Nachhaltig die Welt bereisen – (Wie) geht das?

Gastbeitrag von unserer Lifeguide-Auslandskorrespondentin Leonore Sibeth

Leonore Sibeth kennen viele von der Umweltstation Augsburg. Sie und ihr Partner Sebastian Ohlert starteten im März 2017 zu ihrer einjährigen Weltreise. Sie sind überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Kann das funktionieren und wenn ja, wie? Ein Bericht von unterwegs:

Steppenartige Landschaften fliegen an unserem Fenster vorbei. Nachdem uns vorhin ordentlich kalt wurde, ist die Klimaanlage mittlerweile auf eine angenehmere Temperatur eingestellt im „ICE des Irans“, auf der Strecke von Kashan nach Yazd. Während im Zug Stille einkehrt und die meisten Fahrgäste einschlafen, schweifen meine Gedanken ab, zurück zu der Vorbereitungszeit dieser Reise, zurück nach Augsburg.

Und, wann fliegt ihr los? Was wird euer erstes Ziel sein?“, erinnere ich mich an die Fragen vieler Freunde, Kollegen und Bekannter, die von unseren Plänen einer einjährigen Reise hörten. „Wir wollen ohne Flugzeug, also mit Bus und Bahn, reisen. Regensburg wird unser erster Stopp sein“, antworteten wir wahrheitsgemäß. Einige Leute lachten, als ob wir uns einen Scherz erlaubt hätten. Andere schauten uns verblüfft bis zweifelnd an. Und einige Wenige waren begeistert von der Idee. „So weit reisen, ganz ohne Flugzeug? Geht das denn? Warum wollt ihr das machen?

Wir sind jetzt zwei Monate unterwegs und können sagen: Das langsame Reisen über Land geht problemlos! Und ist oft sehr viel einfacher, entspannter und günstiger, als wir anfangs dachten.

Seit Reisebeginn haben wir bis heute etwa 6.110 Kilometer zurückgelegt und so acht Länder besucht. Unzählige schöne Begegnungen haben wir gemacht, weil wir in Sammeltaxen, Stadtbussen, Überlandbussen oder Zügen gereist sind und sehr nette Sitznachbarn, Fahrer oder Schaffner getroffen haben. Nach wie vor sind wir mit unserer Entscheidung, auf das Flugzeug zu verzichten, zufrieden. Ehrlich!

 

Warum wollen wir das überhaupt, „nachhaltig“ Reisen?

Ich bin jobmäßig „vorbelastet“. In den letzten drei Jahren beschäftigte ich mich beruflich intensiv mit unterschiedlichen Fragestellungen nachhaltigen Lebens. Da blieb es wohl nicht aus, dass das Arbeitsleben irgendwann auf das Privatleben abfärbte. Auch wenn Sebastian in seinem Arbeitsleben nicht unbedingt mit nachhaltigen Fragestellungen zu tun hatte, verbindet uns beide eine Abneigung gegen Billigflüge, Kurztrips in weit entfernte Städte oder Länder und ein Interesse an ausgewogener, nachhaltiger Ernährung und einem bewussten Umgang mit Ressourcen, sei es Müllvermeidung, die Nutzung von Ökostrom oder der Kauf von bio und fairer Kleidung.

So war für uns beide schnell klar, dass eine Weltreise im klassischen Sinne, beispielsweise mit einem „Around-the-world-Ticket“, für uns nicht in Frage kommt.

 

Aber ist es immer rosarot und wunderbar?

Nein, natürlich nicht. Obwohl wir gut zurechtkommen mit dem Reisen ohne Flugzeug, gab es trotzdem zwei Momente, in denen wir – sagen wir mal: haderten – mit unserer Entscheidung, das Flugzeug nicht zu nutzen:

Die Frau im Ticketschalter am Bahnhof Belgrad schaute uns mitleidig an, als sie uns die schlechte Nachricht überbrachte: „From here to Sofia the train will need around 14 hours.“ 14 Stunden?? Für etwa 390 Kilometer?? Wir waren baff! Da wären wir ja gefühlt mit dem Fahrrad schneller! „Which other options do we have to travel to Sofia?“, fragten wir sie. “Take a plane! It needs only one hour to Sofia. Everyone does that.” Nee, Flugzeug geht leider nicht, wollten wir ihr sagen. Ließen es dann aber doch. Auch andere Reisende, die aus Sofia kamen, verwiesen uns alle auf das Flugzeug… Ach Mist, dachten wir uns. Einfach fliegen und es niemandem erzählen? Einfach fliegen und es thematisieren? Aber es packte uns an der Ehre, nicht schon im ersten Monat aufzugeben und so – trotz eines kurzen Moments des Zweifels – blieben wir hart und entschieden uns am Ende für den Bus. Der brauchte nämlich „nur“ neun Stunden und - so sagten wir uns - was sind schon neun Stunden bei einem ganzen Jahr Reisezeit?! Und ein kleines bisschen stolz und zufrieden waren wir nach unserer Ankunft in Sofia dann doch, nicht gleich aufgegeben zu haben.

Trotz eines kurzen Moments des Zweifels blieben wir hart und entschieden uns am Ende für den Bus. Der brauchte nämlich „nur“ neun Stunden.

