„Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“ von Michael Kopatz

Gelesen und gelernt: Buchtipp

Alles bereits gesagt. Warum sich dieses Buch dennoch zu lesen lohnt

Seit 2008 veranstaltet die Ag Bildung und Nachhaltigkeit des Augsburger Nachhaltigkeitsprozesses, in der ich auch mitarbeite, die Vortragsreihe „Was tun?!“. Mit den Vorträgen wollen wir Impulse für konkretes Handeln setzen. Ernährung, Geldanlage, Fairer Handel, Gemeinwohlwirtschaft waren und sind immer wieder Themen. Zwischendurch zweifeln wir manchmal an der Sinnhaftigkeit unserer Arbeit: warum wollen wir eigentlich noch diese Informationen vermitteln – die meisten Leute, und besonders die, die zu unseren Vorträgen kommen, wissen das doch alles längst?

Unser Alltagsroutinen stehen im Widerspruch zu unserer Übrezeugung

Was ärgert: insgesamt gibt es noch immer viel zu wenige Taten. Deshalb begeistern auch tolle Umfrageergebnisse nur im ersten Moment. Denn laut Umfragen kaufen rund 30% regelmäßig faire Produkte – aber der Absatz fairen Kaffees verharrt immer noch bei 3%, bei anderen Artikeln noch darunter. Ähnlich bei Öko-Lebensmitteln – Umfrageergebnis 24%, Realität aber ist ein Marktanteil bei Lebensmitteln von 4%, bei Fleisch sogar nur von 2% - obwohl über zwei Drittel der Befragten nach eigener Erklärung doch bereit sind, höhere Preise für Fleisch und Wurst zu zahlen.

Michael Kopatz' Buch kommt da gerade recht. Kann er diese Widersprüche aufdröseln? Da ist viel Verdrängung im Spiel, viel schizophrenes Verhalten bei uns Konsumentinnen und Konsumenten. Und Gewohnheit, eingefahrene Wege.

Eine Welt mit widersprüchlichen Anforderungen verursacht widersprüchliche Reaktionen

Zunächst hilft schon die ganz banale Erkenntnis: wir handeln so widersprüchlich, „da wir alle in einer Welt mit widersprüchlichen Anforderungen leben“, so der Nachhaltigkeitspsychologe Harald Welzer im Vorwort zum Buch. Immer richtig zu handeln, ist wirklich nicht einfach. Und es wird einem auch nicht leicht gemacht. Genau das ist Kopatz' Ansatz: wir müssen es uns leichter machen. Wir brauchen bessere, umweltfreundlichere Standards.

Das „Ökoroutinen“-Buch steigt mit Wirtschaftstheorie und Psychologie ein. Das ist erhellend. Selbst Konzernchefs fordern strengere Wettbewerbsregeln, die jetzigen Vorschriften behindern Fortschritte Richtung Nachhaltigkeit. Und psychologisch spielt z.B. der ständige, oft unbewusste Vergleich mit anderen eine wesentliche Rolle, denn daraus resultiert Konsumdruck. Glücklicherweise lässt sich der aber auch andersherum nutzen, denn auch nachhaltiges Verhalten wirkt vorbildlich.

Ausführlich beschreibt Kopatz dann die Themenfelder Essen, Wohnen, Strom, Konsum, Mobilität, Arbeiten und Wirtschaftsförderung. Überall gelte es, in veränderte Alltagsroutinen hineinzukommen. Seine Überzeugung: Appelle hierfür reichen nicht, es braucht finanzielle und strukturelle Anreize.

Das Ziel: Veränderung der Alltagsroutinen

Hier eine Liste von Beispielen:

