter anderem hat er 15 Bücher verfasst oder herausgegeben. Felber ist Mitbegründer von Attac in Österreich und arbeitet an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Graz. 2010 initiierte er das Projekt „Gemeinwohl-Ökonomie“, sowie das Projekt „Bank für Gemeinwohl“.

Seit 2004 ist Christian Felber nebenberuflich auch zeitgenössischer Tänzer, unter anderem beim „Tanzsommer Graz“ und beim Gemeinwohl-Fest 2016.

Website: http://www.christian-felber.at/

Bücher: http://www.christian-felber.at/buecher.php

Die Gemeinwohl-Ökonomie
Überarbeitete Neuauflage mit kostenlosem Download des E-Books "Freihandelsabkommen TTIP - Alle Macht der Konzernen?"
Deuticke, Dezember 2014
280 Seiten, 17,90€ [D] / 18,40€ [A]
ISBN 978-3-552-06291-7          

Verzeichnis aller Gemeinwohl-Unternehmen:  https://ecogood.org/de/community/

Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg
Noah Schöppl und Christian Warmuth
bayern [at] gemeinwohl-oekonomie.org

Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Bayern
Harro Colshorn
bayern [at] gemeinwohl-oekonomie.org
http://gwoe-bayern.org

Christian Felber. Seine Gemeinwohl-Bilanz berücksichtigt Werte wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität, Menschenwürde und Demokratie. Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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