Etwas schwieriger (und immer noch nicht final ausdiskutiert) ist der zweite Moment des Haderns: während wir noch gemütlich im Sommer 2016 in Augsburg am Kuhsee saßen und unsere Reiseroute durchdachten, festigte sich die Idee, nach dem Iran über Turkmenistan nach Usbekistan und von da aus nach Kirgisistan zu reisen. Und wie dann weiter? Am liebsten nach China und über Tibet nach Nepal in Richtung Südasien. Es war uns von Anfang an klar, dass eine Individualreise durch Tibet nicht einfach zu organisieren sein würde… Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und so setzte sich diese Reiseroute in unseren Köpfen fest. Und auch heute, nach zwei Monaten Reise – mittlerweile sind wir in Turkmenistan – ist dies unsere präferierte Route.

Doch leiden wir aktuell unter mangelhaften Informationen der betreffenden Botschaften, unklaren Antragsbedingungen für einige Visa und abweichenden Berichten anderer Reisender. All dies lässt uns zweifeln, inwieweit unsere Traumroute umsetzbar ist oder ob wir einen Plan B oder C schmieden müssen. Denn das Problem ist: ich möchte nach Südasien, nach Nepal, nach Indien, nach Bangladesch und dann weiter! Sebastian will an der geplanten Route festhalten und auf jeden Fall bis Kirgisistan reisen. Der Himalaya steht als großes, aber hoffentlich nicht unüberwindbares, Hindernis zwischen beiden Routen. Ein Flugzeug würde vieles leichter machen, aber mittlerweile ist dies keine Option mehr. Nur in Krisen und akuten Krankheitsfällen würden wir eine Ausnahme machen – eine unpassende Reiseroute zählt nicht.

„Do you want water? Biscuits?“ Die zwei Frauen auf den Sitzen neben uns sind aufgewacht und lächeln mich an. Plötzlich bin ich mental wieder zurück im Zug nach Yazd und sehe die vor dem Fenster vorbeiziehenden Sandberge, Lehmhäuser, Ziegenherden und ab und an ein Fabrikgelände. Ich klappe den Laptop zu und beantworte die vielen Fragen der Frauen: „Where are you from? Is that your husband? How long will you stay in Iran? How do you like my country?“.

Deshalb sind wir doch unterwegs, denke ich mir. Um uns langsam fortzubewegen, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Und nicht, um möglichst schnell in ein anderes, womöglich weit entferntes, Land zu gelangen.

Übrigens: Nachhaltiges Reisen ist für uns noch mehr als nur der Verzicht auf das Flugzeug. Es ist beispielsweise auch ein bewusster Umgang mit Kunststoff, seien es Wasserflaschen oder Plastiktüten, die manchmal im Unverstand verteilt werden. Es ist der Versuch, sorgsam mit Kleidung, Ausrüstung und unseren wenigen Habseligkeiten umzugehen, um möglichst lange Freude an ihnen zu haben. Und es ist der Versuch, in unseren Unterkünften möglichst sinnvoll mit Wasser, Strom oder Gas hauszuhalten. Aber dazu vielleicht mehr in einem weiteren Artikel…

Wer neugierig geworden ist auf die Reise von Leo und Sebastian, den verweisen wir gerne auf:

ihren Blog www.eins2frei.com

ihre Facebookseite: www.facebook.com/eins2frei

ihren Instagram-Account: #eins2frei

Zug- und Busfahrten können praktisch genutzt werden: schlafen, aus dem Fenster schauen, Russisch lernen, einen Blogartikel schreiben… Foto: Leo Sibeth
Nach einer Nacht im Nachtzug kommen wir recht müde am nächsten Morgen in Teheran an. Foto: einszweifrei
Ein bisschen eng hier, aber nachdem dann endlich das Bett bezogen war, konnten wir im Nachtzug nach Teheran gut schlafen. Foto: Sebastian Ohlert
Zum ersten Mal reisen wir innerhalb Europas mit einem Fernbus. In den anderen Ländern der Reise ist dies die normale Fortbewegungsmethode – Züge werden selten. Foto: Leo Sibeth
Verstehen eher schwierig. Nett, dass in Bulgarien die Anzeige immer noch auf lateinische Lettern wechselt, sonst wären wir ziemlich aufgeschmissen. Foto: Leo Sibeth
Mit dem Bummelzug nach Belgrad. Eine Streckensperrung gibt uns die Möglichkeit, uns für ein Weilchen die Beine zu vertreten. Foto: Leo Sibeth
In der Türkei mieteten wir uns ein Auto. Ist kein öffentliches Verkehrsmittel (trotz vieler Mitfahrer, die wir ein Stückchen mitnahmen), aber es ermöglichte es uns, an Orte zu gelangen, an die wir sonst nicht kommen würden. Foto: Leo Sibeth
Wir zwei am Meydan-e Amir Chaqmaq im Herzen der iranischen Stadt Yazd. Hergereist ohne den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Foto: einszweifrei
Nachhaltig um die Welt reisen: Leo Sibeth im Iran. Foto: Sebastian Ohlert
Nachhaltig um die Welt reisen: Leo Sibeth im Iran. Foto: Sebastian Ohlert

Über die Autorin

Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert

Die beiden Wahl-Augsburger reisen aktuell nach und durch Asien und vielleicht weiter. Und das möglichst nachhaltig, langsam und bewusst. Seit März 2017 sind sie unterwegs und schreiben über ihre Erlebnisse auf ihrem Blog www.eins2frei.com.

Neuen Kommentar schreiben