  • Mehrwegsystem mit Standardflaschen, damit Leergut schon in der nächsten Brauerei wieder genutzt werden kann
  • weniger Pestizide und Dünger auf Felder und landwirtschaftliche Flächen: Eine Obergrenze gesetzlich festlegen.
  • schrittweise Anhebung der Tierschutzstandards
  • Zusatzstoffe bei Fertigprodukten reduzieren, um eine gesunde Ernährung zu fördern – z.B. darauf zielen, dass Fertigprodukte nicht mehr als fünf Inhaltsstoffe haben
  • einen Stopp beim Verbrauch von Flächen für Neubauten festlegen; gleichzeitig Anreize für effiziente Wohnraumnutzung schaffen
  • bei Geräten die Gewährleistungen verlängern, um Müll zu vermeiden
  • ökofaire Standards für importierte Kleidung einführen und schrittweise anheben
  • die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen abschaffen, dabei zunächst für eine Übergangszeit nur noch besonders sparsame Fahrzeuge bezuschussen
  • im Winter Radwege zuerst räumen, wie in skandinavischen Städten heute schon üblich, und Radstellplätze anstelle von Parkplätzen ausweisen – denn Ökoroutine bedeutet: achtsame Lebensstile werden systematisch gefördert
  • Den Straßenetat im Bundesverkehrswegeplan umstellen: bestehende Straßen erhalten und keine Neubauten mehr fördern
  • nicht nur Erwerbsarbeit als wertvolles Arbeiten betrachten
  • bei der Erwerbsarbeit „Kurze Vollzeit“ mit im Schnitt 30 Stunden Arbeitszeit pro Woche zum Standard machen – dies bekämpft Arbeitslosigkeit, lindert den Wachstumsdruck und befördert den ökologischen Wandel. Ein so verringertes Bruttoeinkommen sei für weite Bevölkerungsteile durchaus machbar.
  • kommunale Wirtschaftsförderung unterstützen, vor allem kooperative Wirtschaftsformen.

All diese Bespiele und noch viele mehr sind im Buch gut begründet. Erklärt wird, welche Regeln wie von wem geändert werden müssen und können, um das herrschende System umzustellen.

Die Beschreibungen sind ausreichend ausführlich, aber nicht abschreckend komplex. „Ökoroutine“ ist ein klares Plädoyer für eine „Ökonomie der Menschlichkeit“ und die ordnende Hand der Politik, um uns und vielen Mitmenschen weltweit das Leben zu erleichtern – ein Leben, das menschen-, umwelt- und zukunftsverträglich ist.

Fehlt noch die Antwort auf die Anfangsfrage, warum wir in Augsburg immer noch unsere Vortragsreihe machen: natürlich lernt mensch bei den Vorträgen noch das ein oder andere dazu. Vor allem aber erfahren wir, dass wir nicht allein sind, sondern einige, viele, immer mehr. Beides bestärkt das eigene Tun. Deshalb werden wir die Vortragsreihe fortführen. Und auch einen Vortrag machen mit Michael Kopatz zur Ökoroutine, so er Zeit und Lust hat. Geplant ist, hierzu Menschen einzuladen, die Standards gesetzlich festlegen können: Abgeordnete aus Bundestag, eventuell auch aus dem EU-Parlament.

Hej, es klappt mit der Veranstaltung: Ökoroutine ermöglichen. Mehr Lebensqualität durch bessere Stanards - Donnerstag, 6. April 2017, 19.30 Uhr in der Reihe "Was tun?!", Haus Sankt Ulrich. Impulsreferat von Dr. Michael Kopatz und Diskussion mit den beiden Augsburger Bundestagsabgeordneten Ulrike Bahr, SPD, und Dr. Volker Ullrich, CSU. Claudia Roth, Grüne, wird leider in Bangladesh unterwegs sein (Stand 14.12.2016).

Michael Kopatz ist Sozialwissenschaftler und arbeitet schon lange am Wuppertal-Institut, hat dort maßgeblich an der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ mitgearbeitet und u.a. über Agendaprozesse geforscht. Er kennt also die Herausforderungen der Lebensstilwende vor Ort. Zum Buch hat er eine eigene Webseite eröffnet, die einige Einblicke bietet: www.oekoroutine.de

Michael Kopatz, Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. oekom-Verlag München 2016, 412 Seiten. Zu kaufen für 24,95 Euro, gibt es aber auch in der Stadtbücherei Augsburg zum Ausleihen.

Michael Kopatz. Foto: Oekom-Verlag
„Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“ von Michael Kopatz

Über den Autor

Dr. Norbert Stamm

Mitarbeit schon beim alten "Lifeguide Augsburg". Leitet das Büro für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Ausbildung als Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Afrika, zusätzlich Studium Christlicher Sozialwissenschaft. Ehrenamtlich Mitvorstand des Eine Welt Netzwerks Bayern e.V. Verschiedene Veröffentlichungen, darunter "Augsburg Afrika. Ein Buch über Beziehungen" (1996) und "Rendite plus - Möglichkeiten sozialverantwortlicher Geldanlage" (2000). Mitherausgeber von "Kommunen und Eine Welt" (3. Auflage 2014), "Entwicklungspolitik in Bayern - Analysen und Perspektiven" (8. Auflage 2015) sowie "Runder Tisch Bayern: Sozial- und Umweltstandards bei Unternehmen" (jährlich seit 2007).

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