Von wegen vegetarisch oder vegan!

Versteckte tierische Inhaltsstoffe in Lebensmitteln

In Deutschland haben sich im Jahr 2019 rund sechs Million Menschen dazu entschieden, vegetarisch zu essen, knapp eine Million leben vegan und der Rest ist entweder irgendwo dazwischen oder überzeugte Fleischesser*in.

Die Leute, die sich selbst keine Restriktionen setzen, haben es im Supermarkt am einfachsten. Da kann alles in die Tüte, was gerade ansprechend erscheint. Und Vegetarier*innen kaufen dann halt kein Fleisch und Veganer*innen keinen Käse, oder? So einfach wird es sich gerne vorgestellt, oder gewünscht, aber oftmals sind in Lebensmitteln, die vermeintlich vegetarisch oder vegan erscheinen, versteckt tierische Produkte enthalten.

 

Nummerncode oder gar keine Angaben

Wenn tierische Produkte bei der Herstellung oder Verarbeitung der Lebensmittel verwendet werden, dann gibt es oft keine Kennzeichnungspflicht. Das heißt, sie müssen nicht mal bei den Inhaltsstoffen auf der Packung angegeben sein. Noch komplizierter wird es, wenn E-Nummern ins Spiel kommen. Dabei handelt es sich um kleinste Zusatzstoffe. Meistens haben diese komplizierte chemische Namen, weshalb sie einfachheitshalber in eine übersichtlichere Tabelle eingegliedert wurden. Diese Stoffe werden teilweise künstliche hergestellt, einige kommen aber auch natürlich vor, wie beispielsweise E 440 (Pektin), das in Äpfeln enthalten ist. Viele dieser Zusatzstoffe werden aus pflanzlichen Materialien gewonnen. Insgesamt können aber auch 51 der E-Nummern tierischen Ursprungs sein. Leider ist im Endprodukt nicht nachvollziehbar, woraus der Zusatz gewonnen wurde.
Um etwas mehr Transparenz zu schaffen werden jetzt einige dieser versteckten tierischen Inhaltsstoffe vorgestellt.


Gelatine

Gelatine ist ein wahrer Serientäter. Das Eiweiß wird durch Auskochen, oder durch die Zugabe von Säuren oder Basen, aus Haut und Knochen von Schweinen, Rindern, Geflügel und auch Fischen gewonnen. Gelatine wird oft bei Fleisch- oder Wurstwaren zugegeben. Weiterhin bekannt ist auch die Verwendung als Geliermittel in Produkten wie Gummibärchen, Marshmallows, Schokoküssen und Lakritz oder in Gebäckstücken und Desserts. Trotzdem wird Gelatine auch in Produkten verarbeitet, bei denen man es weniger erwartet.
Cornflakes sind zum Beispiel oft damit überzogen, damit der Zucker besser an ihnen haftet. Wenn Frischkäse oder Sahne eine besonders schaumige Konsistenz haben soll, wie beispielsweise der Frischkäse Bresso, wird sie mit dem Einsatz von Schweinegelatine erreicht. In diesen Produkten ist Gelatine als Zusatzstoff enthalten und muss deshalb auch bei den Inhaltsstoffen auf dem Produkt angegeben sein.
Manchmal wird das Eiweiß aber auch nur in der Herstellung oder bei der Verarbeitung verwendet und muss deshalb nicht explizit auf der Packung stehen. Deshalb sind manche Säfte oder Weine als vegan zertifiziert, wobei sich die Frage stellt, was hier denn für tierische Produkte verwendet werden. Auch dabei spiel Gelatine eine Rolle, und zwar im Klärungs- oder Schönungsverfahren, bei dem aus naturtrübem Apfelsaft das natürliche Fruchtfleisch gefiltert wird. Gelatine wird hier zum Binden und Ausfällen der Trübmacher verwendet und in einem zweiten Filterverfahren wieder aus dem Saft entnommen, wobei jedoch meist Rückstände bleiben, die den Saft, oder halt auch den Wein, verunreinigen. Wenn allerdings Provitamin A ins Spiel kommt, ein Farbstoff, der manchen Multivitaminsäften zugegeben wird, damit sie schöner aussehen, ist auf jeden Fall Gelatine im Saft. Der Farbstoff löst sich nämlich nicht allein, sondern nur mit Hilfe von Fischgelatine auf, weshalb diese Säfte auf jeden Fall nicht tierstofffrei sind.
Biere können von Gelatinefilterung übrigens auch betroffen sein. Bei ihnen werden Trübungsstoffe wie Hefereste damit geklärt. Das schließt aber Biere, die unter dem Reinheitsgebot produziert werden, grundsätzlich aus, denn diese werden ausschließlich vegan verarbeitet.

Die Alternative

Allerdings gibt es auch schon andere Schönungsverfahren, bei denen auf Gelatine verzichtet wird. Ultrafiltration ist ein physikalisches Verfahren zur Klärung von Säften und Weinen, das schon von manchen Herstellern, wie beispielsweise Eckes Granini, angewandt wird. Die verschiedenen Methoden sind aber auf den Verpackungen nicht gekennzeichnet. Bio bedeutet in diesem Fall übrigens nicht gleich vegan, das muss extra angegeben werden.

 

Lab in Käse

Käse ist für die veganen Leser*innen vielleicht kein Thema aber einige Konsument*innen gehen dabei wohl doch von einem grundsätzlich vegetarischen Lebensmittel aus. Das ist nicht unbedingt der Fall, denn in der Käseproduktion wird tierisches Lab beigefügt, um die Gerinnung der Milch einzuleiten. Das Enzym wird hauptsächlich in der Produktion von Hartkäse eingesetzt, kann aber auch in Weichkäse enthalten sein. Es wird natürlicherweise durch das Zerschneiden und Auskochen von Kälbermägen gewonnen. Dort ist es enthalten, um den Kleinen das Verdauen der Muttermilch zu ermöglichen.

Die Alternative

Mittlerweile kann der Zusatzstoff aber auch im Labor aus Schimmelpilzkulturen gewonnen werden. Das kann auf dem vegetarischen Käse mit Begriffen wie „Mikrobielles Lab“ oder „Labaustauschstoff“ gelistet sein. Dafür gibt es in Deutschland aber keine Kennzeichnungspflicht, die Hersteller drucken diesen Inhaltsstoff also freiwillig auf der Packung ab.


Tierische Geschmacksverstärker

Oft werden tierische Produkte als Geschmacksträger verwendet, wie es bei Chips der Fall ist. Hier gibt es eine ganze Menge an Zusatzstoffen, die enthalten sein können, wie beispielsweise Butterreinfett, tierisches Lab (was auch hier nicht zwingend angegeben werden muss), Garnelenpulver und Schweinefleischpulver. Auch können hier wieder E-Nummern im Spiel sein. Da es keine verpflichtende Kennzeichnungsregelung dafür gibt, muss auf die Geschmacksträger nicht ausdrücklich hingewiesen werden.

Die Alternative

Das Knabberzeug kann bedenkenlos gegessen werden, wenn es mit dem Vegan-Siegel ausgewiesen ist. Außerdem stellen auch andere Hersteller, wie Alnatura, tierproduktfreie Chips her, ohne dass das extra vermerkt ist. „Wir verzichten bei unseren Bio-Chips auf tierische Inhaltsstoffe“, so die Presseabteilung des Konzerns.

 

Tütensuppen und Co

Auch andere Endprodukte sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Bei Tomatensuppe aus der Tüte könnte auch ganz natürlich von einem veganen, oder zumindest vegetarischen Gericht ausgegangen werden. Entgegen aller Erwartungen ist in manchen Suppen aber Schweinespeck drin. Auch in anderen Tütensuppen oder Gemüsebrühen können tierische Eiweiße oder andere Aromastoffe enthalten sein.

Die Alternative

Deswegen auch hier einfach einen Blick auf die Zutatenliste werfen, da muss darauf verwiesen werden, oder auf als vegan gekennzeichnete Produkte zurückgreifen.


Karmin in Gummibärchen und Marmelade

Dass Gelatine in Gummibärchen enthalten ist, ist mittlerweile durchaus bekannt. Darauf beschränken sich die tierischen Inhaltsstoffe aber nicht unbedingt. Eine weitere Zugabe kann der Farbstoff Karmin (E 120) sein, der manchmal auch bei Marmelade, roten Getränken und der Färbung anderer roter Süßigkeiten angewandt wird. Die Farbe wird aus der Verarbeitung von Schildläusen gewonnen, ist also tierischen Ursprungs.

Die Alternative

Mittlerweile wird in vielen Produkten der alternative und künstlich hergestellte Farbstoff Cochenillerot Azum (E 124) anstatt des echten Karmin verwendet. Sollte es dennoch enthalten sein, muss es bei den Inhaltsstoffen angegeben werden.

 

Chitosan auf Bananen

Kaum zu glauben, aber nicht einmal Bananen sind zwingend vegetarisch, geschweige denn vegan. Chitosan ist ein Insektizid, das nach der Ernte auf die Schale aufgetragen wird, um den Reifungsprozess zu verlangsamen. Dieses Mittel wird hauptsächlich aus Garnelenschalen, aber auch aus Insektenpanzern gewonnen.

Die Alternative

Man kann es vermeiden indem man zur altbewährten Bio-Variante greift, denn hier ist das Insektizid verboten und die Bananen garantiert vegan.


Schellack und Bienenwachs in Obst, Schokolade und Kaugummi

Ein Überzug aus Schellack (E 904) oder Bienenwachs (E 901) kann Obst zum Glänzen bringen und die Feuchtigkeit speichern, damit es länger frisch bleibt. Bienenwachs ist klar nicht vegan, aber was ist Schellack? Es ist eine Ausscheidung von Gummischild-Lackläusen und wird als „Lackharz“ bezeichnet. Das wird auch oft als Überzug bei Kaugummi und Schokolade verwendet.

Die Alternative

Glücklicherweise müssen diese beiden Stoffe auf dem Produkt angegeben sein und können somit durch einen kurzen Blick auf die Zutatenliste umgangen werden.


L-Cystein (E 920) und Schweineschmalz in Backwaren

Ein fluffiges Brötchen und eine knackige Breze zum Frühstück, was kann da denn schon tierisches enthalten sein? Zwei Zugaben sind auch hier versteckt, die nicht mal vegetarisch sind. L-Cystein (E 920) ist ein Zusatzstoff, der aus Schweineborsten oder Federstielen gewonnen wird (Funfact: früher wurde er aus Menschenhaaren gewonnen, bis 2001 eine EU-Richtlinie die Verarbeitung von Menschenhaaren verbot. Jetzt müssen also die Tiere ran). Die Aminosäure macht den Teig leichter knetbar und beschleunigt damit die Verarbeitung und Produktion von Backwaren. Es geht aber noch weiter, denn manche Bäcker backen Laugengebäck in Schweineschmalz aus.

Die Alternative

Da beides nicht angegeben werden muss, müssen Verbraucher beim Bäcker ihres Vertrauens nachfragen, um sicher zu gehen, veganes Backwerk zu bekommen. Bei Biobäckern kommt der L-Cystein aber nicht in Frage, denn er ist verboten.

 

Tierische Inhaltsstoffe sind in vielen alltäglichen Produkten

Übrigens beschränken sich die unerwarteten tierischen Inhaltsstoffe nicht nur auf Lebensmitteln. In den verschiedensten alltäglichen Bereichen können solche Überraschungen warten. Beispielsweise sind manchen Schuhklebern Zusätze aus Tierknochen, Haut oder Milchproteinen beigefügt. Auch Schluckkapseln, die medizinische Wirkstoffe enthalten, sind oft mit Gelatine überzogen, die sich durch die Flüssigkeit im Magen auslöst und den Inhalt freigibt. Im Bereich Kosmetik gibt es eine Vielzahl an tierischen Zusatzmitteln, die Peta https://www.petazwei.de/tierische-inhaltsstoffe-in-kosmetika übersichtlich auflistet.

Die Liste der vorgestellten versteckten tierischen Inhaltsstoffe, die hier gezeigt wurde, ist leider noch lange nicht vollständig. Immer wieder erfährt man von neuen Inhaltsstoffen oder Produktionshilfen, die das Produkt dann doch nicht vegetarisch oder vegan machen. Eine wahre Herausforderung für alle, die auf solche Zusätze achten wollen. Foodwatch wollte es Kund*innen ermöglichen sich über bisher verdeckte tierische Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu informieren und hat bereits 2013 eine klare Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte gefordert. Die Bundesregierung sah aber keine Veranlassung dafür und lehnte den Antrag ab.

Solange diese klare Kennzeichnung noch nicht vorhanden ist, heißt es also sehr genau recherchieren, was auf den Teller kommt, auf Bio- oder vegane Siegel achten oder den Empfehlungen der meisten Ernährungsexpert*innen folgen: Möglichst viel selbst kochen und dabei möglichst ursprüngliche Lebensmittel verwenden.

 

INFO:

Foto: Johanna Pfaffenzeller, Lebensmittel
Foto: Johanna Pfaffenzeller, Lebensmittel
Foto: Johanna Pfaffenzeller, Lebensmittel
Foto: Johanna Pfaffenzeller, Lebensmittel

Über die Autorin

Johanna Pfaffenzeller

Nachhaltigkeit, daran gibt’s jetzt kein Vorbei mehr! Das ist die Einstellung von Johanna Pfaffenzeller. Das Geographiestudium in Augsburg ist da der erste Schritt in die richtige Richtung. Wenn die Vollzeitstudentin nicht gerade Seminararbeiten in der Unibibliothek zusammenschustert, verbringt sie gerne Zeit bei ihren vierbeinigen Lieblingen im Pferdestall, in freier Natur, oder radelt zu ihrem liebsten Second-Hand Laden. Dazu wird auch immer ausschließlich vegetarische Brotzeit eingepackt.

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